Kindesmissbrauch im Corona-Lockdown: Nimmt die Gewalt zu?

  • Der erste Corona-Lockdown hat im Frühjahr das öffentliche Leben wochenlang zum Erliegen gebracht.
  • Experten befürchteten, dass die Pandemie zu mehr Fällen von Kindesmissbrauch führen könnte.
  • Nur bei einer Subgruppe habe sich die Situation verschärft, sagt die Psychologin Prof. Sibylle Winter.
Laura Beigel
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Es geschieht hinter verschlossenen Türen, fernab der öffentlichen Wahrnehmung. Die Täter sind meist Familienmitglieder wie (Stief-)Väter, Großeltern, Geschwister oder (Stief)-Mütter. Der Deutsche Kinderverein schätzt, dass jeden dritten Tag ein Kind in Deutschland an den Folgen von körperlicher Misshandlung stirbt. Auch emotionale und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung sind beim Thema Kindesmissbrauch keine Unbekannten.

Schon zu Beginn der Corona-Krise kam die Sorge auf, dass die Pandemie die Situation in den Familien verschärfen könnte. Zufluchtsorte wie Schulen und Kindertagesstätten mussten während des ersten Lockdowns im Frühjahr wochenlang geschlossen bleiben. Familien saßen oft auf engem Raum ohne Privatsphäre zusammen. „Man kann nicht sagen, dass bei allen Familien mehr Gewalt aufgetreten ist“, resümiert Prof. Sibylle Winter, leitende Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité.

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Indizien für Kindesmissbrauch sind oft nicht eindeutig erkennbar

Viele Familien hätten aus der Corona-Zeit positive Aspekte herausgezogen. Nur bei einer Subgruppe habe sich die Situation verschärft. Winter ist auch Leiterin der Kinderschutz- und Traumaambulanz an der Charité. Dort machen sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit deutlicher Verzögerung bemerkbar: „Im März und April hatten wir keine vermehrten Fälle. Erst seit dem Spätsommer haben wir vermehrt Anfragen und längere Wartezeiten.“

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In der Kinderschutzambulanz untersuchen Winter und ihr Team Kinder und Jugendliche, bei denen der Verdacht besteht, dass sie eine Form der Gewalt oder Vernachlässigung erleben. Die Herausforderung: „Häufig gibt es keine Spuren", sagt die Psychologin. Gerade sexuelle und körperliche Gewalt sei nicht immer direkt nachweisbar. Anders verhalte es sich zum Beispiel bei emotionalen Vernachlässigungen – aber auch da müsse man genau hingucken.

Kinderärztin: Fachberatungsstellen sollten an allen Schulen umgesetzt werden

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„Man braucht Zeit und man muss sich mit dem Kind alleine beschäftigen“, so Winter. Um früher erkennen zu können, ob eine Familie mehr Unterstützung braucht, wünscht sich die Kinderschutzmedizinerin, dass schon der Kinderarzt eine psychosoziale Anamnese erhebt. Denn zu Kinderpsychiatern kämen die Kinder meist viel zu spät. „Ich glaube, wir müssen viel, viel früher aktiv werden.“

Stephanie Lehmann-Kannt, Leiterin der Kinderschutzgruppe am Universitätsklinikum des Saarlandes, fordert zudem, dass die Fachberatungsstellen ausgebaut und an allen Schulen umgesetzt werden. Im Interview mit der „Zeit“ berichtet die Kinderärztin, dass am Klinikum die Zahl schwerer Fälle von Misshandlungen in den vergangenen Monaten zugenommen habe – im Vergleich zum Vorjahr. „Ob dabei wirklich ein Zusammenhang mit Corona besteht, ist unklar“, sagt Lehmann-Kannt.

Hilfetelefon verzeichnet mehr Anrufe

Alleine die Straftaten von sexuellem Missbrauch von Kindern beliefen sich nach Angaben des Bundeskriminalamts im vergangenen Jahr auf mehr als 13.600. Knapp 11.900 Fälle konnten aufgeklärt werden. Aktuellere Zahlen, insbesondere mit Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie, liegen derzeit noch nicht vor, teilte die Behörde dem RedaktionsNetzwerk Deutschland mit.

Die vermehrten Anfragen und Fälle in den Kinderschutzambulanzen decken sich mit den Anrufzahlen des „Hilfetelefons Sexueller Missbrauch“ des Vereins N.I.N.A. Auch dort sind zwischen März und Oktober verstärkt Anrufe eingegangen. Der Verein zählte mehr als 3600 geführte Gespräche und knapp 5700 Anrufversuche. Im gleichen Zeitraum waren es im Vorjahr noch rund 2500 Gespräche und 3700 Anrufversuche gewesen.

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CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ein härteres Durchgreifen gegen Kindesmissbrauch in Deutschland gefordert.  © Reuters

Nachdem die Anrufzahlen im März deutlich gesunken seien, hätten sie zwischen April und Juni wieder stetig zugenommen. „Im Juni 2020 hatten wir beispielsweise 80 Prozent mehr Anrufversuche als noch im Januar 2020“, sagt Tanja von Bodelschwingh, Beraterin beim Hilfetelefon. „Es war der anrufstärkste Monat dieses Jahres.“ Im Oktober seien es 36 Prozent mehr Anrufe als noch im Januar gewesen.

Weniger Hinweise aus Schulen und Kitas

„Was sehr prägnant mit Corona zu tun hatte, war die Zunahme von Anrufen durch das soziale Umfeld – hier vor allem Nachbarn“, sagt von Bodelschwingh. „Viele Menschen waren im Homeoffice und haben offensichtlich mehr mitbekommen oder Situationen beobachtet, die ihnen einen ‚komisches Gefühl‘ machten.“ Abgenommen hätten hingegen Anrufe von Fachkräften sowie Hinweise von Schulen und Kitas. „Es könnte damit zusammenhängen, dass die Situation ohnehin gerade sehr angespannt ist in den Einrichtungen und der Fokus schlichtweg woanders liegt.“

An das Hilfetelefon richten sich weniger Kinder und Jugendliche, sondern Erwachsene, die entweder selbst Betroffene sind, oder in Sorge um ein Kind sind, einen Verdacht haben oder Hilfe für ein Kind suchen.

Wo können Sie Hilfe finden?

Als weitere Ansprechpartner – vor allem in Hinblick auf sexuellen Missbrauch – verweist das Bundesfamilienministerium auf Beratungszentren, das Jugendamt, die Polizei und die Kinderschutzambulanzen. Eine kostenfreie und anonyme Beratung für Kinder und Jugendliche ist die Nummer gegen Kummer unter Telefon (0800) 1110333 oder 116 111. Eltern können sich kostenfrei und anonym unter Telefon (0800) 1110550 beraten lassen.

Betroffene können sich an das „Opfer-Telefon“ des Weißen Rings unter Telefon 116 006 wenden. Das „Hilfetelefon sexueller Missbrauch“ ist unter Telefon (0800) 225 5530 erreichbar.






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