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  • Homeschooling in Deutschland: Lernplattformen down, Eltern genervt

Lernplattformen down: Fehlstart fürs Homeschooling

  • Nach den neuen Lockdown-Beschlüssen der Bundesregierung hatten viele Eltern dem gestrigen Schulstart mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen geschaut.
  • Nicht wenige waren schon vorab der Verzweiflung nahe, ob des Spagats zwischen Job und Homeschooling, der nun wieder droht.
  • Dass unmittelbar zum Auftakt die großen Lernplattformen den Dienst verweigerten, wirkt da fast schon ein wenig zynisch, findet RND-Redakteurin Carolin Burchardt.
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Homeschooling, Tag zwei – zumindest in den meisten Bundesländern. Und wieder sind die Server der großen Lernplattformen nur eingeschränkt verfügbar. Nach Tag eins meldet iServ auch an Tag zwei wieder Zugriffsprobleme. Moodle, eine weitere große Kommunikationsplattform für Schüler und Lehrer, hatte bereits nach den Startschwierigkeiten zum Schulbeginn vorgewarnt, dass es zu Stoßzeiten immer wieder zu Ausfällen kommen könne. Da war noch von einer Überlastung des Systems die Rede, allerdings wurde auch über einen möglichen Hackerangriff spekuliert.

„Ja, was denn nun?”, fragt sich angesichts des andauernden digitalen Kuddelmuddels nun langsam auch der letzte Elternteil – der bis jetzt vielleicht sogar noch ganz besonnen mit der für alle herausfordernden Situation umgegangen ist. Zynischer hätte der Homeschooling-Auftakt kaum verlaufen können. Beinahe scheint es wie die Quittung für monatelange Untätigkeit von Landesschulpolitik und sicher auch einem nicht unbeträchtlichen Anteil von konzeptlosen Schulen, was ihre digitale Zukunft anbelangt.

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Corona-Pandemie spült Missstände in Schulen gnadenlos an die Oberfläche

Die Kritik an der maroden digitalen Infrastruktur des hiesigen Bildungswesens nimmt seit Langem zu, die Pandemie hat den Missstand nur noch einmal sehr viel eindrucksvoller an die Oberfläche gespült: Je mehr Zeit ungenutzt verstreicht, desto lauter wird die Kritik – zu Recht! „Kann es denn wirklich sein, dass es seit März keiner hinbekommen hat, eine funktionierende digitale Infrastruktur aufzubauen?” Die Frage, die eine völlig entnervte Mutter im Kurznachrichtendienst Twitter gestern angesichts des bundesweiten Serverausfalls stellte, brennt vielen Eltern auf der Seele – und sicher auch dem ein oder anderen engagierten Lehrer.

Dass die finanziellen Fördermittel aus dem Digitalpakt Schule des Bundes nur sehr schleppend in die einzelnen Bundesländer abfließen, passt da wunderbar ins Bild. Allenfalls ein Bruchteil der insgesamt zur Verfügung gestellten 5,5 Milliarden Euro wurde bislang abgerufen.

Innovative Konzepte seitens der Länder? Fehlanzeige!

Das macht deutlich: Es fehlt ganz offenbar nach wie vor an innovativen Konzepten jenseits von iServ und Moodle innerhalb der Länder, um die Fördermittel vom Bund zu erhalten. Denn, so die Einigung von Bund und Ländern: Der Bund fördert, wenn Bundesländer Förderrichtlinien festlegen und Schulen entsprechende Medienkonzepte erstellen. Denn Schule ist Ländersache. Das heißt also unterm Strich trotz beinahe einem Jahr andauernden Pandemiedrucks, der zum ohnehin schon bestehenden digitalen Bildungsnotstand hinzukommt, hat sich weiterhin nichts Nennenswertes getan.

Stattdessen werden Eltern, Lehrer und Schüler seit Monaten mit sicher gut gemeinten Briefen aus dem Kultusministerium gequält, die nur so vor Planlosigkeit strotzen. Ich unterstelle: Wirklich kein Elternteil will mehr etwas von Szenario A, B, C, Abstand und Mundschutzregeln lesen. Viele träumen schon davon. Wie wäre es an dieser Stelle stattdessen mal mit einem Update zum Stand der Digitalisierung? Warum werden die bereits seit zwei Jahren abrufbaren Fördermittel des Bundes nur so zögerlich genutzt? Besteht die einzige Chance des gemeinschaftlichen Lernens aktuell wirklich darin, sich von Moodle und iServ abhängig zu machen?

Digitaler Fortschritt ist ein Armutszeugnis

Während dieser Text entsteht, ich also meiner Arbeit nachgehe, ist in den Nachbarzimmern Homeschooling angesagt – das ist aktuell die Realität in vielen Millionen Familien bundesweit. Halbwegs glücklich sind jene, deren Kinder weitgehend selbstständig arbeiten und lernen und die das auch aus dem Homeoffice zumindest ein wenig überwachen können.

Fast schon rührig wirkte es da gestern, wie die Spanischlehrerin meines 12-jährigen Sohnes verzweifelt versuchte, die Klasse trotz iServ-Absturzes zusammenzutrommeln. Und natürlich habe auch ich, obwohl die Arbeit drängte, versucht, mit meinem Sohn einen Zugang zum Spanischunterricht herzustellen. Erfolglos. Am Ende waren acht von weit über 20 Kindern in der Videokonferenz, alle anderen schauten – mal wieder – buchstäblich in die Röhre. Für sie hieß es per Mail zugestellte Aufgabenblätter abzuarbeiten, ganz für sich allein und jenseits sozialer (wenngleich auch digitaler) Kontakte.

Das hat mit Schule nichts zu tun – und mit vernünftigem Lernen schon gar nicht. Kurzum: Es ist ein Armutszeugnis.

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