Wenn ausgerechnet Eltern eine Gefahr für ihre Kinder sind

  • Am 20. September ist der jährliche Weltkindertag für Deutschland, der auf Kinderrechte aufmerksam machen soll.
  • Zu viele Kinder und Jugendliche sind in der eigenen Familie Opfer von Gewalt oder Missbrauch.
  • Im Jahr 2019 wurden mehr als 25.000 Straftaten von Eltern an ihren Kindern polizeilich erfasst.
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Eltern entscheiden, wann ihre Kinder ins Bett gehen, was sie essen und wie oft sie sich die Zähne putzen müssen. Kinder scheinen eher wenig Mitspracherechte zu haben. Aber es gibt Kinderrechte, die in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unumstößlich verankert sind.

Dazu gehören zum Beispiel das Recht auf Gleichheit, Bildung, Spiel und Freizeit, freie Meinungsäußerung oder Gesundheit. Für einige dieser Kinderrechte ist der Staat zuständig, die meisten liegen allerdings in elterlicher Verantwortung. Eltern sollen ihre Kinder beschützen, umsorgen und ihnen Geborgenheit geben. In viel zu vielen Fällen ist das jedoch nicht der Fall.

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Kinderrechte im Alltag: Dürfen Eltern das Handy wegnehmen?
3:49 min
Was bedeuten die Kinderrechte konkret? Dürfen Eltern ihren Kindern das Handy wegnehmen und gibt es ein Recht auf Taschengeld?  © RND/Marie Schiller
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Erschreckende Schlagzeilen

In den vergangenen Wochen mussten wir immer wieder schreckliche Meldungen lesen. In Solingen hat eine Mutter ihre fünf Kinder getötet, ein Vater transportierte seine vierjährige Tochter bei Tempo 120 auf dem Motorrad – in einer Riemenkonstruktion, die er wie einen Rucksack trug. Eltern ließen ihr dreijähriges Kind mehrfach über Stunden allein im Auto, um sich in einer Spielhalle zu vergnügen, eine 31-jährige Mutter soll ihr Baby direkt nach der Geburt erstickt haben. Aus Angst vor Corona sperrten Eltern ihre drei Kinder vier Monate lang im Zimmer ein, eine Mutter wurde auf dem Rückweg vom Kindergeburtstag mit ihren vier Kindern im Auto und knapp 3 Promille Atemalkoholgehalt erwischt. Und im Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach gehen die Ermittler davon aus, dass der Angeklagte den Missbrauch seiner Tochter bereits einen Tag nach ihrer Geburt geplant habe. Er habe unmittelbar mit der Planung von “Familientreffen” mit pädosexuellen Chatpartnern begonnen – mit dem Ziel, das Mädchen schnell an diese zu gewöhnen.

Und das sind alles nur Meldungen aus den vergangenen vier Wochen.

Mehr als 25.000 registrierte Straftaten an Kindern in einem Jahr

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Kann man es teilweise noch auf Leichtsinnigkeit oder Sorglosigkeit schieben, dass Eltern ihre Kinder gefährden, ist das in vielen Fällen nicht mehr der Fall. In der Kinderrechtskonvention ist verankert, dass Kinder ein Recht auf gute Versorgung haben und auf einen Schutz vor seelischer und körperlicher Gewalt. Auf ein Zuhause, in dem sie sich frei entfalten und entwickeln können. Ohne Angst.

In der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 sind für das Jahr mehr als 25.000 Straftaten an Kindern durch ihre Eltern erfasst. Diese beinhalten Vernachlässigung, Körperverletzung, Misshandlung, Aussetzung, Zwangsheirat, Förderung sexueller Handlungen, sexuelle Nötigung, Verstümmelung, sexuellen Missbrauch zur Herstellung von Kinderpornografie, Vergewaltigung, fahrlässige Tötung, Mord und noch mehr. Dazu kommen noch Straftaten von Großeltern, Geschwistern, Schwiegereltern oder sonstiger Angehöriger. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann niemand sagen.

