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Kinder- und Jugendpsychiaterin: „Wir müssen die Kinder mit dem Lockdown versöhnen“

  • Geschlossene Schulen und Kindergärten, kaum oder gar keinen Kontakt zu Freunden – die Corona-Pandemie ist vor allem für Kinder eine große Herausforderung.
  • Prof. Renate Schepker ist seit 2005 als Kinder- und Jugendpsychiaterin am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg in Ravensburg tätig.
  • Im RND-Interview gibt sie Empfehlungen, wie Eltern und ihre Kinder mit den besonderen Corona-Umstände umgehen sollten.
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Frau Prof. Schepker, wie geht es den Kindern und Jugendlichen gerade?

Die meisten Kinder und Jugendlichen gehen mit der Situation vernünftig um. Es gibt erste Meldungen etwa aus der Schweiz, dass Kinder häufiger krank und psychisch beeinträchtigt wären. Diese Entwicklung sehen wir noch nicht. Was wir sehen ist, dass psychisch labile Kinder diese Situation sehr unterschiedlich verarbeiten. Für einige wird der Lockdown langfristig negative Folgen haben, andere profitieren aber auch davon, weil sie psychisch gestärkt werden. Insgesamt können wir die Auswirkungen noch nicht fundiert wissenschaftlich absehen, weil es nicht genügend Daten gibt.

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Die Politik in der Pandemie gleicht einer Slalomfahrt. Beispiel Schulen und Kitas: Erst geschlossen, dann geöffnet, jetzt wieder geschlossen. Was macht dieser politische Zickzackkurs mit den Kindern?

Das Grundprinzip der Pädagogik ist ja, Dinge konsequent zu tun und als Erwachsene berechenbar zu sein. Das ist sehr schwer in dieser Pandemie, da sich sowohl Lehrer, als auch Eltern, als auch Politiker ständig widersprechen. Eltern sind im Moment besonders gefordert, all das irgendwie auszugleichen. Das Positive daran ist, dass Kinder merken, wie sehr die Erwachsenen darum ringen, den richtigen Weg zu finden. Es ist eine Situation, die alle angeht, das spüren die Kinder. Gleichzeitig stehen Eltern natürlich vor dem Problem, dass sie die Kinder nicht schützen können vor dieser existenziellen Verunsicherung – es geht ja auch um Leben und Tod.

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Was wiegt am Ende schwerer: die Einschränkung, die die Kinder erfahren, oder der Mangel an Verlässlichkeit, an Planbarkeit?

Das ist eine gute Frage, aber auch hierzu haben wir schlicht keine Daten. Es ist sicherlich das Gesamtpaket. So lange wie es nicht für ein einzelnes Kind existenziell wird, ist das alles gut auszuhalten. Wenn aber durch den Lockdown Fälle von häuslicher Gewalt und Misshandlung zunehmen – was leider so ist – dann wird es für Kinder existenziell schwierig. Dann sind es aber auch die Resultate aus dem, was insgesamt passiert.

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Was sind existenzielle Bedrohungen, Gewalt oder auch Isolation durch den Lockdown?

Ein gemeinsamer Lockdown ist keine existenzielle Bedrohung. Das kann zu Konflikten führen, es ist eine Herausforderung an die Konfliktbewältigung in jeder Familie. Kinder alleine zu isolieren hingegen, sie wegzusperren, das wäre Folter und sicherlich auch eine existenzielle Bedrohung. Dafür aber gibt es die Notbetreuung und da sind die Kommunen wirklich in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass Kinder nicht stundenlang alleine bleiben müssen.

Es gibt nichts Allgemeingültiges, was man den Kindern schon erzählen könnte.

Gäbe es eine Politik, die es Kindern in dieser Zeit leichter machen würde?

