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  • Hazel Brugger im Interview: Youtuberin über ihr Muttersein und Wimmelbücher

Hazel Brugger über ihr Muttersein: „Krass war, als mir bewusst wurde, dass das Kind jetzt immer da ist“

  • Mit mehr als 20 Millionen Views auf Youtube ist ihre Serie „Deutschland was geht“ zu einem sensationellen Erfolg geworden.
  • Im Fokus stehen kuriose Orte und Veranstaltungen im ganzen Land – ebenso wie im gleichnamigen Wimmelbuch, das seit Ende September auf dem Markt ist.
  • Das Comedian-Paar Hazel Brugger und Thomas Spitzer über die Faszination des Wimmelstyles, die Grenzen des Humors im Elternalltag und zur Frage „Wie böse dürfen Mütter sein?“.
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Sie sind seit einigen Monaten Eltern einer Tochter – ist der Nachwuchs auch Grund dafür, dass sie nun unter die Wimmelbuchautoren gegangen sind?

Thomas Spitzer: Das Verrückte ist, dass wir ein Wimmelbuch geplant haben, bevor wir ein Kind geplant haben. Wir wollten schon immer ein Wimmelbuch machen, auch schon vor „Deutschland was geht“

Hazel Brugger: Wir sind seit sieben Jahren zusammen. Thomas hat von Anfang gesagt, dass er Wimmelbücher cool findet. Ich auch. Aber die Frage, was unser Kind damit zu tun hat, ist trotzdem berechtigt. Das Kind hat durchaus etwas mit dem Wimmelbuch zu tun.

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Inwiefern?

Brugger: Wir dachten uns: „Jetzt kommt ein Wimmelbuch raus, dann hauen wir auch noch ein Kind raus.“ (lacht)

Spitzer: Ohne Wimmelbuch wären wir nie auf die Idee gekommen.

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Richtet sich das Buch vor allem an Ihre Fans, oder ist es durchaus auch für Kinder geeignet?

Brugger: Ich habe das Buch schon ein paarmal mit unserer Tochter angeschaut. Und es gefällt ihr echt gut. Vielleicht gefällt es ihr aber auch nur, dass ich neben ihr liege und mit ihr spreche.

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Spitzer: Eine große Qualität des Buchs ist, dass es, obwohl es so viele Anspielungen auf „Deutschland was geht“ enthält, auch wunderbar für Kinder funktioniert. Das war uns ganz wichtig. Wir haben es auch testmäßig mehreren Kindern vorgelegt. Das liegt wohl daran, dass unglaublich viele Tiere darin vertreten sind, und vor allem Tiere, die Dinge machen, die Menschen auch machen. Da gibt es zum Beispiel eine Katze, die Skateboard fährt, oder eine Maus, die Yoga macht.

Was fasziniert Sie beide am Wimmelstyle? Gibt es da selbst positive Kindheitserfahrungen?

Brugger: Also bei uns zu Hause, bei den Bruggers, gab es diese „Wo ist Walter?“-Bücher. Und beim Arzt im Wartezimmer gab es dann eben alle möglichen Formen von Wimmelbüchern. Richtig in Erinnerung geblieben ist mir aber nur „Wo ist Walter?“. Das faszinierende an Wimmelbüchern ist, dass sie komplett ohne Worte auskommen und man sie trotzdem mehrmals anschauen kann. Das ging uns auch jedes Mal beim Sichten so, wenn der Jannes uns eine neue Version der Illustrationen geschickt hat. Dann dachten wir uns: „Wie kann es denn sein, dass wir uns das eine Minute anschauen wollen, aber jedes Mal ein halbe Stunde daran hängen bleiben, obwohl wir den größten Teil des Bildes schon kennen?“ Dieses Sich-in-Details-Verlieren und dann aber auch aufs große Ganze zoomen zu können, das können Wimmelbücher wie nichts anderes.

