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Kein Schwimmunterricht für Kinder: Warum die Pandemie weitreichende Folgen für Nichtschwimmer hat

  • Wegen der Corona-Pandemie kann kein Schwimmunterricht angeboten werden.
  • Schwimmverbände befürchten daher weitreichende Folgen für Nichtschwimmer – besonders für Kinder im Grundschulalter.
  • Der Schwimmlehrerverband hält jedoch auch strukturelle Probleme für die wachsende Zahl an Nichtschwimmern für ursächlich.
Sebastian Hoff
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„Bis auf Weiteres geschlossen“ steht auf Schildern an vielen Eingangstüren von Schwimmbädern. Seit rund einem Jahr findet dort wegen der Corona-Pandemie kein oder nur ein sehr eingeschränkter Betrieb statt. Was für Sportler und Freizeitschwimmer bedauerlich ist, wächst sich für Nichtschwimmer zu einem großen Problem aus. Denn Unterricht konnte in den vergangenen zwölf Monaten so gut wie gar nicht angeboten werden – weder von Vereinen, noch von Schulen.

Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft: Etwa eine Million Schülerinnen und Schüler betroffen

„Das ist eine dramatische Entwicklung. Voraussichtlich werden zwei Jahrgänge nicht ausgebildet“, sagt Achim Wiese, Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Er schätzt, dass mehr als eine Million Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen betroffen sind. Damit verstärkt die Corona-Pandemie einen Trend, der bereits seit Längerem Sorge bereitet: Einer repräsentativen Umfrage zufolge waren 2017 rund 60 Prozent aller Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer, das heißt, sie besaßen kein Bronzeabzeichen. Das sind 10 Prozent mehr als sieben Jahre zuvor. Auch unter den Erwachsenen gibt es immer weniger sichere Schwimmer. „Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Nichtschwimmer“, befürchtet Wiese angesichts dieser Zahlen.

Die DLRG rechnet mit schlimmen Konsequenzen: Da wegen der Corona-Pandemie im Sommer voraussichtlich mehr Menschen ihren Urlaub in Deutschland verbringen, könnte die Zahl der Badeunfälle in die Höhe schnellen – im schlimmsten Fall vielfach mit tödlichem Ausgang. Dort, wo es eine Badeaufsicht gebe, zum Beispiel an den deutschen Küsten, ertrinken zwar sehr selten Badegäste, erklärt Wiese. Allerdings verunglückten immer mehr Menschen etwa in Baggerseen oder in Flüssen.

Wachsende Zahl an Nichtschwimmern wegen strukturellen Problemen

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Grund dafür sei aber meist Leichtsinnigkeit und selten fehlende Schwimmfähigkeit, erläutert Wolfgang Lehmann, Referent für Breiten-, Freizeit und Gesundheitssport beim Deutschen Schwimmverband (DSV): „Es besteht kein wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen Nichtschwimmern und Badeunfällen.“ Allerdings sei es wichtig, Kindern die Baderegeln zu vermitteln, damit sie zum Beispiel nicht völlig überhitzt oder direkt nach dem Essen ins Wasser springen.

Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbands, hält vor allem strukturelle Probleme ursächlich für die wachsende Zahl an Nichtschwimmern und Badeunfällen: „Es gibt zu wenig Schwimmbäder und Schwimmlehrer“, kritisiert er. Immer mehr Bäder werden geschlossen, bereits jetzt habe rund ein Viertel aller Schulen keinen Zugang zu Wasserflächen, ergänzt Wiese. Verschärfend komme hinzu, dass viele fachfremde Lehrer Schwimmunterricht erteilten. Vereinen und privaten Schwimmschulen stehen zudem seit Jahren zu wenig Wasserzeiten zu, um die Nachfrage nach Kursen befriedigen zu können. Außerdem müssen sie oft hohe Gebühren für die Badnutzung entrichten.

Schwimmlehrerverband erwartet Stau an Anfragen für Schwimmunterricht nach Lockerungen

Die Probleme seien der Politik bekannt, betont Wiese. Die Kultusminister hätten auch zugesagt, für ausreichend Wasserflächen zu sorgen und diese vermehrt Vereinen zur Verfügung zu stellen. Geschehen sei aber wenig – auch schon vor der Corona-Pandemie. Gallitz weist darauf hin, dass auf absehbare Zeit wegen des Ansteckungsrisikos auch in Kur- und Rehakliniken, Altersheimen oder Krankenhäuser keine Bäder für den Schwimmunterricht genutzt werden können.

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Sollte es bald zu Lockerungen kommen, erwartet Gallitz einen Riesenstau an Anfragen für Schwimmunterricht: „Den können wir gar nicht abarbeiten. Bereits jetzt sind die Wartelisten voll. Wir befürchten, dass mindestens drei Jahre benötigt werden, um das verlorene Jahr während der Pandemie wieder aufzuholen.“ Denn es fehlen nicht nur Wasserflächen, sondern zunehmend auch Schwimmlehrer. Die meisten sind derzeit in Kurzarbeit oder arbeitssuchend gemeldet. Manch einer habe sich längst nach einem anderen Job umgesehen, berichtet Gallitz. Um den großen Bedarf an Schwimmunterricht aufzufangen, empfiehlt er Ferienkurse und Schulveranstaltungen am Nachmittag. „Da müssen aber die Gemeinden mitspielen“, sagt er.

Kein ausreichender Abstand: Schwimmmeister warnen vor hohem Infektionsrisiko im Wasser

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch Peter Harzheim vom Bundesverband Deutscher Schwimmmeister (BDS). Doch er warnt davor, zu früh mit dem Schwimmunterricht zu beginnen, damit Kinder und Schwimmlehrer nicht einem zu hohen Infektionsrisiko ausgesetzt werden. „Im Wasser können keine ausreichenden Abstände eingehalten werden. Auch aus Gründen des Selbstschutzes bin ich dagegen“, sagt er. Gallitz hält hingegen bestehende Hygienekonzepte für ausreichend, um zumindest mit kleineren Gruppen den Schwimmunterricht bald wieder aufzunehmen.

Die beste Zeit zum Schwimmenlernen sei dann allerdings möglicherweise vorbei, sagt Lehmann. Denn den Sechs- bis Neunjährigen falle es besonders leicht, Bewegungen nachzumachen. Sorge bereitet ihm zudem, dass viele ambitionierte Nachwuchsschwimmer in ihren Leistungen stagnieren könnten. „Sportwissenschaftlich betrachtet ist selbst ein halbes Jahr Trainingsausfall kaum zu kompensieren“, erklärt er. Weil es keine Trainingszeiten und Wettkämpfe gebe, könnten viele Jugendliche die Motivation verlieren und aus den Vereinen austreten.

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Eltern können Kinder auf Kurse vorbereiten

Viele kleine Kinder haben Angst vor Wasser und selten Gelegenheit, darin nach Herzenslust zu planschen. In den Schwimmkursen wird deshalb häufig viel Zeit darauf verwendet, sie zunächst ans Wasser zu gewöhnen. Diesen Schritt könnten Schwimmlehrer überspringen, wenn Eltern häufiger mit ihrem Nachwuchs ins Nichtschwimmerbecken gehen würden, um dort mit ihnen zu spielen und sie zugleich zu beaufsichtigen. Wichtig ist es zum Beispiel zu üben, den Kopf unter Wasser zu halten, ohne in Panik zu verfallen. Wie man Kinder mit spielerischen Übungen dazu bringt, zeigen Lehrvideos im Internet. Selbstverständlich ersetzt die Wassergewöhnung keinen professionellen Schwimmunterricht.

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