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Leben nach sexuellem Missbrauch: Eine Betroffene erzählt von ihrer Kindheit

  • Tamara wächst mit zwei jüngeren Geschwistern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater auf einem Bauernhof in Armut auf.
  • Im Grundschulalter wird Tamara von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht.
  • Auch die Kinder der heute 30-Jährigen erfuhren durch ihren Ex-Partner Gewalt.
David Sander
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Die Geschichte von Jeremias Thiel hat viele Menschen berührt. Mit elf Jahren floh er vor seiner Familie und einem Leben in Armut und ging zum Jugendamt. Damals, vor acht Jahren, sagte er: “Ich will weg von meinen Eltern.” So schaffte er sich selbst eine Perspektive. Heute studiert er in den USA. In den sozialen Medien wurde sein Interview weitverbreitet. Viele Nutzer bekundeten Respekt für den Mut, den Thiel bereits als Elfjähriger aufbrachte. Darunter waren auch Kommentare von Menschen, die sagten, sie haben Ähnliches erlebt. Tamara (30) hat uns ihre ganz persönliche Lebensgeschichte erzählt, um anderen Betroffenen Mut zu machen, nicht zu schweigen, sondern aufzustehen und die Stimme zu erheben.

Tamara, 30: Eine Kindheit zwischen Armut und Gewalt

Tamara lernt von Anfang an ein Leben in Armut kennen. Sie wächst mit zwei jüngeren Geschwistern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater auf einem Bauernhof auf. Ihren Erzeuger lernt sie erst kurz vor ihrem 18. Geburtstag kennen. “Der Haushalt glich einem Messiehaushalt. Teilweise liefen Ratten und Mäuse herum”, erzählt Tamara. Das Geld ist knapp, die Mutter verdient es mühsam durch das Austragen von Zeitungen. Schon als kleines Kind lernt Tamara, sich um Haus und Hof zu kümmern und zu kochen. “Ich wünschte, meine Kindheit wäre besser gewesen. Ich wollte einfach Kind sein, doch wurde von klein auf als Erwachsene hingestellt.”

Im Grundschulalter wird Tamara sexuell missbraucht

Als Tamara sieben Jahre alt wird, nimmt das Unglück seinen Lauf. “Am Anfang waren es nur Schläge. Danach packte mein Stiefvater mich öfter am Hals und hob mich hoch”, sagt die heute 30-Jährige. “Ich habe auch mit dem Gürtel und mit Metallstangen Schläge auf den Po bekommen.” Die Gewalt richtet sich auch gegen ihre jüngeren Geschwister, “aber sie bekamen ‘nur’ Schläge”, erzählt Tamara.

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Kurz darauf fängt ihr Stiefvater an, Tamara auch sexuell zu missbrauchen. Er meint, dass ihre Mutter ihm nicht das gibt, was sein sollte, erinnert Tamara. “Als kleines Kind wusste ich nie, dass es falsch war. Erst mit dem Alter wurde es mir bewusst. Aber ich konnte mich nie wehren.” Tamara fühlt sich machtlos, sie weiß nicht wohin. Ihr Stiefvater verbietet ihr, mit irgendjemandem darüber zu reden. “Er sagte, dann komme ich weg und dann geht es mir noch schlechter.”

Wie so viele Kinder in dem Alter sucht auch Tamara die Schuld bei sich. “Ich habe mich oft gefragt, was ich gemacht habe. War ich zu freizügig? War ich zu offen oder zu leichtgläubig? Aber diese Fragen konnte mir ja keiner beantworten”, sagt die heute 30-Jährige.

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Die seelischen Narben bleiben

Mit 17 Jahren wird es Tamara zu viel. Sie haut von zu Hause ab zu ihrer Oma. Von dort aus kommt sie in einer Mädchenzuflucht unter. “Ich bin dann aber wieder zurück nach Hause, weil es hieß, es würde sich etwas ändern.” Doch es ändert sich nichts. Nach zwei Wochen kehrt Tamara in die Zuflucht zurück. “Am Anfang fiel mir meine Entscheidung abzuhauen sogar schwer. Ich habe mich oft gefragt: ‘Was ist wenn … ?’”, sagt sie. Doch als sie daheim immer öfter eingeschlossen wird und ihren ersten Freund hat, wird ihr bewusst, dass sie etwas in ihrem Leben erreichen will.

Tamara erhält ihren Realschulabschluss und absolviert erfolgreich zwei Ausbildungen im Gast- und Hotelgewerbe. Doch trotz beruflichem und privatem Erfolg – die seelischen Narben bleiben. “Ich war in Therapie, habe aber heute noch Probleme”, erzählt sie. Ihr fällt es schwer, mit ihrem jetzigen Partner intim zu werden. “Er möchte jeden Tag gerne mehr, doch mit der Zeit wurde mir das zu viel und jetzt haben wir kaum noch etwas Intimes, weil andauernd Erinnerungen hochkommen.”

