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„Kinder haben in der Pandemie keine Lobby!“ – alleinerziehende Mutter fordert praktische Lösungen

  • Distanz- und Wechselunterricht belasten aktuell die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland.
  • Besonders hart trifft es die Kinder der rund 2,6 Millionen Alleinerziehenden, sie erhalten oft besonders wenig Unterstützung, denn ihre Mütter reiben sich zwischen Beruf und Kinderbetreuung auf – seit Beginn der Pandemie noch mehr als zuvor.
  • Eine alleinerziehende Mutter nennt konkrete Lösungen, die ihren Alltag in der Pandemie erleichtern würden.
Sarah Zöllner
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Martina Johann ist alleinerziehend. Sie hat zwei schulpflichtige Kinder und arbeitet in einer Familienberatungsstelle. Eigentlich hilft sie anderen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Gerade fühlt sie sich aber selbst am Rand ihrer Kräfte. „Ich finde es so ungerecht, was die (Schul-)Politik aktuell unseren Kindern antut!“, sagt sie. Als alleinerziehende Mutter zweier schulpflichtiger Kinder fühle sie sich noch mehr auf sich gestellt als sonst. Auch ihre Kinder würden alleingelassen.

Alleinerziehende müssen den Alltag komplett alleine meistern

Alleinerziehende müssen gerade alle Anforderungen des Alltags alleine meisten. Auch mit Kindergärten im Notbetreuungsbetrieb und Schulen im Distanz- und Wechselunterricht. Darunter leiden auch ihre Kinder.

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„Von unseren Kindern wird erwartet, dass sie seit Monaten selbständig lernen, ihr Aufgabenpensum strukturieren und die Ergebnisse abgeben. Dabei sind sie auf unsere Hilfe und unsere Anerkennung angewiesen. Wie oft hören sie jedoch im Homeoffice gerade: ‚Warte bitte mal, ich muss noch diese Mail zu Ende schreiben‘ oder sind während der Arbeit außer Haus ganz unbeaufsichtigt. Es gibt einfach keinen Partner, der mal kurz einspringen kann.“

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Neben ihrem Beruf und der Hausarbeit plage sie immer wieder die Sorge, ob sie ihren Kindern noch gerecht werde, so die alleinerziehende Mutter.

„Die langen Lockdowns und das ständige Hin und Her politischer Entscheidungen machen unsere Kinder apathisch, reizbar und aggressiv. So oft haben sie erst freitags erfahren, dass sie montags in den Digitalunterricht wechseln beziehungsweise doch wieder zur Schule gehen sollen, sich ihr ganzer Alltag also wieder um 180 Grad drehen wird. Unsere Kinder entwickeln eine Abneigung gegen die Schule, die ihr ganzes Lebensgefühl bestimmt. Wie sollen wir Eltern das auffangen?“

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Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown

Tatsächlich zeigt die bundesweite COPSY-Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, die von Mai bis Juni 2020 sowie von Dezember 2020 bis Januar 2021 durchgeführt wurde, dass Kinder und Jugendliche deutlich unter dem andauernden Lockdown leiden. Der Onlinefragebogen der Studie beinhaltet Fragen zu den Bereichen Schule, Freunde und Familie, zu psychischen Problemen wie Ängsten und Depressionen und zu psychosomatischen Beschwerden. Auch das Familienumfeld, der Medienkonsum und Ernährungsgewohnheiten werden beleuchtet. „Sorgen und Ängste haben […] zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen sind verstärkt zu beobachten“, so die Leiterin der Studie, Ulrike Ravens-Sieberer. Besonders betroffen seien Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen und mit Migrationshintergrund.

„Wenn wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler die Schule ernst nehmen, dann muss die Schulpolitik auch die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler nach Struktur, Verlässlichkeit und Sicherheit ernst nehmen“, betont Martina Johann.

Kinderschutzbund: mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche

Tatsächlich forderte der Deutsche Kinderschutzbund bereits im März 2021 mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche. Nicht nur seelisch, auch vom Wissens- und Leistungsstand her werden diejenigen Kinder und Jugendlichen systematisch benachteiligt, die von ihren Eltern im Homeschooling nicht unterstützt werden können. Alleinerziehende Eltern sind oft für die Schulbildung ihrer Kinder allein verantwortlich und damit noch stärker belastet. Lehrerinnen und Lehrer wiederum können im Distanzunterricht nur schwer alle Kinder im Blick behalten. Zusätzlich erschweren technische Probleme den Onlineunterricht. Auch in der Notbetreuung der Schulen kann oft nicht auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden. Es fehlen schlicht ausreichend pädagogische Fachkräfte, die sie bei ihren Aufgaben unterstützen könnten.

Familien brauchen praktische Lösungen

„Mir geht es gar nicht so sehr um mich selbst“, so Martina Johann. „Aber unsere Kinder werden einfach abgehängt. Von wem werden sie aufgefangen? Wann und wie werden ihre Wissensdefizite ausgeglichen?“ Martina Johann geht es dabei nicht um das Beklagen von Verhältnissen, die man nicht ändern kann. Sie bietet stattdessen konkrete Lösungsvorschläge an:

  • Die für Schulen zuständigen Behörden könnten Nachhilfegutscheine an Familien ausstellen, sodass Kinder die entstandenen Lücken aufarbeiten können.
  • Präsenzunterricht in deutlich kleineren Klassen wäre konform mit Hygienevorschriften und dennoch weit effektiver als der ständige Wechsel aus Präsenz- und Distanzunterricht.
  • Reduzierte Lehrpläne und ein klarer Fokus auf die Grundlagen der jeweiligen Fächer würden Eltern und Kinder entlasten.
  • Informationen zu schulischen Belangen (z. B. Wechsel von Präsenz- zu Distanzunterricht) müssten rechtzeitig kommuniziert werden. Nicht erst freitags, wenn montags die Änderungen in Kraft treten.
  • Kinder und Jugendliche bräuchten regelmäßig Raum zum Austausch untereinander (z. B. in Form digitaler Elternabende oder einer Eltern- bzw. Klassen-Chat-Gruppe) und ausreichende Kapazitäten an schulpsychologischer und sozialer Beratung.

„Leider erleben unsere Kinder nur wenig bis kein mediales Interesse“, so Martina Johann, „und somit werden sie auch von der Politik nicht gesehen. Test- und Impfzentren wurden in kürzester Zeit logistisch realisiert. Warum nicht pädagogische Angebote wie Nachhilfe und schulische Beratung? Traurig, aber wahr: Unsere Kinder und Jugendlichen haben keine Lobby. Denn Lösungen gäbe es genug.“

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Das Protokoll des Gespräches mit Martina Johann erschien zuerst am 01.05.2021 auf der Seite mutter-und-sohn.blog.

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