Das bisschen Haushalt – und wie wir Kinder zum Mithelfen bewegen können

  • In vielen Familien kommt es zum Streit, wenn Kinder kleine Arbeiten übernehmen sollen.
  • Dabei gibt es eine einfache Richtlinie, die viel Ärger ersparen kann.
  • Je früher die Kids damit anfangen, desto mehr Verantwortungsgefühl für ihre Umgebung entwickeln sie.
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„Kannst du mal eben die Spülmaschine ausräumen?“ – „Ne, keine Zeit, ich bin verabredet.“ – „Du hattest es aber versprochen.“ – „Ich mach‘s später.“ Diesen oder ähnliche Dialoge zwischen Eltern und ihren Kindern kennen fast alle Familien. Die Erwachsenen erledigen dann häufig selbst genervt die Arbeit – oder es kommt zum Streit. Das lässt sich mit einer recht einfachen Maßnahme weitgehend vermeiden – die Kinder frühzeitig einbinden und an die kleinen Pflichten des Haushalts zu gewöhnen.

„Das ist ein regelmäßig wiederkehrendes Thema in Beratungen“, sagt Ulric Ritzer-Sachs, Fachkraft und Koordinator der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Ähnliche Erfahrungen hat Thilo Hartmann vom Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) gemacht: „Die Mithilfe von Kindern im Haushalt ist oft mit Konflikten behaftet – vor allem wenn sie etwas älter sind.“

In vielen Familien helfen erst die Sechsjährigen

Allerdings sei es sehr unwahrscheinlich, dass sich Jugendliche komplett verweigerten, wenn sie schon frühzeitig Verantwortung übernommen hatten, sagt Ritzer-Sachs. Er empfiehlt, den eigenen Nachwuchs von klein auf in die Hausarbeit einzubeziehen: „Sobald ein Kind laufen kann, kann es auch seinen Teller vom Tisch wegtragen.“ Laut einer Erhebung des Instituts für Demoskopie (IfD) Allensbach ist es gelebte Praxis, dass Kinder im Haushalt mithelfen – in vielen Familien allerdings oft erst ab einem Alter von sechs Jahren. Bei den Drei- bis Fünfjährigen helfen der Studie zufolge immerhin etwa zwei Drittel häufig oder gelegentlich, später sind es sogar mehr als 90 Prozent. Auch in Kitas wird Mithilfe in der Regel schon in jungen Jahren erwartet.

Kinder lernten am Modell und ahmten ihre Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher nach, erklärt Hartmann. Dabei gehe es um selbstbestimmtes Lernen und nicht darum, zugewiesene Aufgaben perfekt auszuführen. Kinder sollten vielmehr die Freiheit haben zu experimentieren – etwa, indem sie ausprobieren, wie viel Wasser nötig ist, um einen Fleck vom Tisch abzuwischen. Eltern sollten die kindliche Neugier fördern, zu weiteren Schritten ermutigen und ihnen nicht alles abnehmen.

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Am Anfang können sie die Kinder bei der Erledigung einer Aufgabe unterstützen, später sollten sie sich aber im Hintergrund halten, rät Ritzer-Sachs. Wenn etwas nicht klappt, können sie die Arbeit beim nächsten Mal mit den Kindern gemeinsam erledigen. Viele Kinder lernen auch, indem sie sich etwa Youtube-Anleitungen anschauen.

Selbstbewusstsein der Kinder wird gestärkt

Sobald eine Aufgabe beherrscht wird, werde sie regelmäßig und gern übernommen, sagt Hartmann: „Kinder verlangen danach, Fähigkeiten, die sie erlernt haben, anzuwenden.“ Einen Beitrag für die Familie zu leisten und Verantwortung zu übernehmen stärke ihr Selbstbewusstsein.

Außerdem erfahren sich Kinder als selbstwirksam, denn ihr Tun hat einen unmittelbaren Sinn und Nutzen. Von Belohnungen oder gar dem Bezahlen für alltägliche Aufgaben raten Erziehungsexperten ab. Geld sollte es höchstens für Sonderleistungen wie das Rasenmähen geben. Ein Lob ist allerdings vor allem für kleinere Kinder wichtig.

Welche Aufgaben erledigt werden können, hängt stark vom Kind ab. „Eltern haben in der Regel ein gutes Gespür dafür, was für welches Alter geeignet ist“, sagt Ritzer-Sachs. Er rät dazu, dass Kinder die Aufgaben selbst auswählen. Die einen wollen früh kochen lernen, andere saugen lieber Staub. Mit zunehmendem Alter stiegen die Kompetenzen, sagt Hartmann.

