Im Namen der Familie

  • Dass Männer bei der Eheschließung ihren Nachnamen ändern, ist noch immer ziemlich ungewöhnlich.
  • Wenn sich jemand für den Wechsel entscheidet, sind Freunde und Kollegen mitunter verblüfft, hat unser Autor erfahren.
  • Doch wie wichtig ist ein Name überhaupt?
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In letzter Zeit sage ich regelmäßig die Unwahrheit. Es passiert immer dann, wenn ich nach meinem Namen gefragt werde. „Oehlschläger“, sage ich dann, „O, e, h, l und dann einfach ‚schläger‘, wie der Tennisschläger.“ Das kommt wie von selbst, ich habe es schon tausendfach so erklärt.

Die Sache ist nur: Es stimmt nicht, zumindest nicht mehr. Weder das O, noch das E, H, L oder die Hälfte vom Tennisschläger – alles falsch. Ich mache das nicht mit Absicht, befinde mich gerade in einer Art Übergangsphase. Seit ein paar Wochen lautet mein Nachname nicht mehr Oehlschläger. Inzwischen bin ich ein „geborener Oehlschläger“, Nachname Thorausch.

Ein Mann, der den Namen seiner Frau annimmt – wie fortschrittlich

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Hin und wieder fragen Freunde oder Kollegen, ob sich für mich etwas seit der Hochzeit verändert hat, so ganz allgemein. Ja, sagte ich, der Name, sonst eigentlich nichts. Die Reaktionen waren ganz spannend. „Ein Mann, der den Namen seiner Frau annimmt – sehr fortschrittlich“, war relativ oft zu hören. Ein paar meinten, Oehlschläger klinge doch schön, warum man den ablegen wolle? In der Fußballmannschaft fanden sich direkt ein paar Fans für den neuen Namen, die allerdings „Torrausch“ verstanden haben wollten. Ein Kollege sagte wiederum, er finde es schade, denn er habe den alten Namen immer mit etwas Gutem verbunden.

Selbst die Möglichkeit, ich könnte mich mit meiner Familie zerstritten haben, wurde in Betracht gezogen. Das warf dann doch ein paar Fragen auf. Ist es wirklich noch etwas Bemerkenswertes, wenn der Mann den Namen der Frau annimmt? Was bleibt jetzt noch von Nils Oehlschläger? Kann ein Name ändern, wer ich bin? Und ist ein Name überhaupt so wichtig?

„Er ist eigentlich die eigene Identität“, sagt Gabriele Rodríguez, Namensforscherin und Mitarbeiterin in der Namensberatungsstelle an der Universität Leipzig. Ab dem 12. Jahrhundert etablierte sich zunehmend das System mit Nachnamen und zeigte die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Familie an. Im deutschsprachigen Raum wurde diese namentliche Identität vorwiegend über den Beruf definiert: Schneider, Richter, Weber, Schmidt, Müller, Fischer und Meyer gehören nach wie vor zu den häufigsten Nachnamen in Deutschland.

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Ein Name diente einst der Zuordnung

„Es war schon allein aus verwaltungstechnischen Gründen wichtig, dass jeder einen Namen hat, über den er zugeordnet werden konnte“, erklärt Rodríguez. Ein persönlicher Erkennungscode aus Buchstaben, nicht zwingend einmalig, aus einem frei vergebenen Vornamen und einem historisch übertragenen Nachnamen. „Im Mittelalter war die Gesellschaft männerdominiert“, sagt die 60-jährige Forscherin. Dass ein Mann auf den Nachnamen der Frau wechselte, sei in der Regel nur vorgekommen, wenn ihre Familie einen besseren Stand gehabt habe. Es sei normal gewesen, dass der Mann das Oberhaupt der Familie war. „Und das haben wir ja bis in die Neuzeit gehabt.“

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Die Annäherung an eine gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau hat vor allem in der jüngeren Vergangenheit an Tempo gewonnen. „Dass auch die Frau ihren Geburtsnamen behalten durfte, kam in Deutschland erst in den Achtzigerjahren und hat sich erst mit der zunehmenden Emanzipation entwickelt“, sagt Rodríguez. Aber noch heute sei die Sitte, dass der Mann den Namen der Frau annehme, tief in der Gesellschaft verankert. „Je nachdem, wie die Leute in ihrer Familie geprägt werden, ob eher konservativ oder modern, schlägt sich das noch nieder. Im Unterbewusstsein ist das noch da.“

Wer seinen Namen ändert, wird merken, wo der alte überall vermerkt ist.

Alles beim Alten: Viele Männer behalten ihren Namen. Es gibt keine bundesweite Datenbank, aus der sich ablesen lässt, wie sich Paare bei der Namensfrage entscheiden. Auskunft können Standesämter geben, zumindest für die eigenen Trauungen. Im bayerischen Rosenheim verzeichneten die Beamten für 2020 genau 216 Eheschließungen. Davon wollten drei von vier Paaren (78 Prozent) einen gemeinsamen Familiennamen tragen, der Rest behielt jeweils die Namen oder entschied sich für einen Doppelnamen. 92 Prozent der Paare mit nun gemeinsamem Namen wählten den des Mannes, 8 Prozent den der Frau. In den Vorjahren sah das ähnlich aus: 2019 brachten ebenfalls 8 Prozent der Frauen den Familiennamen ein, 2018 waren es 10 Prozent, 2017 wieder 8 Prozent und 2016 nur 5 Prozent.

