• Startseite
  • Familie
  • „Late Talker“: So erkennen Eltern, ob bei ihrem Kind ein Risiko für eine Sprachstörung vorliegt

„Late Talker“: So erkennen Eltern, ob bei ihrem Kind ein Risiko für eine Sprachstörung vorliegt

  • Bis zum zweiten Lebensjahr sollten Kinder rund 50 Wörter sprechen.
  • Sollte das nicht der Fall sein, handelt es sich oft um „Late Talker“ - Kinder, die später mit dem Sprechen anfangen, aber aufholen.
  • Etwa jedes zehnte Kind leidet jedoch unter einer Sprachstörung.
Helene Kilb
|
Anzeige
Anzeige

Als ihr Sohn Gustav mit eineinhalb Jahren noch kein einziges Wort sprach, wurde Ulla langsam stutzig. Für die achtfache Mutter lag der Vergleich mit Gustavs Geschwistern nahe: „Die anderen haben teilweise schon mit einem Jahr erste Wörter gesprochen“, erzählt sie. „Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht.“ Bei der U7, die um den zweiten Geburtstag herum stattfindet, fiel erstmals der Begriff „Late Talker“. Als Late Talker werden Kinder bezeichnet, die bis zum Ende des zweiten Lebensjahres weniger als 50 Wörter sprechen oder keine Wortkombinationen bilden, ansonsten aber einen altersgerechten Entwicklungsstand zeigen. Zuvor werden sogenannte Primärbeeinträchtigungen wie etwa eine Hörstörung ausgeschlossen.

Für unerkannte Late Talker besteht das Risiko lebenslanger Nachteile

Aktuell betrifft das Problem etwa jedes fünfte Kind in Deutschland, genauer: „Bis zu 20 Prozent aller Kinder werden Ende des zweiten Lebensjahres als Late Talker kategorisiert“, sagt Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Rund ein Drittel bis die Hälfte dieser Kinder, „Late Bloomer“ genannt, holt den Rückstand im dritten Lebensjahr auf. Doch im Umkehrschluss bedeutet das: Insgesamt kämpft mindestens eines von zehn Kindern nach dem dritten Geburtstag noch mit der Sprache.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Worin die Ursachen dafür liegen, sei bislang nicht bekannt, sagt die Logopädin Utikal. Dr. Burkhard Rodeck, der als Generalsekretär bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) arbeitet, ergänzt: „Das höchste Risiko für eine späte Sprachentwicklung haben Kinder aus problematischen sozioökonomischen Verhältnissen. Kinder brauchen eine sprachfreundliche Umgebung, in der aktiv mit ihnen gesprochen und gelesen wird.“

Bei manchen Kindern zeigt sich das Sprachproblem sehr deutlich – aber nicht bei allen: Für viele Late Talker besteht das Risiko der „scheinbaren Normalisierung“, sagt die Logopädin Sonja Utikal. „Dann holen die Kinder ihren sprachlichen Rückstand zwar bis zum dritten Geburtstag scheinbar auf, zum Beispiel, weil sie dann in die Sprache kommen und merklich mehr sprechen. Kurz vor der Einschulung offenbaren sich jedoch neue Probleme.“ Den betroffenen Kindern gelänge es beispielsweise nicht, Reime zu erkennen, Silben sicher zu klatschen oder zu entscheiden, ob ein Wort einen bestimmten Laut enthalte. „Einer wissenschaftlichen Studie zufolge bleiben die sprachlichen Fähigkeiten der sogenannten ‚Late Bloomer‘ langfristig meist im unteren Normbereich“, fasst Sonja Utikal zusammen. Noch drastischer beschreibt es Dr. Rodeck von der DGKJ: „Späte Sprachentwicklung beeinträchtigt eine adäquate Sozialisation, verzögert die Schulreife und kann lebenslange Nachteile für die Kinder zur Folge haben“, sagt er.

Anzeige

Ullas Sohn Gustav war zum Glück keins dieser Kinder: „Kurz vor dem dritten Geburtstag hat er angefangen zu reden“, erzählt Ulla. „Dann ging es richtig schnell, er hat sehr viel geredet und bald auch schwierige Wörter aufgenommen und Sätze gebildet.“ Auch in der Grundschule sind keine sprachlichen Schwierigkeiten mehr aufgetreten. Gerade erst hat der heute Zehnjährige seine Halbjahresbewertung erhalten, die seine Fähigkeiten in Grammatik und Rechtschreibung lobt.

Was Eltern bei Sprachstörungen tun können

Doch ab wann können Eltern sich sicher sein, dass sich die Sprachentwicklung ihres Kindes wirklich verzögert? „Mit 24 Monaten sprechen Kinder im Durchschnitt 50 Wörter verschiedener Wortarten, unter anderem erste Verben“, sagt Rodeck von der DGKJ. Allerdings berücksichtigen herkömmliche Testverfahren, wie sie etwa in den Vorsorgeuntersuchungen eingesetzt werden, nicht, wie viele Wörter die Kinder bereits verstehen. Die Logopädin Sonja Utikal kritisiert das sehr offen. Denn das generelle Interesse an Sprache sei ein wichtiger Indikator: „Bei Kindern, die oft unzufrieden wirken, die keinen Blickkontakt suchen und die man sprachlich so gar nicht erreicht, sollte man genauer hinschauen.“ Zudem entwickelten die meisten Eltern ein gutes Gespür dafür, dass etwas beim Spracherwerb nicht stimme.

Auch Ulla kennt dieses Gefühl. „Doch als ich das beim Arzt ansprach, sagte der: ‚Machen Sie sich keine Sorgen, die anderen Geschwister reden doch schon genug.‘ Erst mit vier Jahren könne man da dann etwas machen.“ Sonja Utikal gibt zu bedenken : „Der Verordnungsgipfel für logopädische Therapie liegt seit Jahren um den 5. Geburtstag der Kinder herum – also ein Jahr vor der Einschulung. Für Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung ist dies jedoch viel zu spät.“ Dagegen sagt Dr. Burkhard Rodeck von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: „Die Aussage, dass Kinder-und Jugendärzte die Kinder vergleichsweise spät zum Logopäden schicken, kann ich so nicht bestätigen. Zwar sollte die Indikation zur weiterführenden Diagnostik großzügig gestellt werden. Aber spätestens bei der U7a im Alter von drei Jahren bei fehlender Aufholtendenz muss man tätig werden.“

Doch statt abzuwarten, können Eltern selbst aktiv werden. „Eine logopädische Diagnostik und Therapie vor dem dritten Geburtstag hat ja keine schädlichen Nebenwirkungen – gerade dann nicht, wenn Eltern sich ohnehin bereits Sorgen machen“, sagt Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Ulla entschied sich damals dafür, auf ihre Intuition zu vertrauen. Als ihr Sohn etwa zweieinhalb Jahre alt war, besuchte sie mit ihm ein Elterntraining an einem Frühförderzentrum. „Im Nachhinein weiß ich nicht, ob das der Auslöser für Gustavs sprachlichen Fortschritte war oder ob es ohnehin so gekommen wäre“, sagt Ulla. Allerdings gab ihr das Elterntraining die Sicherheit, dass mit der Mundmotorik und dem Sprachverständnis alles in Ordnung war. „Gustav war einfach nur mit allen Schritten etwas später dran, mit dem Krabbeln, Laufen, in der Schule und eben auch beim Sprechen.“

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen