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Erziehungsexperte Jürg Frick im Interview

Wie lebt es sich als Lieblingskind? Warum sich viele Eltern mit der Gleichbehandlung von Geschwistern schwertun

Mein Ein und Alles: Ein Lieblingskind zu haben, bzw. ein Kind ab und an zu bevorzugen, ist menschlich und oftmals durch die Biografie der Eltern bedingt. Auf Dauer kann es aber zum Problem werden.

Mein Ein und Alles: Ein Lieblingskind zu haben, bzw. ein Kind ab und an zu bevorzugen, ist menschlich und oftmals durch die Biografie der Eltern bedingt. Auf Dauer kann es aber zum Problem werden.

Herr Frick, haben Eltern Lieblingskinder?

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Das ist nicht immer so. Aber es kommt häufiger vor. Nur geben Eltern das sehr selten zu. Wenn sie aber merken, dass sie ein Kind bevorzugen, ist ihnen das sehr unangenehm, schließlich herrscht ja die Ideologie, man solle Kinder gleich behandeln. Faktisch aber ist es nun einmal so, dass Kinder Eigenschaften zeigen, die einem näher liegen oder bei denen man sich schneller ärgert – und Eltern darauf eben unterschiedlich reagieren.

Ist es also gar nicht sinnvoll, Kinder gleich behandeln zu wollen?

Diese Ideologie der Gleichbehandlung ist erstens nicht möglich und zweitens ist sie falsch. Es geht aus meiner Sicht weniger darum, die Kinder gleich zu behandeln, sondern die Kinder gleich fair zu behandeln. Denn wenn man sie gleich behandelt, dann behandelt man sie letztlich ungleich und ungerecht. Ein Dreijähriger hat andere Bedürfnisse als eine Zwölfjährige und nicht jeder hat auch im gleichen Moment genau das gleiche Bedürfnis.

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Was genau wäre eine faire Gleichbehandlung?

Wenn Kinder beispielsweise im selben Alter jeweils gleich viel Taschengeld erhalten oder ältere Kinder nicht zur selben Zeit wie die jüngeren ins Bett müssen.

Es geht aus meiner Sicht weniger darum, die Kinder gleich zu behandeln, sondern die Kinder gleich fair zu behandeln.

Wieso werden Kinder in Rollen gedrängt?

Trotzdem scheinen Eltern oft in diese Falle zu tappen. Wer ist denn in der Regel das Lieblingskind?

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Das ist abhängig von den Eltern und ihrer Vorgeschichte. Hatten sie zum Beispiel selbst Geschwister und welche Rolle hatten sie da? Das eine Elternteil ärgert sich sehr über das brave Kind, ein anderes Elternteil findet es dagegen angenehm, weil es nicht so quengelig ist und klingt wie die eigene doofe Schwester. Man muss also im Einzelfall genau schauen, warum manche Kinder in Rollen gedrängt werden, in denen sie dann bevorzugt oder abgelehnt werden.

Zur Person: Professor Jürg Frick war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2021 viele Jahre Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Der gebürtige Schweizer ist Psychologe und Experte für Geschwisterbeziehungen.

Zur Person: Professor Jürg Frick war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2021 viele Jahre Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Der gebürtige Schweizer ist Psychologe und Experte für Geschwisterbeziehungen.

Handeln Eltern hier bewusst?

Den meisten Eltern ist das nicht bewusst. Hier spielt sicher Verdrängung eine Rolle. Was allerdings auch ein menschlicher Zug ist.

Und wenn es ihnen bewusst wird oder bewusst gemacht wird: Wie fühlen sich Eltern mit der Erkenntnis, ein Lieblingskind zu haben?

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Manche Eltern, die stark nach christlichen oder sonst sehr strengen Vorstellungen leben oder überhaupt rigide Vorstellungen haben, schämen sich dafür. Andere fühlen sich angegriffen, lehnen das ab oder verdrängen das. Dann gibt es aber auch Eltern, die eine gewisse Reflexionsfähigkeit haben und im besten Fall sogar dankbar dafür sind, dass sie jemand darauf aufmerksam macht.

Faktisch aber ist es nun einmal so, dass Kinder Eigenschaften zeigen, die einem näher liegen oder bei denen man sich schneller ärgert – und Eltern darauf eben unterschiedlich reagieren.

Manche benachteiligte Kinder sind lebenslang davon gezeichnet

Und wie geht es dem Lieblingskind in seiner Rolle?

Das ist verschieden. Für einige Lieblingskinder ist es einfach normal, bevorzugt zu werden. Anderen ist das unangenehm. Die Mehrzahl aber wird seine Rolle wahrscheinlich akzeptieren, weil sie bei all den Vorteilen, die es gibt, die Nachteile übersehen.

Welche Nachteile sind das?

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Die zeigen sich häufig erst später. Diese Kinder haben dann eine gewisse Lebenshaltung entwickelt, in der sie es für normal halten, an erster Stelle zu stehen. Oft merken sie erst später im Leben, dass das so nicht funktioniert. Zum Beispiel in der Partnerschaft: Da müssen sie sich ja auch für den anderen interessieren und sich in ihn hineinversetzen. Manchen fehlt dann aber die Fähigkeit dazu.

Und wie geht es den Geschwistern, die benachteiligt werden?

Auch hier ist das unterschiedlich. Viele leiden darunter, manche sind lebenslang davon gezeichnet. Andere entwickeln eine kämpferische Seite, wehren sich dagegen, indem sie zum Beispiel früh ausziehen und für sich einen anderen Weg finden.

Biografische Hintergründe als Auslöser

Kann denn eine gute Geschwisterbeziehung gelingen, auch wenn Eltern starke Unterschiede machen?

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Es hängt natürlich davon ab, wie die Eltern das handhaben und inwieweit die Geschwister das selbst durchschauen. Aber es gibt Fälle, in denen Kinder selbst gegensteuern. Vor allem wenn sie älter werden, können sie sich darüber austauschen und vielleicht auch sehen, dass Eltern aus ihren eigenen biografischen Gründen so gehandelt haben. Das aber sind eher reifere Prozesse.

Diese Kinder haben dann eine gewisse Lebenshaltung entwickelt, in der sie es für normal halten, an erster Stelle zu stehen.

Was können Eltern tun, wenn sie das Gefühl haben, die Kinder nicht gleich fair zu behandeln?

Als Erstes würde ich diesen Eltern gratulieren. Denn sich das einzugestehen ist schon der erste Schritt zur Veränderung. Im zweiten Schritt könnte es helfen, sich mit anderen Eltern darüber auszutauschen. Vielleicht bevorzugen auch sie ein Kind, vielleicht eher das brave oder das quirlige. Über das Gespräch kommt man dann der Frage näher: Was hat das eigentlich mit mir und meiner Geschichte zu tun?

Und wie geht es dann weiter?

Dann geht es darum gegenzusteuern. Man muss bewusster darauf achten, in welchen Situationen man wie reagiert, und sich dann zum Beispiel fragen: Warum ärgere ich mich in diesem Moment über dieses Kind so sehr? Hilfreich kann auch eine Beratung mit Fachpersonen sein. Das ist eine gute Möglichkeit, etwas Neues über sich zu lernen. Für wen wir Sympathie, Antipathie, Ablehnung, Zuneigung erleben ist ja nicht nur auf Kinder bezogen, sondern auf Menschen insgesamt.

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