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Auch in Köln wollten im vergangenen Jahr rund drei von vier Paaren einen gemeinsamen Namen tragen. Davon wählten 11 Prozent den Namen der Frau. „Diese Zahlen sind im Vergleich zu 2019 und 2018 recht konstant“, bilanziert das Standesamt. In Berlin-Mitte lag der Wert für 2020 bei 12 Prozent. Allerdings wollen die Ehepaare dort generell nur ungern etwas an den Namen ändern: 58 Prozent der im vergangenen Jahr getrauten Paare tragen weiterhin unterschiedliche Namen. Das Standesamt im sächsischen Hoyerswerda berichtet von 15 Prozent aller Paare mit gleichem Nachnamen, die 2020 den Namen der Frau angenommen haben. Im niedersächsischen Uelzen sind es 17 Prozent. Keine Spur von einem Trend zu einem ausgeglichenen Verhältnis bei der Namenswahl.

Behalten, ablegen, verändern? Für alles kann es Gründe geben

Egal ob er einem viel bedeutet oder nicht, muss doch jeder heiratende Mensch entscheiden, wie er zu seinem Namen steht. Behalten, ablegen, verändern? Für alles kann es Gründe geben. Wie würde der neue Name klingen, auch in Kombination mit dem eigenen Vornamen? Wie tief ist die Verbundenheit mit dem alten Namen – oder die Abneigung? Will man den bürokratischen Aufwand auf sich nehmen, den ein neuer Name mit sich bringt, von neuen Ausweisdokumenten bis zum neuen Klingelschild?

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Reisepass, Laptop, Social Media – den Namen zu ändern ist kein geringer Aufwand. © Quelle: Matthias Balk/dpa

Wer seinen Namen ändert, wird merken, wo der alte überall vermerkt ist: bei der Bank, auf Führerschein, Personalausweis und Reisepass, im Benutzernamen am Laptop, im Social-Media-Profil, in den Kontaktdaten auf den Smartphones von Freunden und Bekannten, auf Rechnungen, in der E-Mail-Signatur ... Den einen durch den anderen Namen zu ersetzen, ist nicht an einem Nachmittag erledigt. Vor allem ist der alte Name noch in den Köpfen der Menschen verankert, die von Hochzeit und Namenswechsel nichts mitbekommen haben. Nils Thorausch? Nie von dem gehört.

Ist der Name die Identität?

Zu einem unbekannten Namen kann es kein bekanntes Gesicht geben, geschweige denn eine Geschichte. Wenn der Name die eigene Identität ist, müsste ein neuer Name auch eine neue Identität bedeuten. Die legen, vermutlich aus Tradition und Gewohnheit, nach den meisten Eheschließungen nach wie vor Frauen an – mit allen bürokratischen und emotionalen Konsequenzen. Ein neuer Name kann aber auch die Chance auf einen Neuanfang sein, wie der Umzug in eine Stadt, in der man niemanden kennt. Ein Tapetenwechsel, wenn man so will.

„Wenn man den neuen Namen für sich annimmt und auch als etwas Positives begreift, kann man sich mit ihm identifizieren“, sagt Rodríguez. Auch wenn die alte Identität nicht gänzlich verschwindet, bringt der neue Name doch Raum für neue Assoziationen. „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“, hat Max Frisch einmal geschrieben. Der Name kann der Auftakt zu einer neuen Geschichte sein.

Das Gemenge an Empfindungen und Vorbehalten zu Nils Thorausch kann ein ganz anderes werden, als sich das vorgeprägte Bild von Nils Oehlschläger jemals hätte entwickeln können. Wäre die Identität ein Kleiderschrank, sie wäre nach dem Namenswechsel ziemlich aufgeräumt – nur dass neben ein paar ausgeblichenen Hemden auch einige geliebte Jacken verloren gegangen wären.

Ganz emotionslos betrachtet ist Namensberaterin Rodríguez zufrieden mit meiner Namenswahl. Thorausch könne möglicherweise hergeleitet werden als jemand, der am Schilf wohnt, sagt sie, wobei „Tho“ im Niederdeutschen als „zum“ und „Rausch“ eher als „Rusch“ für eine Bezeichnung von Schilfrohr gedeutet werden könne. Das wäre ein sogenannter Wohnstättenname, der mich passenderweise mit meinen norddeutschen Wurzeln verbinden könnte. Das passt mir gut, auch wenn er nicht von meinen eigenen Vorfahren stammt. „Thor kann aber auch der nordische Donnergott sein“, sagt sie.

Donnergott? Oh je, denke ich, und setze mich gedanklich auf den Steg an meiner Hütte im Schilf.

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