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„Ein Teufelskreis“: Warum arbeiten so wenige Männer in Kitas und Grundschulen?

  • In Kitas und Grundschulen sind Erzieher nach wie vor rar.
  • Traditionelle Rollenbilder wirken oft immer noch fort.
  • Erzieher berichten, wie sie damit umgehen – und wie mit dummen Sprüchen und Vorurteilen.
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Nach seinem Zivildienst in einer Förderschule stand Artur Thruns Berufswahl fest: Er wollte Grundschullehrer werden. „Ich wollte mit Menschen arbeiten und Kinder frühzeitig prägen“, berichtet er. Seine Entscheidung wurde im Freundeskreis und in der Verwandtschaft oft belächelt. „Das Klischee war, dass Grundschullehrer mit der Gitarre vor der Klasse sitzen und den Kaspar machen“, erzählt er. In der Ausbildung sei er als Mann ein „Exot“ gewesen: Das Referendariat absolvierte er zusammen mit 64 Frauen und fünf Männern.

Dieses Geschlechterverhältnis ist an Grundschulen seit Jahrzehnten typisch: Nur etwa 13 Prozent der Lehrkräfte seien männlich, sagt Thrun, der auch Sprecher des Jungen Verbandes Bildung und Erziehung in Nordrhein-Westfalen ist.

Traditionelle Rollenbilder wirken fort

Noch unausgeglichener ist das Verhältnis in Kitas: Laut Bundesagentur für Arbeit sind dort bundesweit gerade einmal 7 Prozent Männer beschäftigt – in Städten oft mehr, im ländlichen Raum dagegen deutlich weniger. Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch ein Wandel ab: So hat sich die Zahl an Erziehern seit 2011 fast verdreifacht. Und in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen beträgt ihr Anteil mittlerweile gut 11 Prozent.

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Dass Erziehungsberufe in der Regel von Frauen ausgeübt werden, hat historische Ursachen: Jahrzehntelang war es nur ihnen gestattet, mit Kindern zu arbeiten. Die Aufgabe war mit dem Rollenbild der häuslichen und fürsorgenden Frau zu vereinbaren. Außerdem herrschte die Ansicht, dass nur Frauen die natürlichen Eigenschaften besäßen, die in diesem Beruf gefordert seien, erläutert die Broschüre „Männer für erzieherische Berufe gewinnen – Perspektiven definieren und umsetzen“ des Landes Baden-Württemberg. Das änderte sich erst in den 1960er-Jahren. Damals wurde die Berufsbezeichnung Erzieherin beziehungsweise Erzieher eingeführt.

Die traditionellen Rollenbilder wirken bis heute fort: „Erziehung ist leider immer noch überwiegend Frauensache in der Gesellschaft“, sagt Christian Gündling, Leiter einer Kita in Würzburg. „Es kommt sogar vor, dass Menschen meinen, der Beruf passt nicht zu Männern“, ergänzt Thrun.

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Die Erfahrung, dass Erziehungsberufe als unmännlich gelten, machte auch Cem Erkisi, der in einer Berliner Kita arbeitet. Oft sei er gefragt worden, wieso er das nötig habe. Verwandte hätten den Beruf als Babysitting abgetan, berichtet er. Die Reaktionen seiner Freunde fielen hingegen positiv aus: „Viele hatten Respekt davor, dass ich mich auf die Arbeit mit Kleinkindern einließ.“

Stereotype werden weitergegeben

Weil Kinder in Krippen, Kitas und Grundschulen fast ausschließlich weibliches Personal erlebten, entstehe bei ihnen der Eindruck, es handele sich um Frauenberufe, erläutert Thrun. „Hier gibt es also einen gewissen Teufelskreis.“ Auch in Lehrwerken würden oft Frauen in diesen Berufen abgebildet. Hinzu kommt, dass frühkindliche Erziehung mitunter geschlechtsspezifische Stereotype festigt. Dann werden bei Mädchen zum Beispiel fürsorgliche Eigenschaften verstärkt, bei Jungen wird hingegen das Interesse an Technik gefördert.

