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Kuscheln erwünscht: Warum Väter ihre Kinder auch in den Arm nehmen sollten

  • Väter dürfen und sollten zärtlich mit ihren Kindern umgehen.
  • Doch alte Rollenbilder und die Angst vorm Missbrauchsvorwurf machen es ihnen nicht leicht.
  • Mütter sollten Vätern außerdem nicht noch zusätzlich im Weg stehen.
Sebastian Hoff
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Den Sohn wickeln, mit der Tochter schmusen, mit beiden Kindern baden: Für Wolfgang Nacken gehört das zur Erziehung dazu. „Die körperliche Nähe zu meinen Kindern war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit für mich“, erzählt er. Auch in der Öffentlichkeit: Seine Tochter begleitete er jahrelang Hand in Hand zur Schule – bis sie elf Jahre alt war. Das sei vor einigen Jahren noch ungewöhnlich gewesen, berichtet der Berater des Hamburger Vereins „Väter“, doch inzwischen habe sich der öffentliche Diskurs gewandelt.

Der liebevolle Umgang zwischen Vätern und Kindern ist gesellschaftlich nicht wirklich anerkannt

Väter, die körperliche Nähe zu ihren Kindern suchen und zärtlich mit ihnen umgehen, sind ein vertrautes Bild. Sie tragen Babys vor dem Bauch, nehmen ihre Sprösslinge auf Spielplätzen tröstend in den Arm und küssen Schulkinder zum Abschied, wenn sie auf Klassenfahrt gehen. Doch so selbstverständlich ein liebevoller Umgang zwischen Vätern und Kindern zu sein scheint – gesellschaftlich anerkannt ist er noch lange nicht. Unter anderem deshalb fällt es vielen Männer schwer, körperliche Nähe zu ihren Kindern zu leben.

„Während der liebevolle, kuschelnde Vater seit mindestens 40 Jahren Realität ist, herrscht in den Köpfen vieler Menschen noch immer ein Rollenverständnis von vor hundert Jahren“, bedauert Markus Witt, Mitglied im Bundesvorstand des Vereins Väteraufbruch für Kinder. „Leitbild und Realität klaffen stark auseinander“, bestätigt Professorin Barbara Thiessen, die an der Hochschule Landshut das Institut Sozialer Wandel und Kohäsionsforschung leitet. Das liege insbesondere an tradierten Rollenbildern, die noch immer fortwirkten.

Körperkontakt ist für die Entwicklung der Kinder wichtig

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Mit Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert wurde das Emotionale den Frauen und Männern das Rationale zugeschrieben. Das sei biologisch begründet worden, erläutert Thiessen. Im Kaiserreich und im Nationalsozialismus wurde dann ein Väterbild propagiert, das Strenge und Härte gegenüber dem Nachwuchs einforderte. „Väter haben sich Gefühle regelrecht abgewöhnt“, sagt Thiessen. Die Kriegsgeneration wuchs ohne Körperkontakt zu ihren Vätern auf.

Nach dem Krieg kritisierten Söhne die Gefühlskälte ihrer Väter, spätestens mit der 1968er-Bewegung entwickelten Männer ein anderes Verhältnis zu ihren Kindern. Sie wollten sich stärker in der Erziehung einbringen und suchten auch die körperliche Nähe. Seit den 1970er-Jahren dürfen sie in den Kreißsaal und das Neugeborene in den Arm nehmen. „Damit entsteht eine zärtliche Verbindung fürs Leben“, sagt Martin Gnielka, Berater und Sexualpädagoge bei Pro Familia. Und dennoch: „Das biologische Weltbild ist sozial erlernt und in den Köpfen noch drin“, weiß Nacken aus vielen Beratungsgesprächen. Die Rollenzuschreibung sei aber vollkommen überholt, meint er. Körperkontakt sei für die Entwicklung der Kinder wichtig.

Witt bestätigt: „Ist auch der Vater zärtlich, lernen Kinder zudem, dass sie liebevolle Beziehungen zu einer anderen Person als der Mutter aufbauen können.“ Da Väter sich oft anders verhielten, könnten auch Geschlechteridentitäten besser entwickelt werden. Voraussetzung dafür ist, dass Mütter die Männer gewähren lassen. Viele Frauen beanspruchten jedoch das Fürsorgliche für sich und betrieben „maternal gatekeeping“, erklärt Witt. Sie erklärten sich im Umgang mit Kindern zu Expertinnen, obwohl sie genauso unerfahren seien wie die Väter, ergänzt Thiessen. Vor allem in Familien mit traditioneller Aufteilung von Arbeit und Haushalt fügten sich Väter in ihre „Assistentenrolle“, so die Expertin: „Im Alltag werden zumeist Abkürzungsstrategien verfolgt und damit Geschlechterstereotype zementiert.“

Väter können meist selbst einschätzen, was für das Kind angenehm ist

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Für viele Männer stellt das eine Erleichterung dar: Sie können sich auf ein vertrautes Männlichkeitsbild zurückziehen, das für Gefühle wenig Raum lässt. Weil sie sich weniger ums Kind kümmern, werden sie seltener mit ihrer eigenen Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit konfrontiert. Hinzu kommt: „Niemand hat Vorbehalte, wenn eine Mutter körperliche Nähe zu einem Kind zeigt. Bei einem Vater finden dies einige Menschen noch immer befremdlich“, sagt Witt. Martin Gnielka spricht gar von einem „Generalverdacht“, dem Väter ausgesetzt seien und der sie im Umgang mit ihren Kindern verunsichere. Zwar sei es wichtig, Missbrauch rechtzeitig zu erkennen, aber die körperliche Nähe zwischen Vätern und Kindern dürfe nicht pauschal kritisch betrachtet werden. Es sei falsch, aus Furcht vor einer Verdächtigung den Kontakt zum Kind einzuschränken. Gleichwohl sollten Eltern auf die Signale ihrer Kinder achten, um deren Grenzen zu wahren, meint Gnielka: „Väter wissen in der Regel sehr gut einzuschätzen, was fürs Kind angenehm ist und was nicht.“

Um bestehende Vorbehalte gegen zärtliche Väter zu überwinden, wünscht sich Witt sichtbare Vorbilder und selbstbewusste Männer. Wichtig sei es dabei allerdings, authentisch zu bleiben, meint Gnielka. Jeder Mann sei unterschiedlich in der Lage, Zärtlichkeit zuzulassen. Er rät Vätern grundsätzlich, ihr Herz zu öffnen und Gefühle zu zeigen. Das signalisiere auch: Wir gehören zusammen. Und: Es fühlt sich einfach gut an“, sagt Nacken.

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