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Lehrerverbandspräsident Meidinger: „Trotz schlechter Bildungspolitik gibt es noch gute Schulen“

  • Heinz-Peter Meidinger (66) ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Am 25. Januar erscheint sein Buch „Die 10 Todsünden der Schulpolitik“.
  • Darin kritisiert er unter anderem die Erwartungshaltung an Schule.
  • Was Schule leisten kann und was nicht, und was er von der heutigen Schülergeneration hält, erzählt der ehemalige Gymnasialdirektor im Interview.
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„Vor Hochmut und Faulheit sind auch manche Politiker nicht gefeit“ sagt Heinz-Peter Meidinger (66), ehemaliger Gymnasialdirektor. Sein Buch „Die 10 Todsünden der Schulpolitik. Eine Streitschrift“ ist am 25. Januar erschienen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes erklärt im Interview, warum die vielen Reformen in der Schulpolitik mehr geschadet als genutzt haben und was Schüler und Eltern eigentlich von der Institution Schule erwarten dürften.

Herr Meidinger, warum sind Sie Lehrer geworden?

Sicher haben mich meine Eltern geprägt: Meine Mutter war Förderschullehrerin, mein Vater Hauptschulrektor. Ich hatte aber auch überlegt, Arzt zu werden oder Jura zu studieren. Dann hab ich mich doch fürs Lehramt entschieden. Schon im Studium merkte ich: Das ist genau das Richtige.

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Was macht in Ihren Augen einen guten Schüler, eine gute Schülerin aus?

Es mag verwundern, aber ich würde das nicht an der Leistung festmachen. Unter einem guten Schüler verstehe ich jemanden, der eine Erwartungshaltung hat, die die Schule befriedigen muss. Das ist jemand, der neugierig ist, lernen will und zu einem lebendigen Kommunikationsprozess bereit ist.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident der Lehrergewerkschaft, hat „Die 10 Todsünden der Schulpolitik“ geschrieben. Erschienen ist das Buch im Claudius Verlag und kostet 15 Euro. © Quelle: Claudius Verlag

Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass die Gesellschaft zu viele Erwartungen an die Schule stellt.

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Die Quintessenz von dieser Todsünde „Überforderung der Schule“ ist nicht die Forderung, keine Erwartungen mehr an Schule zu haben oder sich mit dem Status quo zufrieden zu geben. Aber wir haben zur Zeit ein Ungleichgewicht. Da gibt es die von der Politik und der Gesellschaft lautstark formulierten Erwartungen an die Schulen. Zum großen Teil werden diese auch von den Lehrern internalisiert. Demgegenüber steht das, was man als Schule wirklich leisten kann.

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Was für Erwartungen meinen Sie?

Beispielsweise die Forderung, die Bildungsunterschiede auszugleichen, also die Kopplung zwischen Herkunft und Bildungserfolg aufzulösen. Natürlich hat jede Lehrkraft die Verpflichtung, die benachteiligten Kinder besonders im Blick zu haben. Aber sie wird immer auch feststellen, dass Schule diese Aufgabe weder allein noch ausreichend stemmen kann. Die Rolle der Eltern und der Gesellschaft wird immer stärker sein.

Tatsächlich ist es aber so, dass bei allen gesellschaftlichen Problemen Schule missbraucht wird. Sind die Kinder beispielsweise zu dick, soll es die Schule richten. Mangelt es an individueller Förderung, sind wir im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Kriegen wir das mit der Inklusion nicht richtig hin, dann ist immer die Schule schuld. Das führt nur zu Frustration. Stattdessen muss man von vornherein Ziele realistischer und begrenzter setzen – diese dann aber umso konsequenter verfolgen.

Was aber kann man denn von Schule erwarten?

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Zuerst einmal, dass sie ihren Bildungsauftrag erfüllt. Die Gesellschaft muss sich darauf verlassen können, dass Kinder beispielsweise in der Grundschule die zivilisatorischen Grundfertigkeiten lernen. Damit meine ich Lesen, Schreiben, Rechnen und auch das Kommunizieren. Zum Bildungsauftrag gehört auch die Demokratieerziehung.