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Zum traditionellen Rollenverständnis gehört auch, dass Männer für das Haupteinkommen in der Familie sorgen und Karriere machen. Frauen hingegen arbeiten oft in Teilzeit mit möglichst flexiblen Arbeitszeiten, damit sie sich um die Kinder kümmern können. Dafür sind viele Erziehungsberufe geeignet – um finanziell gut über die Runden zu kommen hingegen nicht. Denn Jobs in Krippen, Kitas und Grundschulen sind vergleichsweise schlecht bezahlt. Auch die Aufstiegschancen sind gering. Diese Faktoren tragen zur fehlenden Wertschätzung und mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung der Berufe bei. Erkisi fordert deshalb, dass Kitas stärker als Bildungseinrichtungen gesehen werden.

Vielfalt ist beim Personal gefragt

Insbesondere zur Arbeit mit kleinen Kindern gehören der Körperkontakt und pflegerische Tätigkeiten wie Wickeln oder die Begleitung zur Toilette. Männer unterliegen dabei oft dem Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs. Das Thema spiele bei der Arbeit immer wieder eine Rolle und könne Männer davon abschrecken, den Beruf zu ergreifen, sagt Cedric Dörr vom freien Träger Konzept-e. Er empfiehlt, dem Thema mit Respekt, aber nicht mit Angst zu begegnen.

Anders als in vielen anderen Arbeitswelten sind Männer in Kitas und Grundschulen in der Minderheit. Oft werden sie mit Vorurteilen konfrontiert und an sie werden bestimmte Erwartungen gerichtet. Sie sollen etwa Fußball spielen, raufen und handwerkliche Aufgaben übernehmen. Oder anders ausgedrückt: Sie sollen Leerstellen füllen, die Erzieherinnen angeblich lassen. Außerdem wird ihnen zugeschrieben, dass sie zum Beispiel mit aggressivem Verhalten von Jungen besser zurechtkommen. Dann ist der „starke Mann“ und damit ein Rollenklischee gefordert. Diese Erwartungshaltungen werden aber weder männlichen Erziehern noch dem weiblichen Personal gerecht, heißt es in der Broschüre des Landes Baden-Württemberg.

„Männer erziehen anders“

Andererseits berichten männliche Erzieher von einem unterschiedlichen Umgang mit Kindern: „Männer erziehen anders, sie machen zum Beispiel mehr Bewegungsangebote“, sagt Gündling. Sein Kollege Dörr weist darauf hin, dass schon Statur und Stimmlage sich von Frauen unterschieden. Außerdem falle es Männern manchmal leichter, sich kindlich zu verhalten, findet er. „Die männliche Perspektive ist oft lockerer“, bestätigt Thrun. Im Gegensatz zu seinen Kolleginnen behandele er im Sachunterricht häufiger technische und handwerkliche Themen.

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Letztlich ist es aber nicht nur eine Frage des Geschlechts, dass mehr Männer in Kitas und Grundschulen arbeiten sollten. Es geht vor allem um Diversität und um unterschiedliche Identifikationsangebote für Kinder. Das Personal solle die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln, wünscht sich Ulf Rödde, Hauptvorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Auch weil es mehr alleinerziehende Mütter als Väter gibt, spielen Lehrer in der Grundschule und Erzieher in der Kita eine wichtige Rolle.“ Sie stellen außerdem in frauendominierten Gruppen manchmal Selbstverständliches und Routinen infrage.

Viele männliche Erzieher und Grundschullehrer berichten von positiver Resonanz in ihrem Job – sowohl von Kolleginnen als auch von Eltern, die sich meist mehr männliches Personal wünschen. Kinder begegnen Erziehern und Lehrern ohnehin in der Regel aufgeschlossen. „Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie sich entwickeln. Ich bekomme ganz viel von ihnen zurück“, betont Gündling. „Ich gehe jeden Tag supergerne zur Arbeit“, sagt auch Thrun. Erkisi ist ebenfalls von seinem Job überzeugt: „Er bietet mannigfaltige Entfaltungsmöglichkeiten.“

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