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Zur Person: Hazel Brugger, geboren 1993 in San Diego, ist Stand-up-Comedian und Autorin. Die gebürtige US-Amerikanerin wuchs in der Nähe von Zürich auf, lebt und arbeitet heute in Zürich und Köln. Ihr Erzählband „Ich bin so hübsch“ war ein Bestseller. 2020 erhielt sie den deutschen Comedypreis als beste Komikerin. 2021 tourt sie mit ihrem bereits dritten Bühnenprogramm. Jenseits der Bühne kennt man sie aus dem Fernsehen, von ihrem Youtube-Kanal „Hazel & Thomas“ und den wöchentlichen Podcasts „Nur verheiratet“ und „Good Vibes Only“. © Quelle: Peter Hauser

Spitzer: Ich glaube, dass ein Wimmelbuch auch eine Art Kultobjekt ist, wie eine Schallplatte oder wie eine Zitronenpresse. Es gibt so ein paar Dinge, die einfach gemocht werden. Und ich glaube, dass Wimmelbücher dazugehören.

Brugger: Gerade auch dann, wenn das Buch regionale Anspielungen hat, dann ist es ein super Mitbringsel für Leute im Ausland. Ich war Austauschschülerin in Australien, Thomas auch. Hätte es das Buch damals schon gegeben, dann hätte ich es meinen Gasteltern mitgebracht, um zu zeigen: „Bei uns sieht es so aus.“

Beim Kind hört der Spaß auf

Glauben Sie, dass Ihr Wimmelbuch mit Hunden etwa, die mit am Tisch sitzen, wirklich so repräsentativ für Deutschland ist, dass man es gut im Ausland vorzeigen kann?

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Brugger: Also das Deutschland, so wie wir es wahrnehmen, sieht eigentlich schon so aus. (lacht)

Für ihre Serie „Deutschland was geht“ haben die beiden Comedians Hazel Brugger und Thomas Spitzer 52 kuriose Orte und Veranstaltungen in ganz Deutschland besucht. Ein Teil findet sich nun in Buchform wieder – Hazel Brugger, Thomas Spitzer (Autoren) und Jannes Weber (Illustrator): „Deutschland was geht: das Wimmelbuch“, Diogenes-Verlag, 16 Seiten, 14 Euro. © Quelle: Diogenes Verlag

Sie zwei stehen ja für Ihren extrem trockenen Humor. Als Eltern hat man allerdings nicht immer etwas zu lachen. Wann hört es bei Ihnen mit dem Humor bei der Kinderpflege auf?

Spitzer: Der Humor hört eigentlich sofort auf. (lacht)

Brugger: Das Kind ist da und das Lachen endet. Ein ganz schön krasses Zitat, fällt mir gerade auf.

Spitzer: Wir haben das in den letzten Monaten auch immer wieder im Zusammenhang mit Aktivistinnen, die bei uns im Podcast zu Gast waren, festgestellt. Meistens endet der Humor an der Stelle, wo einem etwas besonders wichtig ist. Wenn man beispielsweise mit einer Veganerin redet, dann wird die nicht über Witze lachen, in denen es ums Wurstessen geht. Und genauso ist es mit Kindern auch. Bei der Frage „Verschluckt das Kind irgendetwas oder schläft es schon durch?“, da hört der Humor für uns auf.

Sie beide haben ein extrem loses Mundwerk, wie viel Platz wird dafür im Familienalltag von Familie Brugger/Spitzer sein?

Brugger: Ich habe gerade heute mit einer Freundin gesprochen, die gesagt hat, dass wir ein Fluchglas brauchen, in das wir Geld reinschmeißen können. Woraufhin ich sagte: „Ja cool, dann können wir von dem Geld einmal die Woche auf die Malediven fliegen.“ Nein, wir versuchen schon, wenn das Kind dabei ist, nett zu reden. Dann fallen so Worte wie „Ojemine“ oder „Scheibenkleister“.