Statt aber die Dinge einfach aufzuzählen, hilft es, immer das Ziel von Schule zu sehen. Das sind nämlich die Jugendlichen, die unsere Schulen verlassen. Was sollen das für Menschen sein? Was für eine Haltung, was für Grundkompetenzen sollen sie mitbringen? Da habe ich heute immer noch das Bild vom mündigen jungen Bürger im Kopf, der sein Leben selbst in die Hand nehmen kann und auch seine Verantwortung in der Gesellschaft sieht.

Und wenn Sie sich die Schülerinnen und Schüler von heute angucken, sind Sie dann enttäuscht?

Nein, ich bin nicht enttäuscht. Ich habe auch nie etwas davon gehalten, die heutige Schülergeneration schlecht zu reden. Als Schulleiter habe immer das Grundgefühl gehabt, dass die schon eine gute Entwicklung nehmen werden. Okay, das widerstrebt ein bisschen den Todsünden.

In der Tat.

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Sagen wir: trotz Unterrichtsausfall, trotz politischer Fehler. Mir hat die Jugend immer noch das Gefühl vermittelt, dass sie positiv in die Gesellschaft hineinwirken wird. Gott sei Dank gibt es ja trotz schlechter Bildungspolitik noch gute Schulen mit guten Lehrkräften und motivierten Schülern.

Sie stellen der Politik in Ihrem Buch ja ein desaströses Zeugnis aus.

Eigentlich stellt sich die Politik dieses Zeugnis selber aus.

Sie schreiben von Todsünden wie Arroganz, Hochmut, Faulheit. Ist es so schlimm um uns bestellt?

Hochmut, Faulheit, das ist ein Rekurs auf christliche Todsünden. Und davor sind auch manche Politiker nicht gefeit. Auch nicht vor Untätigkeit: Politik macht sich nicht nur schuldig durch falsche Entscheidung. Sie macht sich auch schuldig, wenn sie notwendige Entscheidungen nicht trifft. Im Kern geht es aber in meiner Streitschrift um bildungspolitische Todsünden.

Mangelnde Vergleichbarkeit ist ein Punkt, den Sie stark kritisieren.

Ja. Und das könnte man regeln, indem man beispielsweise einen Teil der Abschlussprüfungen einheitlich macht. Ich finde, in den Kernfächern sollte die Hälfte der Abituraufgaben in allen Ländern gleich sein. Nur dann haben wir eine eindeutige Messlatte. Die erzeugt auch Druck, dass die Länder, die die Messlatte eindeutig nicht erreichen, sich verbessern müssen.

Eine große Sünde des deutschen Bildungssystems aber wird in Ihrem Buch erstaunlich wenig thematisiert: die Bildungsgerechtigkeit, also der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg. Warum ist das keine Ihrer Todsünden?

Damit es kein Missverständnis gibt: Natürlich ist Chancengerechtigkeit eine große Herausforderung für Schulen. Das Grundproblem aber ist, dass die Schule nur begrenzte Möglichkeiten hat. Damit Kinder aus sozial benachteiligten Familien bessere Chancen haben, gehört viel mehr dazu, als ihnen nur ein Abschlusszeugnis in die Hand zu drücken. Ich bin total dafür, die 20 Prozent der Kinder, die bei PISA-Studien als abgehängt identifiziert wurden, verstärkt zu fördern. Es darf aber nicht dazu führen, dass gleichzeitig andere Schülergruppen nicht mehr gefördert und Leistungsstarke gebremst werden.

Aber wie vergleichbar ist denn eine Leistung, die so maßgeblich vom Elternhaus abhängt?

Schule wird keine Gleichheit herstellen können. Die Frage ist: Was kann Schule ausgleichen? Diese Ungerechtigkeit, die schon allein in der Natur liegt, dass es Schüler mit unterschiedlichen Begabungen gibt, das kann man nicht ausgleichen. Schule kann versuchen soziale Benachteiligung in Grenzen auszugleichen, etwa durch intensive Förderung und Ganztagsangebote. Das würde ich für förderbedürftige Kinder auch verpflichtend machen. Denn wenn 15-Jährige selbst einfache Texte nicht richtig verstehen, dann haben sie dauerhaft in ihrem Leben enorme Nachteile.

