Sicherheitsexperte: Das sind die Gefahrenquellen in Kitas

  • Eltern, die ihre Kinder in Kitas geben, müssen sich darauf verlassen können, dass dort gut auf ihre Kleinen geachtet wird.
  • Doch aktuell hört man von schrecklichen Unfällen in Kindertagesstätten.
  • Erfahren Sie hier, welche Gefahrenquellen es in Kitas gibt – und wie man einige beseitigen kann.
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Gleich zwei schreckliche Meldungen in einer Woche: In Nordrhein-Westfalen sind innerhalb einer Woche zwei Kinder in Kitas ums Leben gekommen. Die Ermittlungen dazu dauern noch an – nach bisherigem Kenntnisstand handelt es sich um Unfälle. Doch Meldungen wie diese treffen Eltern ins Mark und die Frage steht im Raum: Wie sicher sind Kitas eigentlich?

Unfallkassen versichern Kinder in Bildungseinrichtungen

Bringen Eltern ihre Kinder in die Kita oder Tagespflege, müssen sie darauf vertrauen, dass sich die Kinder geborgen fühlen, dass sie dort beschützt und sicher sind. Genauso wie wir darauf vertrauen, dass die Kinder wachsen, ja, über sich hinauswachsen können. Denn zwischen diesem – im wahrsten Sinne – Spielraum sollte Kindheit liegen. Doch wie sicher sollen, wie sicher können Kitas wirklich sein?

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Einer, der sich schon lange mit genau dieser Frage beschäftigt, ist Fred Babel, Leiter des Sachgebiets Bildungseinrichtungen der Unfallkasse Nord. Die Unfallkassen in Deutschland versichern Kinder und Jugendliche in Bildungseinrichtungen und bilden pädagogische Fachkräfte zum Thema fort.

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Tödliche Unfälle in Kitas kommen äußerst selten vor

Nach solch tragischen Ereignissen wie in NRW sind die Sorgen der Eltern nicht mit Fakten und Statistiken niederzuringen, das weiß auch Babel. „Selbst wenn ich sage, das Risiko eines tödlichen Unfalls sei gering, nimmt das erst einmal keine Ängste“, sagt der Sicherheitsexperte. Für die Familien ist es ein furchtbares Unglück. Ihnen wird keine Statistik helfen. Natürlich müssen die Umstände genau geprüft werden.

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Trotzdem soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Tödliche Unfälle in Kindertageseinrichtungen kommen in Deutschland glücklicherweise äußerst selten vor. Laut Initiative Kindersicherheit passieren über 60 Prozent der tödlichen Unfälle von Kindern im häuslichen Umfeld oder in der Freizeit, etwa 35 Prozent sind auf den Straßenverkehr zurückzuführen. In weniger als 5 Prozent aller Fälle geschehen die Unfälle an Orten wie Kita oder Schule.

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Seit Beginn der Pandemie ist für viele Schüler der Schwimmunterricht ausgefallen. Das macht sich diesen Sommer in der Statistik der Badetoten bemerkbar.  © dpa

Experte: Auf das Maß kommt es an

Was aber nun bedeutet eine sichere Kita: Kinder unter Dauerüberwachung oder mit grenzenloser Freiheit? „Für uns bezeichnet Sicherheit in den Kindergärten einen Zustand, der frei ist von unvertretbaren Risiken“, erklärt Babel. „Das sind die, die erfahrungsgemäß zu schweren oder tödlichen Unfällen führen können.“ Ebenjene gelte es unbedingt zu vermeiden, sagt der Experte, ergänzt aber fast im selben Atemzug, wie wichtig es sei, gewisse Risiken zuzulassen. „Für die Entwicklung der Kinder sind Unfälle in gewissem Rahmen sogar wichtig. Wie sonst, wenn nicht von Fall zu Fall, sollten sie etwa laufen lernen?“, sagt der Experte und unterstreicht: „Kinder haben auch ein Recht auf eine Beule.“

Auf das Maß kommt es also an. Auf Bäume klettern, mit scharfen Gegenständen arbeiten oder allein und unbeobachtet im Garten spielen – all das kann auch im Kindergarten durchaus möglich sein. Dafür gibt es kein Gesetz, oft nicht einmal eine konkrete Richtlinie. Zum Thema Aufsicht etwa urteilte der Bundesgerichtshof 2012, dass sich das Maß der gebotenen Aufsicht „nach Alter, Eigenart und Charakter des Kindes sowie danach, was den Aufsichtspflichtigen in ihren jeweiligen Verhältnissen zugemutet werden kann“ richte (Az.: VI ZR 3/11).