Elternalltag ganz ungeschminkt

Auf Youtube geben Sie recht ungeschminkte Einblicke in Ihren Familienalltag, was sehr erfrischend ist im Vergleich zu dem ganzen Happy-Insta-Familiending. Wie wichtig sind diese authentischen Einblicke?

Spitzer: Wir haben einfach keine Zeit, uns zu schminken. (beide lachen)

Brugger: Genau. Ich würde es schon sehr gern darstellen, aber es geht einfach nicht. Mich würde auch bei den ganzen Instagram-Bildern von Drillingsmüttern interessieren, auf denen immer alles so süß und so toll ist und alle Kinder passende Outfits tragen, was in den 30 Minuten vor und nach dem Foto passiert. Ich glaube, da wird auch geflucht und es werden Dinge festgehalten, die sich wehren. Drillingsmutter sein ist auch ein Knochenjob.

Zur Person: Thomas Spitzer, geboren 1988 in Freiburg, ist Comedyautor und Regisseur. Nach einer Kindheit im Schwarzwald, den USA, Heidelberg und Ulm studierte er Mathematik in Regensburg. 2009 trat Spitzer zum ersten Mal bei einem Poetry-Slam auf und gewann seitdem über 200 Slam- und Kleinkunstwettbewerbe, darunter den Nightwash Talent Award 2016. Spitzer arbeitet regelmäßig als Autor, Realisator, Cutter und Kameramann für TV-Sendungen wie die ZDF-„heute-show“. Bei Bruggers Soloprogramm „Tropical“ führte er Regie, bei der Netflix-Aufzeichnung des Programms war er ausführender Produzent. Seit 2020 sind Brugger und Spitzer verheiratet und seit Frühjahr Eltern einer Tochter. © Quelle: Marvin Ruppert

Hazel, Sie wurden mal als die „böseste Frau der Schweiz“ bezeichnet. Wie kann man Sie sich als Mutter vorstellen?

Spitzer: Jetzt bin ich gespannt!

Brugger: Ich bin selbst gerade extremst gespannt, was dazu aus meinem Mund rauskommt. Ich bin ja nur offiziell die böseste Frau der Schweiz. Privat bin ich nur die drittböseste. Nein, also so langsam fängt es an, sich einigermaßen normal für mich anzufühlen. Freunde haben zu mir immer gesagt: „Und bald ist es so, als wäre das Kind immer schon da gewesen.“ Und ich habe dann immer auf dieses Gefühl gewartet und mir gedacht: „Hey, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich nicht 24 Stunden für jemanden da sein musste, auch nicht mit meinem vollen Körper.“ Aber langsam kann das Kind jetzt auch ab und zu ein Breichen essen, das finde ich schon sehr erleichternd. Aber unser Leben ist schon sehr anders.

Wie stark war der Elternrealitätsschock tatsächlich?

Brugger: Was wirklich krass war, ist das Bewusstsein darüber, dass das Kind jetzt immer da ist, jede Minute eines jeden Tages die Aufmerksamkeit braucht. Das kannte ich vorher nicht. Das wird natürlich besser, weil ich mich daran gewöhne und das Kind auch unabhängiger wird.

Spitzer: Für mich ist eigentlich alles super …

Brugger: Ja. Thomas geht ab und zu mit dem Kind in den Zoo. Nein, er macht schon viel. Aber was ich falsch eingeschätzt habe, war, dass die Schwangerschaft endet und ich dann nicht mehr allein für dieses Kind verantwortlich bin. Ich habe wirklich gedacht, wenn die Schwangerschaft endlich vorbei ist, dann kann ich chillen. Und dann ging es aber erst richtig los. Das ist eben ein neues Level von Verantwortung – auch wenn da viel psychischer Druck dabei ist, den man sich selbst macht. Das kann man sich einfach vorher nicht vorstellen. Das ist schlimmer, als wenn einem die Mutter ein Fahrrad leiht und sagt: „Jetzt pass aber gut darauf auf.“

