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Kein sicheres Zuhause: Anstieg häuslicher Gewalt wegen Corona befürchtet

  • Kinderschutzbund und Frauennotruf befürchten, dass durch die Corona-Krise häusliche und sexualisierte Gewalt zunehmen.
  • Aus Angst vor einer Virusinfektion vermieden Betroffene zudem einen Arztbesuch.
  • Bundesfamilienministerin Franziska Giffey kündigte mehr Unterstützung für Familien an.
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Kleine Kinder dürfen nicht mehr auf Spielplätze, Jugendliche sind von ihren Freundeskreisen abgeschnitten. Eltern müssen das auffangen, zugleich den Schulstoff vermitteln und sich um ihren Job kümmern. Dazu kommen oft Existenzsorgen in Corona-Zeiten. Das ist eine brisante Mischung, fürchtet der Deutsche Kindschutzbund (DKSB).

“Wenn Familien jetzt 24 Stunden, sieben Tage die Woche aufeinander hocken, kann man sich vorstellen, dass da der Druck im Kessel steigt”, sagt DKSB-Sprecherin Juliane Wlodarczak. Je länger die Zeit andauert, desto schwieriger werde es. Der Kinderschutzbund rechnet daher auch mit einem Anstieg häuslicher Gewalt.

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Häusliche Gewalt könnte während Corona-Isolation zunehmen

“In der aktuellen Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben steigt die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren”, fürchtet der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) in einer Mitteilung. “Das eigene Zuhause ist zu oft kein sicherer Ort.”

Zahlen aus China lieferten Anlass zur Sorge: Laut einer Pekinger Frauenrechtsorganisation sei die Zahl der Betroffenen von häuslicher Gewalt, die sich während der verordneten Quarantäne an die Hilfsorganisation gewandt haben, dreimal so hoch gewesen wie zuvor.

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Frauenhaus berichtet von Zunahme häuslicher Gewalt
1:00 min
Schon jetzt brauche man nach Angaben eines Mannheimer Frauenhauses finanzielle Zusicherungen für mehr Kapazitäten und Personal.  © Reuters

Opfer von Gewalt gehen nicht zum Arzt – Angst vor Ansteckung

Dass Isolation und finanzielle Sorgen durch die Corona-Krise auch hierzulande zu mehr häuslicher Gewalt führen könnten, weiß auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die das Thema am Dienstag im ZDF-"Morgenmagazin" ansprach. Auch ein Expertengremium des Europarats hat auf die Folgen von Ausgangssperren während der Coronavirus-Krise für Kinder und Frauen hingewiesen.

Bewegungseinschränkungen begünstigten Missbrauch und Gewalt in den eigenen vier Wänden, warnte das Gremium zu Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Grevio) der Staatenorganisation in einer Mitteilung. “Wir hören, dass sich einige Opfer von Gewalt aus Angst vor einer Ansteckung dagegen entscheiden, medizinische Hilfe aufzusuchen”, erklärte Grevio-Vorsitzende Marceline Naudi.

Abhängigkeit wegen verlorenem Arbeitsplatz

Zudem gebe es Unterkünfte für Opfer häuslicher Gewalt in Europa, die die Aufnahme gestoppt hätten, weil sie nicht wüssten, wie sie mit dem Infektionsrisiko umgehen sollten, sagte Naudi. Anrufe bei Beratungs- oder Nothilfe-Hotlines würden auch riskanter, wenn die Frauen ständig mit ihren Angreifern auf engstem Raum untergebracht seien.

Naudi warnte zudem vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie für Opfer häuslicher Gewalt. Der Verlust von Arbeitsplätzen oder Einkommen könne Frauen hart treffen und finanzielle Abhängigkeiten verschärfen. So wäre es für die Opfer noch schwerer, ihre Peiniger zu verlassen, erklärte Naudi. Sie rief Institutionen, Vereine und andere Hilfsorganisationen dazu auf, angesichts der Ausgangssperren ihre Arbeit zu intensivieren.

Telefonische Hilfe und Kindergeld-Zuschlag

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Laut Bundesfamilienministerin Giffey sei es deshalb umso wichtiger für Opfer zu wissen, dass sie das Haus verlassen dürfen, um sich Hilfe zu holen. Das sei ein triftiger Grund. Auch telefonische Hilfe-Hotlines seien erreichbar und würden angesichts der Corona-Pandemie ausgebaut, kündigte die Ministerin an.

Arme Familien oder solche mit krassen Einkommenseinbrüchen könnten zudem ab 1. April einen Zuschlag zum Kindergeld bekommen, sagte Giffey. Vorgesehen seien bis zu 185 Euro im Monat. “Das bedeutet, dass die finanziellen Sorgen ein großes Stück abgefedert werden.” Der Zuschlag werde digital beantragbar sein.

Soziale Einrichtungen, die wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, seien dabei, neue Hilfsangebote wie Einkaufshilfen oder telefonische Hilfsangebote zu organisieren. “Es heißt ja nicht, dass in der Krise niemand mehr etwas machen kann”, sagte Giffey. Es müsse eben umgeplant werden.

Häusliche Gewalt: Wo können sich Betroffene Hilfe holen?

  • Eltern können sich bei dem Wunsch nach Beratung bei der zentralen Hotline des Kinderschutzbundes melden. Unter der Rufnummer 0800/111 05 50 stehen montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr krisengeschulte ehrenamtliche Berater zur Verfügung.
  • Kinder und Jugendliche können bei Sorgen die Nummer 116 111 anrufen: kostenlos und anonym von Handy und Festnetz aus, montags bis samstags zwischen 14 und 20 Uhr.
  • Der Frauennotruf bietet ein Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000/ 116 016
  • Außerdem gibt es das Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800/ 22 55 530
  • Eine Onlineberatung für Jugendliche gibt es unter folgender Adresse: www.nina-info.de/save-me-online

RND/ sbu/ dpa/ epd

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