Kitas in der Krise: “Das größte Problem ist der Personalmangel”

  • Das Budget ist knapp, es gibt zu wenige Fachkräfte und der Druck der Eltern wird immer größer.
  • Kindertagesstätten stecken zurzeit in der Krise.
  • Wo dringender Verbesserungsbedarf besteht und was getan werden muss, erzählt Autorin und Kita-Leiterin Susanne Schnieder im Interview.
Birk Grüling
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Der Zustand vieler Kindertagesstätten gefährdet die Zukunft der Gesellschaft. Mit diesen drastischen Worten warnt Kita-Leiterin Susanne Schnieder in ihrem Buch vor den Folgen einer falschen Bildungspolitik. Doch was muss sich ändern?

Frau Schnieder, ich habe mich über den Titel Ihres Buches geärgert. “Die Herrschaft der Rotzlöffel” legt nahe, dass auch die Kinder an der Kita-Krise schuld seien.

Auf den Titel hat auch der Verlag einen maßgeblichen Einfluss. Aber vielleicht braucht es drastische Titel, um Aufmerksamkeit für wichtige Themen zu bekommen. Aber natürlich haben Sie recht. Die Kinder tragen keine Schuld an der aktuellen Bildungsmisere. Sie müssen sich auch nicht verändern, sie sind gut so, wie sie sind.

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Sie lassen kein gutes Haar am aktuellen Zustand vieler Kindertagesstätten. Mit welchen Problemen haben denn Kita-Leitungen im Moment zu kämpfen?

Das größte Problem ist der Personalmangel. Wir können längst nicht alle Stellen besetzen und müssen quasi jeden nehmen, der sich bewirbt. Ob sie oder er gut in die Einrichtung passt oder nicht, können sich viele Leitungen nicht mehr aussuchen. Gleichzeitig suchen sich gute Erzieher und Erzieherinnen vor allem Einrichtungen und Träger aus, die eine gute Ausstattung oder die vielleicht noch etwas mehr Geld bieten. Das führt in manchen, vor allem kleineren Einrichtungen zu einer starken Fluktuation.

Aus dem fehlenden Personal entsteht schnell ein Mangel an Zeit für die pädagogische Arbeit. Viele Erzieher und Erzieherinnen haben im Alltag kaum Luft, um wichtige Themen wie Demokratie oder Nachhaltigkeit zu verfolgen. Wir haben für solche Projekte pro Woche 3,5 Stunden Vorbereitungszeit. Das ist viel zu wenig, um Dinge vorzubereiten oder sich in Themen einzulesen. Außerdem müssen wir uns in dieser Zeit auch noch um die Dokumentation kümmern. Im schlimmsten Fall fällt auch diese Zeit noch aus, weil eine Kollegin krank oder im Urlaub ist. Dann ist man glücklich, wenn alle Kinder unbeschadet den Tag überstanden haben. Das hat mit frühkindlicher Bildung wenig zu tun.

Warum ergreifen aus Ihrer Sicht nicht mehr junge Menschen den Beruf?

Es fehlt an Wertschätzung für diesen tollen Beruf. Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie in einer Kita arbeiten, kommen immer die gleichen Sätze: “Das könnte ich ja nicht” oder “Oh Gott, wie hältst du das durch”. Dazu kommt die weit verbreitete Vorstellung, dass wir den ganzen Tag spielen und Kaffee trinken. Natürlich ist das nur die Spitze des Eisbergs. Diese Wertschätzung zeigt sich auch im Gehalt, in der mangelnden Ausstattung der Kindertagesstätten oder im respektlosen Verhalten mancher Eltern gegenüber den Pädagoginnen. Und es fehlt eine Aussicht auf Karriere, und Fortbildungen werden nicht zusätzlich honoriert. Mit etwas Pech kriecht man mit 60 Jahren immer noch über den Spielteppich.

Zum Glück lieben viele meiner Kollegen und Kolleginnen wirklich die Arbeit mit Kindern und sehen deshalb über die Schattenseiten hinweg. Aber Selbstaufgabe ist kein gutes Argument für einen Beruf. Leider entscheiden sich viele Schulabgänger für andere Berufe – nicht wegen der Arbeit mit den Kindern, sondern wegen den Rahmenbedingungen. Umso wichtiger wäre es, dass wir uns stärker wehren und besser verhandeln. Wir sind schließlich durch den Fachkräftemangel in einer guten Position, um Forderungen zu stellen. Das wäre ein wichtiger Schritt für einen attraktiveren Erzieherberuf.

Susanne Schnieder ist Kita-Leiterin, Tanzpädagogin, Systemischer Gesundheitscoach und Referentin in der Erwachsenenbildung. Sie hat zwei Kinder. © Quelle: Horst Lüdeking

Wie kann man als Kita-Leitung dem Fachkräftemangel begegnen?

