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“Völliger Unsinn”: Kinderarzt kritisiert Kita-Verbot bei Schnupfen

  • Auch wenn nur die Nase läuft, werden Kinder in Corona-Zeiten häufig nach Hause geschickt.
  • Denn die Kitas müssen sich an strenge Auflagen halten.
  • Doch Schnupfen als Ausschlusskriterium zu definieren ist übertrieben, sagt Kinderarzt Jakob Maske im Interview.
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Berlin. Kaum hatten die Kitas bundesweit für alle Kinder wieder offen, saßen die ersten schon wieder zu Hause. Der Grund: In den meisten Bundesländern sind die Einrichtungen wegen der Hygienevorgaben auch bei leichten Erkältungssymptomen dazu angehalten, Kinder nach Hause zu schicken. Manche Kitas verlangen von den Kinderärzten ein Attest, das eine Erkrankung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 ausschließen soll. Andere verlangen von den Kindern ein negatives Corona-Testergebnis, wieder andere nichts davon.

Jakob Maske hat eine Kinderarztpraxis in Berlin-Schöneberg und ist Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Ein Gespräch über den Sinn der Vorgaben aus der Politik und worauf Eltern hoffen können.

Herr Maske, es häufen sich die Fälle, in denen Kitas Kinder bei einem ganz normalen Schnupfen nach Hause schicken. Wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht, einen Schnupfen als Ausschlusskriterium zu definieren?

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Das ist völliger Unsinn. Schnupfen ist kein typisches Symptom für eine Corona-Erkrankung, sondern ein ganz normales Erkältungssymptom. Im ersten Kitawinter machen Kinder 10 bis 15 Infekte durch, im zweiten sind es immer noch 5 bis 10.

Jetzt ist Sommer, und trotzdem sind viele Kinder gerade erkältet. Stimmt die Theorie, dass sie die Infekte jetzt nachholen, die sie aufgrund der Kitaschließungen im Frühjahr nicht hatten?

Ob man von Nachholen sprechen kann, weiß ich nicht. Aber eines ist klar: Seitdem die Kitas wieder geöffnet haben, kommen wieder mehr Kinder zusammen und Infekte breiten sich leichter wieder aus. Nur haben die nicht zwangsläufig was mit Corona zu tun.

Wenn Kitas kranke oder vermeintlich kranke Kinder konsequenter nach Hause schicken, wird das insgesamt den Krankenstand bei Kindern und Erziehern senken. Was bedeutet das aber fürs kindliche Immunsystem?

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Das ist das Problem: Irgendwann müssen wir alle durch Erkrankungen durch, je früher, desto besser. Sonst verschiebt sich der Aufbau der Abwehrkräfte immer weiter nach hinten.

Wenn Schnupfen kein Grund ist, Kinder nach Hause zu schicken – welche Symptome sind es dann?

Nach wie vor gilt, dass Kinder mit Fieber – davon sprechen wir bei einer rektalen Messung ab 38,5 Grad – bei Durchfall, Erbrechen oder allgemeiner Schlappheit zu Hause bleiben sollten. Und natürlich ist es im Einzelfall sinnvoll, das Kind bei Verdacht auf Corona – etwa, weil es engen Kontakt zu einer infizierten Person hatte – ebenfalls nicht in die Kita zu schicken.

Manche Einrichtungen verlangen auch ein Attest, so genannte Gesundschreibungen vom Kinderarzt, bevor Sohn oder Tochter zurück in ihre Gruppe dürfen. Was ist davon zu halten?

Wir haben uns als Verband dazu ganz klar positioniert. Bei banalen Infektionskrankheiten gibt es keine medizinische Notwendigkeit, Atteste auszustellen. Ich halte das sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich gesehen für Unsinn. Denn ein Elternteil muss dann wieder mit dem Kind in die Praxis laufen, um ein Attest zu holen und kann dann wieder einen Tag nicht arbeiten gehen.

Ist zu befürchten, dass Eltern im Herbst und Winter aus Verzweiflung heraus vermehrt ihr Kind mit Fieberzäpfchen oder – saft in die Kita schicken werden?

Es gibt Fälle, in denen Eltern das jetzt schon machen. Aber ich glaube nicht, dass das ansteigen wird. Weil sich die meisten Eltern ja doch um ihr Kind sorgen, wenn es krank ist.

Kinder wurden von Beginn der Pandemie an besonders streng behandelt – obwohl zahlreiche Studien mittlerweile widerlegt haben, dass von Kindern eine große Ansteckungsgefahr ausgeht. Wie erklären Sie sich das?

Die Politik hat niemals die Sicht der Kinder eingenommen, in der ganzen Zeit nicht. Die Einschränkungen, die beschlossen wurden, waren richtig. Aber die Lockerungen sind für Kitas und Schulen viel zu spät gekommen. Da wurden Kollateralschäden einfach in Kauf genommen, dass Kinder Bindungen verloren haben, dass sie weniger gelernt haben. Kinder sind als Superspreader dargestellt worden. Dabei wissen wir, dass von ihnen eine geringe Gefahr ausgeht. Trotzdem gibt es viele Erzieher und Lehrer, die vor einer Ansteckung große Angst haben. Das muss man ernst nehmen.

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Haben Sie noch einen Rat für Eltern, wie sie durch die Herbst- und Wintersaison mit ihren Kindern kommen?

Nerven behalten. Es muss eine klare Regelung von oben geben, wie Kitas mit leichten Symptomen in den nächsten Monaten umgehen sollen. Und ich bin mir sicher, die wird kommen. Der Druck steigt.

RND/dpa

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