„Ich pflege meine Mutter nur aus Pflichtgefühl“

  • Eigentlich wollte sich Luise (67) nur ein paar Wochen um ihre Mutter Henriette (89) kümmern.
  • Mittlerweile sind daraus fünf Jahre geworden. Und ein Ende ist nicht absehbar.
  • Die Mutter ins Heim zu geben kommt für die Tochter trotzdem nicht infrage.
aufgeschrieben von Stephanie Arndt
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Als sich meine Mutter vor drei Jahren im Krankenhaus von einer Rauchvergiftung erholte, war schnell klar, dass sie Hilfe im Alltag braucht. Durch die lange Liegezeit war sie noch wackeliger auf den Beinen, und auch geistig ließ sie immer stärker nach. Schon vor dem Brand stand sie oft rätselnd vor der Kaffeemaschine oder vergaß, ihre Medikamente zu nehmen.

Nun musste ich eine Entscheidung treffen. Zumindest nach außen, weil ich innerlich gar keine Wahlmöglichkeit sah. Ich wusste, dass ein Heim oder Pflegedienst für meine Mutter nicht infrage kam. Beides fand sie unverschämt teuer – und die Vorstellung, dauernd fremde Leute in der Wohnung zu haben, furchtbar. In diesem Punkt verstehe ich sie sogar. Außerdem hatte ich kurz zuvor auch meine Schwiegermutter Erika gepflegt, bis sie starb. Natürlich erwartete meine Mutter das jetzt auch.

“Unser Verhältnis war nie eng oder innig”

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Trotzdem war es etwas völlig anderes für mich. Obwohl ich Erika zum Schluss füttern und wickeln musste, verbinde ich vor allem schöne Momente mit dieser schweren Zeit. Erika war ein lieber Mensch. Ich habe sie wirklich gerne gepflegt. Sie war so froh darüber. Selbst als sie kaum noch sprechen konnte, flüsterte sie immer: „Danke, Luise, dass du dich so lieb um mich kümmerst.“ Henriette ist dagegen herrisch und streng, seit ich denken kann. Unser Verhältnis war nie eng oder innig.

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Also beschloss ich aus Pflichtgefühl und nach Absprache mit meiner Familie, dass ich für ein paar Wochen zu meiner Mutter ziehe. Auch um nicht jeden Tag 60 Kilometer fahren zu müssen. Aus den Wochen sind Jahre geworden. Ein Ende ist nicht absehbar. Und bis heute ist Henriette nicht ein Wort des Dankes über die Lippen gekommen. Für sie ist mein Einsatz eine Selbstverständlichkeit. Ich bin ihre einzige Tochter und habe das aus ihrer Sicht zu tun. Und offenbar steckt dieser Glaubenssatz ja auch in mir irgendwo ganz tief fest, sonst hätte ich ja nicht so gehandelt. Von meinen Töchtern würde ich das nie erwarten.

“Ich hätte nicht mehr in den Spiegel schauen können”

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Vielleicht klingt es hart, aber ich habe tatsächlich nicht damit gerechnet, dass meine Mutter wieder so fit wird. Damals konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie gegen ihren Willen irgendwohin abzuschieben. Für die vermutlich letzten Wochen ihres Lebens. Ich hätte nicht mehr in den Spiegel schauen können. Heute erwische ich mich eher dabei, dass ich denke: „Die überlebt dich sogar noch.“ Seither koche und putze ich für sie, gehe mit ihr einkaufen und spazieren. Doch die meiste Zeit sitzt Henriette auf dem Sofa und strickt. Sonst interessiert sie nichts. Sie liest nicht, guckt kein Fernsehen. Sie strickt.

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Die ersten zwei Jahre habe ich mit ihr im Wohnzimmer gesessen und auch gehandarbeitet. Dann dachte ich, ich ersticke. Seither ziehe ich mich oft in mein Zimmer zurück, damit wir nicht den ganzen Tag aufeinanderhocken. Mein Leben fließt mir durch die Finger. Seit ich sie rund um die Uhr pflege, kämpfe ich selbst mit Depressionen. Denn so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt: mit fast 70 wieder bei meiner Mutter im Gästezimmer zu wohnen, in einer fremden Stadt, ohne meine Familie und Freunde. Früher war ich aktiv in der Kirche und habe mich gern mit Freundinnen getroffen. Jetzt bleibe ich sogar am Wochenende bei Henriette, weil ich Angst habe, sie alleine zu lassen. Was, wenn sie den Herd nicht abdreht oder stürzt? Ich bedauere meine Entscheidung und würde es nie wieder tun.

“Nicht mit meinem Gewissen zu vereinbaren”

Nun zu gehen kann ich trotzdem nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Obwohl ich nicht nur einmal drauf und dran war, alles hinzuschmeißen. Etwa als meine Mutter sagte, ich müsse mich an der Miete und an den Kosten für Lebensmittel beteiligen. Dabei hat sie Pflegegrad 3 und behält das Pflegegeld, das eigentlich mir zusteht. Da bin ich rausgerannt, habe geschrien: „Mach doch deinen Kram alleine!“ und die Haustür zugeknallt. Nach einer Runde um den Block hatte ich mich dann wieder beruhigt. Aber diese Dinge zermürben mich. Mein Mann und meine beiden Töchter sagen mir ständig, dass sie mich abholen, wenn ich es möchte. Irgendwie schaffe ich es nicht. Ich habe mir schon selbst so viele Ultimaten gestellt, wann ich gehen würde. Und habe sie bis jetzt alle verstreichen lassen.

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