Hinsehen und handeln – statt wegsehen und weggehen

Um diese erschreckend hohe Zahl zu senken, ist jeder gefragt. Im Missbrauchsfall von Lügde attestiert eine Sonderermittlerin dem Jugendamt schwere Fehler, auch wenn dem Landkreis kein strukturelles Versagen vorzuwerfen sei. Um Kinder vor ihrer eigenen Familie zu schützen, müssen Behörden, Verwandte und auch Passanten besser hinschauen.

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Pädagogin Anna Pallas beschäftigt sich schon seit Jahren mit Kinderrechten und Kindesmissbrauch. “Die Behörden sind nicht ausreichend ausgestattet, um dem Problem zu begegnen”, sagt sie. Dazu gebe es schlichtweg zu wenig Arbeitskräfte. Um Fälle von Kindesmissbrauch zu verhindern, müsse die Gesellschaft stärker dagegen angehen. In vielen Köpfen existiere jedoch eine Wahrnehmungsschranke bei Dingen, die man sich nicht vorstellen kann. Und die bedeute, “wenn es für mich unvorstellbar ist, dass in meiner Nachbarschaft so etwas stattfindet, dann sehe ich das natürlich auch nicht”, so Pallas.

An vielen Stellen wird vom Staat schon gearbeitet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat die bundesweite Initiative “Trau dich” zur Prävention des sexuellen Missbrauchs gestartet, und im Bundesfamilienministerium wurde eine Projektgruppe zwischen Bund und Ländern mit dem Namen “Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung” gegründet. Ähnliche Arbeit leistet die “Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs”. Diese untersucht das Geschehen von Gewalt an Kindern. Die Bundesstiftung “Frühe Hilfen” setzt noch früher an, bevor es überhaupt zu Gewalt oder Missbrauch kommt. Die Stiftung unterstützt seit 2018 werdende und junge Eltern in schwierigen Situationen, um ein gesundes und gewaltfreies Aufwachsen von Kindern zu ermöglichen. So könnten zum Beispiel Todesfälle durch ein Schütteltrauma verhindert werden. In vielen Städten und Gemeinden gibt es auch Kindernothilfen, an die sich Kinder wenden können.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch und Gewalt gegen Kinder

Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, bei denen sich betroffene Kinder melden und besorgte Angehörige oder Bekannte ihren Verdacht äußern können. Jedoch muss dieser Schritt erst einmal gegangen werden. Über die unterschiedlichen Angebote des Kinder- und Jugendschutzes informiert das Familienportal des Bundesfamilienministeriums, und auf dem Hilfeportal Sexueller Missbrauch finden Betroffene, Angehörige, Menschen aus dem sozialen Umfeld und Fachkräfte Hilfestellungen. Auch die örtlichen Jugendämter sind eine mögliche Anlaufstelle, ebenso wie Kinder- und Jugendhilfe, Diakonie, Caritas, Vereine, Selbsthilfegruppen oder Initiativen.

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Einige bundesweite Anlaufstellen haben wir hier zusammengestellt.

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch

  • Das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch
  • 0800–22 55 530
  • montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr
  • bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar
  • auch per E-Mail erreichbar: beratung@hilfetelefon-missbrauch.de
  • save-me-online.de – das Onlineberatungsangebot des Hilfetelefons für Jugendliche

Datenbank des Hilfeportals Sexueller Missbrauch

  • Regionale Ansprechpartner und Anlaufstellen
  • Suche nach Postleitzahl und Art der Hilfsangebote
  • Zur Datenbank >>>

berta

  • Beratung und telefonische Anlaufstelle für Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt sowie für Angehörige, Helfende und Fachkräfte
  • 0800–30 50 750
  • kostenfrei und anonym
  • auch per E-Mail erreichbar: beratung@hilfetelefon-missbrauch.de
  • berta-telefon.de

JugendNotmail

  • Beratung für Kinder und Jugendliche – JugendNotmail.de (nach Anmeldung)
  • 030–804 966 93
  • vertraulich, kostenlos und professionell, mit Beratern aus Psychologie und Sozialpädagogik, aber auch Themenchats und offene Foren
  • auch per E-Mail erreichbar: info@jugendnotmail.de

Nummer gegen Kummer

  • Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer
  • 116 111
  • montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr sowie montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr
  • anonym und kostenlos vom Handy und Festnetz
  • auch über Mail oder Chat erreichbar (nach Anmeldung)
“Staat, Sex, Amen”
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