Viele sagen, die Corona-Krise sei jetzt auch eine große Chance, das ganze System Schule neu zu denken. Sie sagen aber, wir hätten genug reformiert. Wünschen Sie sich eine Schule wie früher – nur digitaler?

Nein, das ganz bestimmt nicht! Ich wünsche mir schon eine Schule, die den benachteiligten Kindern die Chance gibt, Leistung zu bringen. Für einen schweren Fehler halte ich aber diesen Rückzug von Leistungsbewertungen mit Verzicht auf Noten und Zeugnissen, den auch Konkurrenzgewerkschaften fordern. Damit trifft man Aussagen über das Leistungspotenzial, die dann auch Orientierung für nachfolgende Bildungsinstitutionen oder Unternehmen bieten. Bisher hat noch niemand ein besseres System erfunden, als diese Leistung in Noten und Abschlusszeugnissen zusammenzufassen.

Und doch sagen Sie, ein guter Schüler sei mehr an der Haltung als an Leistungen zu bemessen.

Eine schlechte Note ist ja keine Charakterfrage. Das ist für mich kein schlechterer Mensch. Es wäre fatal, wenn Eltern den Kindern das Gefühl geben, sie schätzten das Kind nicht mehr wert. Man muss es sehen als das, was es ist: ein Vergleichsranking in einer bestimmten Lerngruppe. Noten sind auch ein Signal, wie man sich verbessern kann. Ich selbst habe es als Schüler aber auch anders erlebt. Da wurden die Noten vor allen anderen einfach hingeklatscht. Angefangen bei den Sechsern.

Sind Sie gerne zur Schule gegangen?

Nicht immer. Ich bin in der siebten Klasse sitzen geblieben. Ich hatte mich ein bisschen verrechnet und gedacht, die Leistungen würden zum Vorrücken reichen. Mir hatte nicht ein Lehrer mal gesagt: „Meidinger, da musst du dich mal auf den Hosenboden setzen, sonst fällst du durch!“ Ich hatte bei einigen Lehrern damals das Gefühl, wir Schüler waren denen wurscht. Ein Grund, warum ich Lehrer geworden bin, war sicherlich auch, dass ich es anders machen wollte.

Heute müssen Lehrkräfte vieles anders machen, Stichwort Digitalisierung. Kaum ein Thema sorgt gerade für mehr Aufregung an Schulen. Hat nur die Politik das Thema so lange verschlafen?

Die Zeiten sind sicher vorbei, in denen es Lehrkräfte gab, die grundsätzlich mit der Nutzung von Computern fremdeln. Aber Lehrkräfte auf digitale Tools und Geräte zu schulen, setzt voraus, dass diese Fähigkeiten an der eigenen Schule auch eingesetzt werden können. Das ist nach wie vor häufig nicht der Fall, weil etwa schnelles Internet fehlt. Trotzdem: Nach dem ersten Lockdown ist ein regelrechter Digitalisierungsschub durch die Lehrerzimmer gegangen. Wir sind bei Distanzunterricht jetzt trotz weiterbestehender Probleme doch besser aufgestellt als im letzten Frühjahr.

Was sind gerade die größten Probleme hinsichtlich der Digitalisierung?

Beim Kernpunkt der Verbesserung der IT-Grundstruktur an Schulen, also was die Versorgung mit schnellem Internet und die WLAN-Ausleuchtung angeht, ist leider im letzten Jahr zu wenig passiert. Es ist unfassbar, dass in diesem Zeitraum so wenig Digitalpaktmittel abgerufen und an den Schulen gelandet sind. Nach wie vor sind auch die Lernplattformen der Länder – weder was die Kapazitäten noch was die Funktionen anbelangt – für eine effektive Distanzbeschulung der 11 Millionen Schülerinnen und Schüler nicht geeignet. Und auch mit den versprochenen Dienstlaptops für Lehrkräfte und den billigen Internettarifen für Kinder und Jugendliche wird es wohl in diesem Schuljahr nichts mehr werden.