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Als Kita-Leiterin kann ich nur sagen, Einrichtungen brauchen Glück und kreative Modelle. Manche Träger bieten schon mehr Geld für Erzieher und Erzieherinnen mit Zusatzqualifikationen oder locken mit Mietzuschuss oder Bahntickets. Auch Gestaltungsfreiheit und gute Ausstattung ist oft ein Argument im Kampf um gutes Personal. Aber das große Problem muss politisch gelöst werden. Immerhin kam der Fachkräftemangel ja nicht über Nacht, sondern deutete sich über viele Jahre an. Ihn zu bekämpfen, wurde sträflich vernachlässigt. Was uns konkret und kurzfristig helfen würde, wäre zum Beispiel eine Öffnung der Kitas für mehr Fachkräfte – zum Beispiel könnten wir gut Heilerziehungspfleger- und pflegerinnen oder Ergotherapeuten gebrauchen. Oftmals ist ihre Einstellung für Sonderaufgaben oder den Gruppendienst aber nicht oder nur sehr umständlich möglich.

Wie viel Gestaltungsfreiheit haben Kita-Leitungen?

Für eine aktive Gestaltung fehlen das Budget und das Personal. Ein Beispiel: Ich habe kaum Budget, mir einfach eine Musikfachkraft oder eine Fachkraft für Sprachförderung einzustellen, wenn ich sie für zehn oder 20 Stunden pro Woche brauche. Es wird immer noch davon ausgegangen, dass eine Erzieherin alles abdecken kann.

Und das ist ein fataler Fehlglaube. Wenn wir frühkindliche Bildung wirklich ernst nehmen, brauchen wir alle nötigen Fachleute für unsere Kitas und zwar mit angemessener Bezahlung. Grundschulen und weiterführende Schulen haben genau dieses Budget. Deshalb bin ich eigentlich auch kein Fan von kostenlosen Kita-Plätzen. Ich glaube, viele Eltern wären bereit, für mehr Qualität, Personal oder bessere Ausstattung in ihrer Kita etwas Geld zu bezahlen – vielleicht 50 Euro, vielleicht 200 Euro. Aber das nur am Rande.

Eltern sind ein gutes Stichwort. Welche Ansprüche stellen sie heute an die Kita?

Das ist ein bisschen paradox. Auf der einen Seite ist Kita eine Bildungsinstitution – zum Glück ohne Stundenplan und zu großen Druck. Bei uns können die Kinder sich im freien Spiel entfalten, voneinander lernen, Selbstwirksamkeit erleben und werden in ihren Stärken und ihren Interessen bestärkt. Hier kommen sie in Kontakt mit sich selbst.

Auf der anderen Seite erleben wir einen wachsenden Druck seitens der Eltern, vor allem wenn es auf die Grundschule zugeht. Dann sollen wir plötzlich Stillsitzen, Lesen, Schreiben und Rechnen üben. Ich werde auch oft gefragt, ob das Kind nicht schon mit fünf Jahren eingeschult werden könnte. Ich frage mich schon, ob wir wirklich beim Thema Bildung so aufs Tempo drücken sollten. Wir werden schließlich immer älter. Ich würde eher dafür plädieren, dass wir die Kinder so lange wie möglich frei lernen und den eigenen Interessen folgen lassen.

Susanne Schnieder und Carsten Tergast: Die Herrschaft der Rotzlöffel. Ecowin. 22 Euro. ISBN: 9783711002617. © Quelle: ecoWIN

Wie wichtig ist Elternarbeit für eine Kita?

Immens wichtig. Gerade in Zeiten von Corona haben wir gesehen, wie schnell Gräben entstehen können. Erst waren die Erzieherinnen Heldinnen und plötzlich war nur Konflikt. Auf der einen Seite stehen nun die Erzieher und Erzieherinnen, die Angst um ihre Gesundheit haben, auf der anderen Seite die Eltern, die eine Betreuung brauchen und vielleicht sogar Angst um ihre Existenz haben. Gleichzeitig liegt die Schuld für die Situation ganz woanders. Deshalb müssen wir dringend wieder zu einem stärkeren Wir kommen und gemeinsam unsere Kita gestalten. Und natürlich sind dabei beide Seiten gefragt. Die Pädagogen müssen kommunizieren, was sie warum machen und die Eltern müssen auch bereit sein, sich einzubringen und den Erzieher*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

Wir haben jetzt viel über Probleme und mögliche Lösungen gesprochen. Aber warum mögen Sie Ihren Beruf?

Ganz eindeutig wegen der Kinder. Ich liebe es, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, von ihren kleinen Weisheiten im Alltag zu lernen und ihnen beim Entdecken der Welt zuzusehen.


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