Die Alternative wäre ein viel früherer, viel radikalerer und längerer Lockdown gewesen. Das war politisch nicht gewollt – auch von Eltern nicht gewollt, muss man sagen. Dann wären wir heute natürlich weiter. Natürlich müssen wir uns fragen: Was nützt uns unser Föderalismus? Für Kinder und im Bildungswesen hat er gerade sehr, sehr viele Nachteile. Wir haben es zum Beispiel mit der Digitalisierung nicht weit genug geschafft. Und auch jetzt sitzen viele Eltern ganz gespannt vor ihren Computern und warten darauf, was das eigene Bundesland noch beschließt. Es ist ja nicht ganz klar, es gibt nichts Allgemeingültiges, was man den Kindern schon erzählen könnte. Und die Dauer bis in den letzten Ecken des Systems die Entscheidungen gefallen sind, das ist schon schwer vermittelbar, wenn man einbezieht, dass Kinder ein bisschen anders getaktet sind als Erwachsene und weniger Geduld haben.

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Und wenn Entscheidungen getroffen werden, müssen Eltern diese mittragen und dabei mitunter Dinge vermitteln, für die sie vielleicht selbst kein Verständnis haben…

Das ist besonders schwierig, aber das ist wirklich wie in jedem Krieg. Aus meiner Sicht gibt es keinen vernünftigen Krieg. Und wir sind jetzt im Krieg gegen das Virus und es gibt keine andere Möglichkeit, als es genauso zu vermitteln. Ich bin immer für eine offensive Aufklärung von Kindern und für das Beantworten von allen Fragen, welche die Kinder stellen, um die Kinder bestmöglich mitzunehmen. Wir müssen die Kinder mit dem Lockdown versöhnen, weil es eben keine andere Möglichkeit mehr gibt. Das ist die Aufgabe der Eltern, aber auch der Lehrer im Onlineunterricht. Gute Pädagogen greifen das, was die Kinder bewegt, auf.

Man sollte die Dinge nicht schöner machen, als sie sich wirklich anfühlen, aber wichtig ist eben, die Bewältigungsstrategien gleich mit zu benennen – etwas, das die Politiker gerade nicht tun.

Wichtig ist dabei die Frage, wie man Kindern die Dinge vermittelt. Ist da die Rhetorik aus dem politischen Berlin, die da heißt „Es werden harte Monate“, eine gute Wahl?

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Bei Grundschulkindern, die darauf angewiesen sind, dass sie mit Freunden interagieren, dass sie sie fühlen können, ist es ja auch so. Da kann man sagen: „Das wird jetzt schwer!“ Gleichzeitig muss man sagen: „Aber das schaffst du!“ Man sollte die Dinge nicht schöner machen, als sie sich wirklich anfühlen, aber wichtig ist eben, die Bewältigungsstrategien gleich mit zu benennen – etwas, das die Politiker gerade nicht tun.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt in dieser Slalomfahrt, um mit Kindern über etwaige Maßnahmen zu sprechen: Schon während des Prozesses oder erst, wenn alle Entscheidungen final getroffen sind?

Die Fragen, die Kinder stellen, muss man beantworten. Das ist das Prinzip. Man sollte die Kinder nicht mit Informationen überschütten, und Kinder fragen in der Regel, wenn man sie lässt, das, was sie verarbeiten können. Und wenn sie genug erfahren haben, dann hören sie auch auf zu fragen. Es können ja auch Ängste auftreten. Eltern müssen daher den Kindern vermitteln, dass die Maßnahmen dazu dienen, weniger Angst haben zu müssen.

Und wenn Sie sagen, Kinder brauchen Verlässlichkeit und Planbarkeit, über was für einen Zeitraum sprechen wir da?

Man kann den Kindern ja nichts sagen, was man nicht sicher weiß. Wenn Entscheidungen zum Lockdown bis Ende Januar getroffen werden, dann haben wir einschließlich der Weihnachtszeit einen Zeitraum, der etwa so lang ist wie die Sommerferien. Das ist für ein Kind in der Grundschule überschaubar. Im Übrigen weiß in den Sommerferien auch nicht jedes Kind immer genau, was am nächsten Tag passiert. Damit kann man das ganz gut vergleichen. Das Gute ist, dass wir anhand der Zahlen sehen können, wie lange es dauern wird. Das kann man einem Kind erklären. Die Zahlen zu verstehen, Kurven zu lesen, ist so viel praktische Mathematik und Mengenlehre mit unmittelbaren Bezug auf den Lebensalltag, das ist eigentlich ein schönes Lernbeispiel.

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