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Tamaras Kinder erfahren durch Ex-Partner Gewalt

Mittlerweile ist Tamara selbst Mutter. Sie hat vier Kinder; zwei Mädchen im Alter von zehn und neun Jahren sowie zwei Jungen – Zwillinge, vier Jahre alt. Alles, was sie will, ist, dass ihre Kinder einfach Kinder sein können. Doch leider muss Tamara erfahren, dass der leibliche Vater der Zwillinge gewalttätig ist. Noch vor der Geburt stellt sich das im Umgang mit seinen Stiefkindern, Tamaras Töchtern, heraus. “Es fing an, dass er sie dauernd ins Zimmer schickte. Dann schlug er ihnen auf den Po”, erzählt die junge Mutter.

Laut Tamara geht der Stiefvater noch weiter. So bekommt die ältere Tochter von ihm eine Salzlösung zu trinken, weil sie an den Fingernägeln kaut. Die jüngere bekommt als Strafe für das Einnässen Pfeffer in ihre Scheide gestreut. Durch eine Risikoschwangerschaft mit den Zwillingen ist Tamara bettlägerig, sie kann nicht aktiv eingreifen. Auch sie bekommt die Wut ihres Partners zu spüren. “Er bewarf mich mit Handy, Fernbedienung und Co.”, sagt sie. Nach der Geburt der Zwillinge möchte sich Tamara trennen, weshalb der Kindesvater ihr die beiden Jungs wegnimmt.

“Dann kam das Jugendamt und nahm mir auch noch die beiden Großen weg. Da ich sie angeblich misshandelt habe”, erzählt die 30-Jährige. Die Geschichten der Misshandlung wendet ihr Ex-Partner gegen sie, meint Tamara. “Ich war am Boden, wusste nicht weiter – alles, was mir wichtig war, war weg.”

Der Kampf um die Glaubwürdigkeit – auf den Schultern der Kinder

Es folgt ein längerer Gerichtsstreit. Währenddessen kann Tamara nur selten zu ihren Kindern, die in einem Heim unterkommen – auch der Kindesvater erhält Besuchsrecht. Als bestätigt wird, dass die Vorwürfe gegen Tamara haltlos sind, kehren ihre beiden Töchter zu ihr zurück. Die Zwillinge ziehen zu dem Kindesvater. “Obwohl er aus meiner Sicht nicht mit ihnen umgehen konnte”, sagt Tamara. Beide Eltern haben das Sorgerecht.

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Auch wenn der Lebensmittelpunkt bei dem Vater ist, kommen die Zwillinge mehrmals in der Woche zu Tamara – auch mal über Nacht. “Seit einem Jahr wird es immer heftiger”, sagt Tamara, “die Kinder kommen teilweise mit Platzwunden oder Hämatomen zu mir, sie haben am ganzen Körper Narben.” Tamara war bereits mehrmals mit den Kleinen im Krankenhaus. “Dann sagte das Jugendamt, ich solle die Kinder einbehalten, um sie zu schützen.”

Einfach Kind sein

Doch das Gericht entscheidet wieder: Die Kinder müssen zurück zum Kindesvater. “Es läge keine nachweisbare Kindeswohlgefährdung vor. Die Aussagen der Kinder seien nicht relevant, sie könnten ja manipuliert sein”, erzählt Tamara. Sie hat das Gefühl, dass ihr keiner glaubt. Das Jugendamt sieht keinen Bedarf, solange nicht nachgewiesen werden kann, dass der Kindesvater die Zwillinge misshandelt, sagt die 30-Jährige. “Dabei hat mich bisher keiner mal zum Arzt oder ins Krankenhaus begleitet. Es finden keine gemeinsamen Gespräche statt, nur getrennte.”

Tamara wünscht sich, dass ihre Söhne endlich zu ihr kommen. Dass sie endlich einfach Kind sein können. Dass sie die Kindheit bekommen, die Tamara selbst nie hatte.

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Wenn Sie selbst Opfer sind oder Gewalt verbaler sowie physischer Natur beobachten, zögern Sie nicht zu handeln!

  • Bei akuter Bedrohung, wählen Sie die 110. Die Polizei tut alles Erforderliche, um Sie zu schützen.
  • Zeigen Sie die Straftat bei der Polizei an. Das geht bei jeder Polizeidienststelle.
  • Kinder- und Jugendtelefon: 0800 111 0333, Nummer gegen Kummer (anonym und kostenlos erreichbar montags bis samstags, 14-20 Uhr)
  • Onlineberatung für Jugendliche unter www.youth-life-line.de
  • HilfetelefonGewalt gegen Frauen” unter 8000 116 016.
  • Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222.
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