Spitzer: Bei mir war es ehrlicherweise genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe aber auch Geschwister, die schon Kinder haben, eine große Familie. Und niemand sagt ja: „Ah, du bekommst ein Kind, deine nächsten zwei Jahre werden total entspannt.“

Brugger: Was ich total krass finde und auch immer noch gar nicht wirklich handeln kann, ist diese extreme Schlaflosigkeit. Ich gewöhne mich da einfach nicht dran. Wenn man das erst einmal so drei Wochen durchlebt hat, dann wartet man auf den Gewöhnungseffekt, aber es passiert nichts. Gerade so, als würde man mit einem Lift in den dritten Stock fahren wollen, aber dann zwischen dem zweiten und dritten Stock festhängen. Und man weiß nicht genau, soll ich jetzt im Lift bleiben oder aussteigen.

Schlaflosigkeit und Saucoolsein funktionieren nur bedingt zusammen

Sie gelten ja auch als „saucool“, Hazel. Wie saucool kann man denn noch sein, wenn man unter permanenter Schlaflosigkeit leidet?

Brugger: Also Thomas und ich haben neulich darüber gesprochen, dass ich ja trotz allem erschreckend wenig aggressiv bin. Alle anderen Dinge sind tatsächlich nicht so positiv.

Spitzer: Es gibt ja Leute, die sagen, Schlaflosigkeit und Depressionen sind quasi dasselbe. Mein Vater ist Psychiater und erzählte, wenn Leute in der Uniklinik sagen, dass es ihnen nicht gut geht, dann fragen die Therapeuten schon gar nicht mehr danach, ob sie unter Schlaflosigkeit leiden, weil das immer ein Symptom ist.

Brugger: Und wenn man in eine Burn-out-Klinik eingeliefert wird, dann ist es wohl auch immer so, dass sie als Erstes sagen: „Sie müssen erst mal sechs Stunden am Stück schlafen, vorher fangen wir gar nicht mit der Behandlung an.“ Ich habe drei Monate lang nur maximal zwei Stunden am Stück geschlafen. Also das Bild von der glücklichen Mutter mit ihrem kleinen Baby, nun ja …

Apropos Stress, unter Eltern ist die Vereinbarkeit von Job und Familienalltag immer wieder ein Riesenthema. Sie beide haben ja recht unkonventionelle Jobs, wie bekommen Sie das hin?

Spitzer: Meine Mutter hat schon immer im letzten Trimester der Schwangerschaft gefragt, wie wir das mit unseren Jobs machen werden. Ich habe dann immer gesagt: „Häh, wie machen?“ Also dafür, dass wir nie groß darüber geredet haben, wie wir das strukturieren werden, läuft es jetzt erstaunlich gut, weil wir beide ja immer noch sauviel arbeiten und das auch einigermaßen hinkriegen.

Brugger: Die Omas des Kindes wohnen eben auch sehr weit weg. Aber wir haben eine gute Freundin, die ab und zu für eine Stunde aufpassen kann. Und auf den Touren habe ich eine Reisenanny dabei, die sich kümmert. Das Kind kann so immer dabei sein. Es hat jetzt humoristisch schon mehr Kompetenz als 90 Prozent der Comedybranche in Deutschland.

Spitzer: Das Gute bei dem Baby ist, dass es Chaos mag. Das ist vielleicht auch eine Grundvoraussetzung, um es mit uns auszuhalten. Es schläft zum Beispiel tiefer und länger, wenn es in Hotelzimmern ist. Es lächelt alle Fremden an, und es ist total gern im Zug. Das erleichtert es wirklich.

Brugger: Solange Mama und Papa dabei sind, ist alles cool.

Thema Erziehung: In Ihrem Podcast „Nur verheiratet“ war Hazels Mutter zu Gast und hat aus dem Familienalltag geplaudert. Was würden Sie in der Erziehung ähnlich wie Ihre Eltern machen? Und was war so gar nicht nachahmenswert?

