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Kein Kindergeburtstag wegen Corona – so sagen Sie es Ihrem Kind

  • Viele Kinder müssen im kommenden Teil-Lockdown mit Einschränkungen leben.
  • Im RND-Interview erklärt die Psychologin Katharina Ohana, wie man dem Kind am besten beibringt, dass es seinen Geburtstag nicht feiern darf.
  • Außerdem legt die Expertin dar, warum die Corona-Krise für Kinder weniger schlimm ist als für Erwachsene.
David Sander
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Viele Kinder müssen jetzt wieder mit den Einschränkungen zurecht kommen – obwohl ihnen ihre Eltern gesagt haben, dass es „später“ wieder möglich sein wird, etwa den eigenen Geburtstag zu feiern. Wie können Eltern ihren Kindern erklären, dass es nun doch keine Feier gibt? Und wie stark sind Kinder wirklich durch die Corona-Krise belastet? Katharina Ohana ist Psychologin, unter anderem mit dem Schwerpunkt frühkindliche Bindungsforschung und Identitätsbildung. Im RND-Interview erklärt sie, wie Kinder mit den Einschränkungen umgehen und wie Eltern sie dabei am besten unterstützen können.

Frau Ohana, wie kann ich meinem Kind nun erklären, dass es seinen Geburtstag nicht feiern kann?

Das hängt durchaus vom Alter des Kindes ab – je älter Kinder sind, umso leichter verstehen sie das auch. Mit sechs Jahren sind Kinder so weit, Dinge zu verstehen und sich selber zu regulieren. Also können wir grundsätzlich eigentlich allen Schulkindern das Problem erklären. Für die Jüngeren ist es teilweise gar nicht so wichtig, die haben ein bis zwei gute Freunde, dann kann man zum Beispiel einfach einen Freund zum Spielen einladen. Schulkindern könnte man im Rahmen des Erlaubten ersatzweise anbieten, die eine beste Freundin einzuladen und dann etwas Besonderes zu machen. Kino oder Schwimmbad geht aktuell zwar nicht, aber vielleicht kann man auf einen Reiterhof gehen oder einen Pflaumenkuchen backen oder einen Ort finden, wo man am Lagerfeuer sitzen kann und Stockbrot isst.

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Kindern ist es nicht gar so wichtig, wie viele Kinder da sind. Dieses: „Du darfst so viele einladen, wie du alt wirst“, ist typisches Erwachsenendenken. Kinder wollen einfach etwas Schönes erleben. In dem Moment, wo man also ein Ersatzangebot schafft, kommen Kinder eigentlich ziemlich gut damit zurecht. Vielleicht bietet man auch an: Du darfst groß nachfeiern. Wenn Corona vorbei ist, machen wir ein Frühlingsfest. Dann kann man schon mal planen, so dass sie sich darauf freuen können. Kinder sowie Erwachsene halten allgemein immer gut durch, wenn sie sich auf etwas freuen können.

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Also sind Kinder gar nicht so enttäuscht über eine geplatzte Feier?

Sicherlich ist eine Enttäuschung da, aber das Leben ist nicht immer fair und das müssen wir unseren Kindern sowieso beibringen. Sie müssen lernen, mit Herausforderungen umzugehen – Corona gehört dazu. Erwachsene sollten die Welt öfter mit Kinderaugen sehen und nicht immer denken: „Denen geht es so schlimm wie uns.“ Denn viele Kinder fanden es beispielsweise beim ersten Lockdown total toll, mit den Eltern zu Hause zu sein und mit ihnen zu lernen. Einige Eltern waren vielleicht genervt, die Kinder nicht. Das zeigt, was eigentlich für uns Menschen wichtig ist – der soziale Kontakt. Es ist wichtig, dass Eltern für die Kinder da sind und sich ausgiebig Zeit für sie nehmen. Zur geplatzten Geburtstagsfeier könnte man auch sagen: „Du hast einen Tag mit einem Freund und noch einen zweiten Geburtstag mit einer anderen Freundin.“ Hier ist die Kreativität der Eltern gefragt.

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Katharina Ohana ist Psychologin, Philosophin und Buchautorin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich viel mit der menschlichen Psyche im Zusammenhang mit Liebe, Gesellschaft und Weltgeschehen. © Quelle: Katharina Ohana

Sollten sich Eltern in der Corona-Krise im Bezug auf psychische Auswirkungen auf die Kinder sorgen?

Kinder können Gefahr unglaublich gut begreifen. Sie sind schnell flexibel und machen mit, wo es sonst Widerstand gibt – sie können es vielleicht nur noch nicht richtig einschätzen. Wichtig ist, ihnen zu vermitteln: „Wir finden eine Lösung.“ Wenn Eltern selber verunsichert oder belastet sind, setzt das den Kindern mehr zu, als wenn man ihnen suggeriert, dass man eine Lösung findet. Dann muss man kreativ werden und Angebote schaffen. Der erste Lockdown war für Kinder weniger schlimm als für Erwachsene. Wir können Kinder nicht in Watte packen. Wenn Eltern das glauben, sind die Kinder allgemein schlechter aufs Leben vorbereitet. Kinder müssen ihre Realitätsfähigkeiten erlernen, ein realistisches Selbstbild entwickeln – und dabei sie sind extrem lernfähig und anpassungsfähig.

Wird der Teil-Lockdown jetzt „verträglicher“ für Kinder, weil sie diesmal weiter zur Schule oder Kita dürfen?