Nicht jedes Kind kann ständig unter Beobachtung stehen

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Fred Babel nennt das, was Erzieherinnen und Erzieher für ihre Arbeit brauchen, Profiwissen: Den Blick für ernsthafte Gefahren, Gelassenheit für kleine Unfälle und das richtige Gespür für Dynamik in der Gruppe. „Es geht um den Max-und-Moritz-Faktor einer Gruppe“, sagt Babel. Gemeint sind damit in Anlehnung an Wilhelm Buschs Geschichte der Anteil jener Kinder, die sich allerlei Verrücktheiten einfallen lassen – und deshalb besondere Beaufsichtigung brauchen oder manche Aktivitäten eben nicht möglich sind.

In vielen anderen Fällen sei Augenmaß geboten. Im Kita-Alltag könne nicht jedes Kind ständig unter Beobachtung stehen. Außerdem haben Kinder auch ein Recht auf erwachsenenfreie Räume, weshalb das Wort Aufsicht nicht gleichzusetzen sei mit auf Sicht. Erzieherinnen und Erzieher müssten aber wissen, wo die Kinder etwa sind und was sie tun. Es komme eben darauf an, betont Babel.

Strangulationsgefahr kann gesenkt werden

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Kinder unter drei Jahren mit Wasser spielen zu lassen, das gehe wirklich nur mit einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Tatsächlich ist Ertrinken die häufigste tödliche Unfallursache bei kleinen Kindern. Und auch beim Thema Wickeln gelte buchstäblich das Prinzip auf Sicht. Bei einem Säugling ist der Kopf der schwerste Punkt des Körpers. Fällt ein Kind vom Wickeltisch, ist die Wahrscheinlichkeit einer Kopfverletzung besonders groß. Das ist Physik.

Die Sicherheitsexpertinnen und -experten der Unfallkassen haben etliche weitere Gefahrenpunkte ausgemacht, in denen besondere Vorsicht geboten ist. Einer davon ist die Strangulationsgefahr. Hier müssen auch Eltern darauf achten, dass Pullis und Jacken keine Kordeln haben, die sich um den Hals wickeln könnten. „Ich musste selbst mal bei einem tragischen Unfall ermitteln, als ein Junge sich mit der Kordel an einer Rutsche verfing und tödlich verunglückte“, erzählt Babel. Neuere Kinderkleidung hat aus diesem Grund gar keine Kordeln mehr im Halsbereich.

Nicht jede Gefahr lässt sich beseitigen

Doch mit sinkenden Temperaturen gibt es eine weitere Gefahrenquelle: den Schal. Der solle immer in die Jacken gestopft werden, damit Kinder sich damit beim Spielen nicht strangulieren. Auch Innenjalousien mit Kordeln können für Kleinkinder gefährlich werden, besonders dann, wenn das Babybettchen in der Nähe steht und sich das Kind diese Kordel um den Hals wickeln könnte.

Klar ist aber auch: Nicht jede Gefahr lässt sich beseitigen. Was wäre eine Kita ohne Seilspringen oder Pferdchen spielen? „Es gibt ja sogar diese Pferdegeschirre zum Spielen und ich finde: Das kann man machen. Allerdings nur wie bei richtigen Pferden – die können auch nicht klettern, die bleiben auf dem Boden“, sagt Babel. Klar, auch beim Spielen auf dem Boden könne noch etwas passieren, das sei aber ein vertretbares Risiko, findet der Experte.

Fläschchenwärmer sind in Krippen tabu

Weitere Unfallquellen für kleine Kinder sind unter anderem Stürze aus großen Höhen, Verbrühungs- und Vergiftungsgefahren in der Küche, etwa durch Heißwasser oder Essig, der eigentlich für Kinder unbedingt unzugänglich aufbewahrt werden sollte. Wegen möglicher Verbrühungen sind Fläschchenwärmer in Krippen tabu. Selbst Heißgetränke, die Fachkräfte im Gruppenraum trinken, sollten durch entsprechende Sicherheitsbecher für die Kleinen unzugänglich bleiben.

Noch ein Problem sind verschluckbare Kleinteile. Um sie vor dem Ersticken zu schützen, müssen Erzieher und Erzieherinnen bei kleinen Kindern immer beim Hantieren mit Kleinteilen dabei sein, etwa beim Essen oder beim Spiel im Bohnenbad, betont Babel.

Kleine Kinder separat betreuen

Im Alltag aber ist das oft schwierig: nicht genügend Personal, um ständig auf Sicht zu sein bei den Kleinen. Gleichzeitig sollten die Großen nicht auf jegliches Spiel mit Lego oder anderen Kleinteilen verzichten müssen. Daher sei es in den meisten Fällen sinnvoll, sehr kleine Kinder separat zu betreuen, sagt Experte Babel.

Weitere Hinweise auf Gefahrenquellen und welche Anforderungen Kita-Einrichtungen erfüllen müssen, zeigt die interaktive Grafik der UK NRW auf sichere-kita.de.

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