Spitzer: Also wir sind ja beide in den Neunzigern groß geworden, und da war man, glaub ich, noch nicht so weit, was beispielsweise Ernährung anbelangt. Wir haben sehr viel Trash als Kinder gegessen.

Brugger: Morgens, mittags, abends Frosty Flakes.

Spitzer: Also ich habe ganz lange, vielleicht bis ich so 15 Jahre alt war, morgens zwei Nutella-Brote gegessen.

Brugger: Ja, ich auch. Und ich habe vielleicht so mit elf Jahren zum ersten Mal Wasser getrunken, vorher meist nur Orangensaft oder Sprite.

Spitzer: Da ist man heute etwas weiter. Ansonsten bin ich ganz zufrieden damit, wie mich meine Eltern erzogen haben.

Brugger: Im Gegensatz zu meinen Eltern will ich etwas mehr versuchen, dass Thomas und ich uns in Erziehungsfragen absprechen und nicht jeder sein Ding durchzieht. Bei uns hatten beide Eltern ihren eigenen Style. Das funktioniert so lange, wie man entweder mit dem einen oder dem anderen Elternteil zusammen ist. Aber wenn dann beide da sind, dann wussten wir Kinder immer gar nicht, was jetzt Sache ist. Teller leer essen oder nicht?

Spitzer: Das ist aber auch eine Generationenfrage. Unsere Eltern haben grundsätzlich nicht so viel kommuniziert wie wir. Ich finde, da kann man unseren Eltern auch keinen Vorwurf machen, weil es einfach etwas anderes war. Wir waren fünf Kinder, und mein Vater hat in seinem ganzen Leben keine einzige Windel gewechselt. Da wurde nicht mal drüber geredet. Der Mann ist arbeiten gegangen, und meine Mutter hat den ganzen anderen Kram gemacht, obwohl sie einen Doktor in Medizin hat und durchaus qualifiziert gewesen wäre, um zu arbeiten. Aber es war eben völlig klar, dass der Mann zur Arbeit geht und die Frau zu Hause bleibt.

Keine Chance auf animalischen Sex

Wie bleibt man denn heute trotz Elternschaft ein Paar beziehungsweise ein Team? Sie beide arbeiten ja auch recht eng zusammen.

Spitzer: Bei unserem Beziehungspodcast „Nur verheiratet“ geht es ja allgemein darum zu ergründen, teils auch mit der Hörerschaft, was eine Langzeitbeziehung im Jahr 2021 sein kann. Wir wissen selbst nicht immer, wo die Reise hingeht. Das ist natürlich zurzeit ein Thema bei uns. Allein die Tatsache, dass wir zum Teil nicht im selben Bett schlafen oder nicht einmal in derselben Wohnung. Ich schlafe manchmal im Büro, wenn ich am nächsten Tag einen total stressigen Drehtag habe.

Brugger: Früher ist Thomas zu mir auf Tour gekommen und hat das Opening gemacht. Jetzt arbeitet er in der Zeit, in der ich weg bin, weil er dann auch mal Ruhe hat. Man wird als Paar so ein bisschen dazu gezwungen, Schichten zu übernehmen, damit man nicht komplett durchdreht. Ich glaube, man muss sich von dieser Idee verabschieden, dass es jetzt besser oder schlechter ist. Das ist eine andere Konstellation. Es gibt auch Dinge, von denen ich sagen würde, dass sie jetzt besser sind für uns als Paar. Man hat beispielsweise noch mal etwas zusammen erlebt, was man wirklich so noch nie mit einer anderen Person mit der Intensität erlebt hat. Die Frage, inwiefern Thomas und meine Beziehung den vorherigen Beziehungen gleicht, die stellt sich jetzt gar nicht mehr.

