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Trotz Corona: “Grundschüler brauchen den persönlichen Kontakt zu ihren Lehrern”

  • Pädagogen, die weiterhin nur Aufgaben-Mails an Eltern schicken, nehmen ihre Verantwortung nicht wahr, findet Psychologe und Mitbegründer des Pädagogischen Institut Berlin Claus Koch.
  • Gerade im Home-Schooling sollten Lehrer den Kindern vor allem ein Gefühl vermitteln: Wir lassen euch nicht im Stich!
  • Studien zeigen, dass Pädagogen oft unterschätzen, welche Bedeutung sie für Kinder haben.
Leonie Schulte
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Claus Koch, Psychologe und Mitbegründer des Pädagogischen Institut Berlin meint, dass Pädagogen gerade jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen müssen. Hier erklärt er, warum.

Noch lernen die meisten Grundschüler weiterhin von zu Hause. Wie wichtig aber ist der persönliche Kontakt zwischen Lehrern und Schülern?

Das hängt vom Alter ab, aber je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist der persönliche Kontakt zu den Pädagoginnen und Pädagogen. Vor allem jüngere Kinder mit 6, 7 oder auch 9 Jahren machen im normalen Schulalltag noch viele Bindungsangebote, wollen etwa an die Hand der Lehrerin beim Schulausflug oder sich anvertrauen, wenn sie traurig sind. Das gilt vor allem für die Kinder, die nicht so gut in ihrem Elternhaus gebunden sind, die ängstlicher, die unsicherer sind. Und je unsicherer die Kinder gebunden sind, desto mehr brauchen sie Bestätigung von Seiten des Lehrers oder der Lehrerin. Unabhängig von Corona.

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Was macht die lange Abwesenheit in der Corona-Zeit mit der Schüler-Lehrer-Beziehung?

Wenn die Kinder Vertrauen in ihre Lehrer und Lehrerinnen haben und, ganz wichtig, wenn Kinder weiterhin Kontakt mit ihnen haben, kommen sie gut klar. Sie brauchen aber diese persönliche Ansprache, ob nun digital über Skype oder Zoom, oder per Telefon, ist fast egal. Das Wichtigste ist, dass die Kinder nicht das Gefühl haben von ihren Lehrern vergessen zu werden.

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Mails an die Eltern und Aufgaben zum Download reichen also nicht?

Nein, Kinder brauchen den persönlichen Kontakt, gerade die unsicheren, die, für die Schule auch ein Zufluchtsort ist. Ihnen liegt viel an der Präsenz des Lehrers. Für sie ist es ungemein wichtig, dass sie nach wie vor die Wertschätzung ihrer Lehrerinnen und Lehrer spüren. Studien zeigen, dass Pädagogen oft unterschätzen, welche Bedeutung sie für Kinder haben.

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Welche Möglichkeiten haben Lehrer, die Kinder eben nicht im Stich zu lassen?

Es gibt ganz viele! Manche Schulen laden Kinder auf den Schulhof ein. Einzeln und in entsprechendem Abstand können sie so ihre Klassenlehrerinnen und -lehrer treffen. So haben die Lehrer auch die Chance den Kindern zu sagen: „Ihr fehlt mir!“ Wenn Sie das sagen, dann drücken sie damit aus, dass sie eine Beziehung zu diesem Kind haben, die über das bloße Lernen hinaus geht. Dazu können auch digitale Mittel wie Zoom-Konferenzen sinnvoll sein. Schließlich sollte es nicht nur darum gehen, irgendwie den ihnen gestellten Aufgaben nachzukommen. Man kann die Zeit auch nutzen, um den Kindern Wertschätzung entgegenzubringen. Ein Kind freut es auch, wenn auf dem Endgerät ein Lehrer, eine Lehrerin auftaucht, die es einfach anguckt und sagt: „Mensch, ich freue mich, dich zu sehen!“ Gerade in dieser Krisenzeit, die auch für Eltern schwierig ist, können Lehrkräfte eine entlastende Funktion für Familien haben.

Nehmen Lehrer, die einfach eine Mail mit Aufgaben verschicken, einen wesentlichen Teil ihrer Verantwortung nicht wahr?

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Unbedingt! Aber das werden auch nur die Lehrer sein, die sonst in ihrem Unterricht wenig Notiz von den ihnen anvertrauten Schülern nehmen. Die feinfühligen Lehrer, die auch mal ein Kind beiseite nehmen, wenn es ihm nicht gut geht, die werden die ersten sein, die nicht so formalisiert diese digitalen Medien bedienen oder andere Wege finden, mit den Kindern den Kontakt zu halten. Die kennen ja die familiären Hintergründe und wissen, dass es nicht nur die Aufgabe der Sozialarbeiter oder des Kinderschutzbundes ist, mal persönlich anzurufen und das Kind zu fragen, wie es ihm geht und ihm das Signal zu geben: Du bist wertvoll.

Haben manche Lehrer vielleicht auch einfach die Scheu vor Digitalem?

Das mag sein, aber man kann ja wirklich einfach auch anrufen, sogar auf dem Festnetz. Es braucht ja nicht mal ein Handy. Natürlich werden manche Lehrer Sorge haben, in die Privatsphäre der Familien einzugreifen, aber die sollen ihre Hemmungen überwinden und es machen.

Wenn der Schulbetrieb wieder anfängt: Wie können Lehrer den Schülern den Schulstart erleichtern?

Lehrer sollten ihre Freude zum Ausdruck bringen. „Ich freue mich, dass ihr wieder da seid!“ Das ist ein Super-Satz, dann ist das Eis gebrochen. Falsch wäre, direkt das Lesebuch herauszunehmen und da weitermachen, wo man stehengeblieben ist. Nein, sie sollen sich Zeit nehmen und gemeinsam mit den Kindern über ihre Erfahrungen sprechen. Die Kinder können erzählen oder Bilder malen, so erhält der Lehrer oder die Lehrerin ein Stimmungsbild. Wichtig ist, dass es nicht einseitig ist, sondern auch die Lehrer erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Alle sollten den Raum haben, auch über ihre Empfindungen und Ängste zu sprechen.

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Wie lange werden die Kinder brauchen, bis sie emotional wieder in dieser Schulsituation angekommen sind?

Ich vermute, das geht schnell. Kinder sind ja ungeheuer flexibel. Zwei, drei Tage, vielleicht eine Woche. Die Kinder allerdings, denen es zu Hause gar nicht gut ergangen ist, werden länger brauchen. Und da ist es die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer noch mehr als früher auf Auffälligkeiten zu achten.

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Wie förderlich ist es da, dass mit den Sommerferien die nächste längere Pause vor der Tür steht?

Gerade für die jüngeren Kinder ist das ein Problem. Je nach Bundesland haben sie vielleicht gerade mit der Schule angefangen und dann kommt der nächste Bruch. Das ist wirklich ungünstig. Aber damit müssen sie fertig werden. Um so wichtiger ist es, dass sie sich in der Schule, wenn auch nur kurz, gut aufgehoben fühlen. Ginge es nach mir, würde ich die Ferien verkürzen und die Zeit mit etwas Schönem füllen, mit musikalischen Angeboten, kreativen Arbeiten, vielleicht auch Projekten, die mit Tod, Gesundheit und Krankheit zu tun haben. Ich frage mich auch, wie die meisten Eltern es schaffen sollen, dann auch noch sechs Wochen Ferien zu überbrücken. Das ist für viele doch kaum machbar!


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