Was müssen Eltern, Schülerinnen und Schüler, aber auch Arbeitgeber in Zukunft von Schule in Sachen Digitalisierung erwarten können?

Es ist völlig klar, dass die Schule in einer Gesellschaft, die in allen Bereichen immer stärker von Digitalisierung geprägt sein wird, die Aufgabe hat, die Schülerinnen und Schüler bestmöglich darauf vorzubereiten. Dabei geht es aber nicht nur um die Nutzung digitaler Medien und des Internets, sondern auch um den kritisch-reflektierten Umgang damit, also beispielsweise das Erkennen von Fake-News oder auch die Bekämpfung von Cybermobbing. Ziel von Schule muss der souveräne Umgang unserer Kinder mit digitalen Medien sein. Wobei ich allerdings zugeben muss, dass auch wir Erwachsene vielfach davon noch weit entfernt sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch von dem Wunsch, einen echten Schulfrieden zu haben. Was verstehen Sie darunter?

Schulfrieden ist für mich eine Art Grundkonsens auf das, was Priorität haben muss in der Bildungspolitik.

Und das wäre?

Eigentlich alles, was Kindern hilft, sich eine gute Bildung anzueignen. Aber auch die Frage, wie man mit Inklusion umgeht oder mit diesen vielen Schularten. Da haben wir einen kompletten Wildwuchs. Dieser leidige, ideologische Kampf zwischen Gesamtschulen und dem gegliederten Schulwesen: Da würde ich mir wünschen, dass wir den überwinden. Ich wünsche mir ein Bewusstsein dafür, dass Bildungspolitik ein ganz sensibles Gebiet ist. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Landes und der Kinder. Diese Experimentierfreudigkeit in der Vergangenheit, die hat der Schule nicht genutzt.

Die Gesamtschule ist in Ihren Augen gescheitert. Wie viel Konsens schaffen Sie an einem Tisch, wenn das so im Raum steht?

Die Gesamtschule ist gescheitert an ihrem Anspruch, bessere Leistungen und größere Chancengleichheit zu bringen und damit die bisherigen Schulformen zu ersetzen. Sie ist nicht gescheitert als eine der Schularten, die in einem gegliederten Schulwesen ihren Platz haben kann.

Zum Schluss Ihres Buches stellen Sie Forderungen an die Politik, etwa Reformen künftig nur an wissenschaftliche Evidenz zu koppeln und auf Ideologien zu verzichten. Weil Sie auch schreiben, als Lehrer brauche man Optimismus: Wie optimistisch sind Sie, dass es dazu kommen wird?

Ich hoffe, die Hochzeit der Todsünden liegt hinter uns. Die Diskussion in Hamburg über die Primarstufe, die Auseinandersetzung über die Dauer der Gymnasialzeit: Diese Schulkämpfe haben uns kein Stück weitergebracht. Ich sehe gerade keine große Reideologisierung der Bildungspolitik. Und ich glaube auch nicht, dass die Wirtschaft in Form des Neoliberalismus’ noch einmal derart verhängnisvoll auf das Bildungswesen einwirken wird, wie es mit der Einführung des G8 passierte. Vielleicht haben wir also eine günstigere Situation als noch vor 15 Jahren.

Und wenn wir aufs aktuelle Schuljahr gucken: Wie optimistisch sind Sie, dass die Schülerinnen und Schüler gut durch dieses Corona-Jahr kommen?

Es wäre vermessen, da jetzt eine klare Prognose abzugeben. Das hängt ganz stark davon ab, ob wir spätestens Mitte Februar zumindest teilweise wieder in den Präsenzbetrieb kommen. Wenn uns das nicht gelingt, dann haben wir eine Zweiteilung: eine Gruppe, die wenig Nachteile hat, weil sie digital gut aufgestellt ist und eine Gruppe, die abgehängt worden ist. Das sind vor allem die sozial Benachteiligten, auch die Kinder an den Förderschulen oder schwer motivierbare Jugendliche. Und für die müssen wir schon jetzt Lösungen finden.

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