Spitzer: Man vergisst ja auch, was es für ein sinnlicher Austausch mit so einem Baby sein kann, wenn wir morgens zu dritt im Bett miteinander kuscheln. Klar ist das etwas anderes, als wenn man jetzt animalischen Sex als Paar miteinander hat. Es ist aber trotzdem ein körperliches Miteinander und eine sinnliche Erfahrung, die total ursprünglich und schön ist. Ich finde es immer schwierig, das eine gegen das andere aufzuwiegen. Nichtsdestotrotz wird der Austausch technokratischer. Wir haben jetzt auch noch ein Haus, wo ich immer hinfahren und Entscheidungen treffen muss, weil das Haus renoviert wird. Wenn man eine Ehe, ein Haus, eine gemeinsame Firma und dann auch noch ein Baby zusammen hat, dann gibt es unglaublich viel zu besprechen. Und vielleicht braucht man dann auch einfach häufiger mal eine Pause vom Partner als vorher.

Brugger: Den Fehler, den Eltern machen, wenn zum Beispiel mal eine Oma da ist und sich ums Kind kümmert, ist, dass sie sich Druck machen, indem sie sagen: „Okay, jetzt haben wir fünf Stunden zusammen, jetzt müssen wir auch zusammen ins Wellness.“ Aber eigentlich ist es auch ganz wichtig, dass jeder für sich eine Ruhephase hat.

Sie sind seit 2020 verheiratet. Bei einem Auftritt sagten Sie mal, Hazel, dass manche Leute nur heiraten, um hinterher „den Partner an die Wand zu mobben“ – und „Liebe ist, wenn man gemeinsam fett wird“. Wie stehen Sie beide zu diesen wenig romantischen Aussagen?

Brugger: Die Tatsache, dass ich verheiratet bin, und die Tatsache, dass ich sehr viele Darstellungen des Konzepts Ehe nicht mag, das schließt sich ja nicht aus. Eigentlich ist es schade, dass so etwas Positives und absolut Freiwilliges wie Verheiratetsein immer als so eine Art Pflicht dargestellt wird. Immer dieses Genöle: „Äh, jetzt muss ich schon wieder zum Mann nach Hause“ und „Äh, was will die Alte denn schon wieder?“. Es sollte doch eigentlich vielmehr sein: „Ach, du bist die Person, mit der sehe ich es, wie wir gemeinsam alt werden.“ Das heißt ja nicht, dass es so sein muss. Und man sollte sich auch bewusst machen, dass die Liebe bröckeln kann. Mich kotzt es auch total an, wie die Ehe in der Comedy dargestellt wird.

Was erzeugt da den größten Würgereiz?

Spitzer: Es gab ja mal dieses Format „Ladies Night“, in dem Frauen im besten Alter in einer Art Ensembleshow darüber herziehen, wie blöd ihre Ehemänner sind. Und dann sitzen Frauen im Publikum, die sich auf die Schenkel klopfen und so richtig abgeiern. Das hat im Kern fast etwas Menschenverachtendes, wenn man immer nur sagt: „Äh, der Alte kriegt keinen mehr hoch und ist immer nur im Werkzeugkeller.“ Aber irgendwann war das auch mal jemand, der sich dafür entschieden hat, sein Leben mit dir zu verbringen.

Brugger: Ja, und die Frau hat sich ja auch dafür entschieden. Es sagt sehr viel über eine Person aus, wenn sie immer negativ über den Partner redet. Das ist so, als würde man über sein Kind negativ reden. Das Kind ist ja zur Hälfte genetisch auch der Partner. Man selbst ist natürlich nicht zur Hälfte genetisch der Partner, aber man ist auf eine Art noch mehr dafür verantwortlich, was man für einen Partner hat. Das Kind kann man sich nicht aussuchen, den Partner aber schon. Wenn man daran scheitert, dann sollte man nicht auch noch mit Stolz damit umgehen.

Dann ist es eben doch mehr „das Zusammen-fett-Werden als das Sich-gegenseitige-an-die-Wand-Mobben“, wie Sie einst betonten.