Im Grundschulalter können Kinder ihr Zimmer aufräumen und sauber halten sowie ihr eigenes Bett machen. Ab einem Alter von etwa 13 Jahren sollten sie unter anderem in der Lage sein, einzukaufen, kleine Mahlzeiten zuzubereiten und Wäsche zu waschen.

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Kein riesiges Regelwerk

Hartmann empfiehlt, Absprachen für die Hausarbeit zu treffen, diese aber nicht zu eng zu fassen: „Je mehr Regeln eingeführt werden, desto mehr Arbeit haben Eltern mit der Kontrolle. Und mit Kontrollen und Sanktionen schafft man sich Kampfplätze.“

Besser sei es, Kinder selbst entscheiden zu lassen, wann sie die Aufgaben ausführen. Auch sollten sie nicht ständig berichtigt werden oder – noch schlimmer – die Arbeit von den Eltern anschließend noch einmal erledigt werden.

Das führe zu Frustration, warnt Hartmann. Besser sei es, ein Auge zuzudrücken, wenn die Arbeit nicht ganz so ausgeführt wurde, wie es den Vorstellungen der Eltern entspricht. Die zugeteilten Aufgaben sollten zudem nachvollziehbar sein. Einen halb vollen Mülleimer runterzubringen leuchtet vielen Kindern nicht ein.

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„Ich darf dann schon nerven“

Andererseits sollten Eltern durchaus darauf bestehen, dass Pflichten befolgt werden, betont Ritzer-Sachs: „Ich darf dann schon nerven. Tägliche Kämpfe und Rebellion gehören in einem höheren Alter des Kindes dazu.“ Hilfreich kann eine schriftliche Vereinbarung sein, etwa eine Art Vertrag.

Wenn es zu Konflikten kommt, laute das Zauberwort für Eltern Gelassenheit. „Wenn ich laut werde, habe ich schon verloren“, sagt Ritzer-Sachs. Anstatt in Stresssituationen zu streiten oder zu bestrafen, sei es sinnvoll, später in ruhiger Atmosphäre mit den Kindern zu reden, die eigenen Erwartungen zu erläutern und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Es gehe nicht um Gehorsam, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, unterstreicht Hartmann. Kinder sollten vor allem Eigenständigkeit, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen lernen, damit sie später für sich selbst sorgen können, ergänzt Ritzer-Sachs. Außerdem erwerben sie soziale Kompetenzen, motorische Fähigkeiten sowie ein Verständnis dafür, was erforderlich ist, um eine Aufgabe zu bewältigen. Einer amerikanischen Studie zufolge werden Kinder später eher gemeinnützig agierende Mitglieder der Gesellschaft, wenn sie frühzeitig gelernt haben, Aufgaben zu erkennen und sie zu erledigen.

Gesetzbuch sagt: Kinder sind zur Mithilfe verpflichtet

Wie ist eigentlich die rechtliche Situation beim Thema Mithilfe im Haushalt? Was viele nicht wissen: Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) gibt es dazu den Paragraphen 1619. Der besagt inhaltlich, dass Kinder dazu verpflichtet sind, ihren Eltern zu helfen – und zwar in einer ihren Kräften und Lebensstellung entsprechenden Weise. Das gilt nicht nur für den Haushalt, sondern etwa auch für die Gaststätte, den Bauernhof oder das elterliche Geschäft. Die Pflicht besteht so lange, wie das Kind bei den Eltern wohnt, also auch noch, wenn es bereits volljährig ist.

Der zulässige zeitliche Umfang hängt unter anderem vom Alter, vom Gesundheitszustand und der Leistungsfähigkeit ab. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofes sind beispielsweise für ein 14-jähriges Kind bis zu sieben Stunden Hausarbeit in der Woche angemessen.

Allerdings dürfen dadurch Pflichten in der Schule oder Ausbildung nicht beeinträchtigt werden. Auch muss das Kind genügend Zeit für Freizeitaktivitäten behalten. Auf den Paragraf 5 des Jugendarbeitsschutzgesetz können sich Kinder übrigens nicht berufen, wenn sie die Mithilfe verweigern. Der bezieht sich ausschließlich auf arbeitsrechtliche Dienstverhältnisse.

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