Der erste Lockdown hat gezeigt, dass Kinder am besten durch Menschen lernen. Wir sind Gruppenwesen, wir lernen über Vorbilder und wir brauchen gute Lehrer. Kinder, denen Lernen sowieso leicht fällt, hat der digitale Unterricht nicht viel ausgemacht – das sind vielleicht 20 Prozent, aber die anderen brauchen für ihre Bildungserfolge analoge Menschen, die gut erklären können und gut verstehen, wo es hängt. Für viele war der erste Lockdown einerseits eine Befreiung vom Lerndruck und andererseits sind sie weiter zurückgefallen, wenn die Eltern nicht richtig mit ihnen lernen konnten. Immerhin dürfen Kinder jetzt ihre Freunde weiterhin sehen, der soziale Kontakt bleibt bestehen. Doch bei nur einem Verdachtsfall wird dann auch schnell wieder die ganze Klasse oder Schule zugemacht. Das ist nicht leicht, aber für viele auch eine kurze Freiheit vom Lerndruck.

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Wodurch Kinder immer belastet werden, sind vor allem überlastete Eltern. Das Schlimmste für Kinder ist, wenn sie Verunsicherung bei ihren Eltern wahrnehmen. Diese müssen Orientierung geben, der sichere Hafen sein – kurzum: wenn es Eltern nicht gut geht, geht es den Kindern immer schlecht.

Wie kann ich meinem Kind Ängste vor der Zukunft nehmen oder ihm helfen, wenn es sich gestresst fühlt?

Ich helfe meinem Kind immer, wenn ich Sicherheit ausstrahle. Wenn ich ihm vermittle: „Wir schaffen das schon, wir überlegen uns was.“ Die Pubertät ist besonders stressig in der Corona-Krise, weil es da viel wichtiger ist, sich mit Freunden zu treffen als beispielsweise zu lernen. Zudem war und ist man auf Chat-Gruppen angewiesen und dort traten wieder vermehrt Mobbing-Probleme auf. Generell hat Mobbing durch digitale Medien zugenommen – unabhängig von Corona. In dem Alter ist das eine große Gefahr.

Eltern sollten sich die Zeit nehmen, mit ihren Kindern zu reden. Allgemein erfahren wir mehr von unseren Kindern, wenn wir mit ihnen zusammen etwas unternehmen. Man sollte versuchen, Situationen zu schaffen, in denen man herausfinden kann, was sie beschäftigt oder belastet. Wenn sich Kinder dabei völlig zurückziehen, ist immer Alarm geboten – auch wieder unabhängig von Corona. Eltern sollten Interesse aufbringen für die Welt ihrer Kinder, hier sind diese immer zugänglich. Wenn man aber mit erhobenem Zeigefinger kommt, stößt man auf Beton. Vor allem im Teenager-Alter geht es darum, seine Kinder verstehen zu wollen, man muss ihnen nichts predigen.

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Machen Sie sich Sorgen, dass Kinder die Corona-Krise nicht mehr lange aushalten?

Nein, ich mache mir wirklich weitaus mehr Sorgen um die Erwachsenen. Im ersten Lockdown habe ich Notdienst geleistet; oft wurde ich wegen Kindern angerufen, aber das eigentliche Problem waren die Erwachsenen. Kinder spiegeln die Eltern und sogar die ganze Gesellschaft – und alles was darin nicht stimmt. Es gab Kinder, die waren daheim total ausgeglichen – die wollten gar nicht mehr zurück in die Schule, weil das nur Stress bedeutet. Andere wiederum haben aber auch das Lernen und ihre Freunde vermisst. Kinder sind nun mal sehr unterschiedlich. Es gibt welche, die motivieren sich alleine sehr stark und es gibt welche, um die muss man sich mehr kümmern. Da braucht es das Engagement der Eltern.

Also werden Kinder keine nachhaltigen Schäden davontragen?

Es gab in den letzten Monaten einen Psychologen, der tatsächlich meinte: „Das ist eine verlorene Generation.“ Diese Aussage ist eine Unverschämtheit, so macht man Eltern nur verrückt. Selbst die damaligen Kriegskinder waren keine verlorene Generation – und die haben Flucht, Bomben und Terror erlebt. Eltern werden heute von der Gesellschaft unter Druck gesetzt: Ihre Kinder müssen in der Schule gut sein, gerade in den MINT-Fächern [Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik], sonst werden die Kinder keine Zukunft haben, in unserer digitalisierten Welt.

Mein Appell an alle Eltern: Bitte lasst euch nicht verrückt machen und bitte reflektiert eure Einstellung zum Druck der Wirtschaft auf das Schulsystem. Bitte nicht immer denken: „Mein Kind ist ein Versager, weil es in Mathe nicht gut ist.“ Tut alles dafür, den Druck von den Kindern zu nehmen. Wir haben mittlerweile Burnout-Statistiken für Grundschüler, das ist alarmierend. Ich höre fast täglich Geschichten von überforderten Kindern und Eltern, die in der Schule nur noch Entwertungserfahrungen machen, Angst vorm Versagen haben. Hier bietet sich die Corona-Krise an, endlich mal den Druck rauszunehmen und nicht schon wieder mit dem Bildungsverlust zu drohen. Wenn die Selbstoptimierung bereits bei Kindern beginnt, läuft etwas ziemlich falsch – und das ist viel schlimmer noch als der Virus.

Auf ihrer Homepage katharinaohana.de verfasst Katharina Ohana Psychociety-Texte zum psychologischen Weltgeschehen. Auch eine Kontaktaufnahme ist möglich.

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