Brugger: Die Frage ist ja immer, inwieweit man seine eigenen Möglichkeiten auf die des Partners reduzieren will und inwieweit man auch noch attraktiv für andere bleiben will. Ich könnte jetzt auch nicht mit einem Mann zusammen sein, der seine Putenbrust abwiegt und drei Stunden am Tag auf dem Crosstrainer verbringt, nur damit er fuckable aussieht. Aber man will auch nicht so einen, den man selbst nicht gern anschaut.

Spitzer: Ich weiß nicht, was du da gerade gesagt hast …

Brugger: Wenn der Partner zu sehr außerhalb der Beziehung wahrgenommen werden möchte, dann ist das nicht gut. Aber wenn er gar nicht mehr attraktiv sein will für andere Leute, dann ist das auch nicht so gut.

Vergleiche unter Eltern stressen

Ein weiterer Satz, der hängen geblieben ist: „Liebe ist, wenn man sich so lange zusammen gehen lässt, bis man nicht mehr gehen kann.“ Wie viel Sich-gehen-Lassen ist okay in einer Partnerschaft, gerade auch in der Phase der frühen Elternschaft?

Brugger: Bis das Kind drei Monate alt ist, gibt es sowieso keine Regeln, da muss der Mann durch. Und danach ist es ja schon schön, auch aus Perspektive der Mutter, mal zum Friseur gehen zu können. Solange sich beide wohlfühlen, gibt es keine pauschale Regel.

Spitzer: Die Frage ist ja immer: Wie attraktiv kann man sein, wenn man noch dabei entspannt ist? Muss man sich täglich anstrengen oder reicht einmal die Woche? Oder ist man vielleicht dadurch attraktiv, dass man entspannt ist? Manche Leute sehen ja rein objektiv gesehen nicht megagut aus, haben aber eine schöne Ausstrahlung, und dann macht das auch etwas aus. Ich zum Beispiel mag es gar nicht, wenn ich mit Leuten zusammen esse und die dann den Nachtisch weglassen und so ganz extrem darauf achten, was sie essen. Ich mag es, wenn man trotz Termindruck am nächsten Morgen am Abend zuvor ein Glas Wein zu viel trinkt, also auch mal etwas Dummes macht, was in dem Moment aber vielleicht schön ist.

Was ist Ihr Rat an junge Eltern: Wie bekommt man etwas mehr Coolness und ein gutes Maß an Sich-gehen-Lassen in den Familienalltag?

Spitzer: Setzt euch nicht unter Druck. Nehmt euch nichts vor, sowohl im Privaten wie auch beruflich. Es gibt ja auch Leute, die sich privat sehr unter Druck setzen. Da gibt es unheimlich viel Wettkampf, gerade auch unter Frauen, wenn es um Kinder geht. Wer hat den schönsten Kinderwagen und lauter derartiger Bullshit.

Brugger: Welches Kind kann als erstes sitzen?

Spitzer: Oder wenn Hazel sagt: „Mein Kind wacht fünfmal die Nacht auf“, und die anderen dann sagen: „Also meins schläft seit Tag eins durch.“

Brugger: Das meint ja dann implizit auch, dass sie etwas richtig gemacht haben. Aber wenn ein Kind tatsächlich seit Tag eins durchschläft, was soll man da groß anerzogen haben? Wichtig ist aber auch, dass man nicht immer das neue mit dem alten Leben vergleicht. Das man nicht denkt: „Früher hat es uns total Spaß gemacht, für ein Wochenende nach Paris zu fahren. Wieso also tue ich jetzt auch noch so, als würde es mir Spaß machen, wenn ich das Baby schreiend im Auto habe?“ Es gibt einfach Dinge, die sind jetzt auf Eis gelegt für zehn oder 20 Jahre. Manche Dinge kommen auch nie wieder.

Spitzer: Das erinnert mich an diese Leute, die immer sagen: „In der Schule war es am schönsten“, ich dann aber auch denke: „Mensch, da konntest du noch nicht mal selbstständig reisen.“

Brugger: Da hattest du einen Euro pro Woche.

Spitzer: Das Leben verändert sich mit Kind, aber es wird nicht schlechter dadurch.

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