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Opferhilfe Weißer Ring: „Jede vierte Frau wurde bereits misshandelt“

  • Fachkreisen zufolge wurde jede vierte Frau in Deutschland schon einmal Opfer häuslicher Gewalt.
  • Die Täter sind oft Partner oder Ex-Partner.
  • Im Interview erklärt eine Fachfrau des Weißen Rings, wie Hilfe für Betroffene aussehen kann.
Katharina Nachtsheim
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Auch heute ist das Thema häusliche Gewalt in unserer Gesellschaft oft noch ein Tabuthema. Frauen, die in der scheinbar sicheren Umgebung ihres Zuhauses Opfer von Gewalt werden, brauchen Mut, um sich Hilfe zu holen. Kürzlich hatten wir an dieser Stelle die Geschichte von Viktoria erzählt, deren Traum von einer heilen Familien zerplatzte, als ihr Mann plötzlich vom liebenden Familienvater zum Täter wurde. Lesen Sie hier ihre Geschichte. Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings, erklärt, wie Hilfe für Betroffene aussehen kann.

Viele Frauen, die häusliche Gewalt erleben, denken, sie seien die Einzigen, die davon betroffen sind. Frau Biwer, haben Sie Zahlen, wie viele Frauen zu Hause Gewalt erleben?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist häusliche Gewalt nicht als eigenes Delikt aus. Auch wenn von amtlicher Seite keine Zahlen zur häuslichen Gewalt gegen Frauen erhoben werden, zeigt die Opferhilfepraxis des Weißen Rings, dass Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, sicherlich nicht alleine von diesem Problem betroffen sind.

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Rund 35 Prozent der Fälle, in denen der Weiße Ring materiell unterstützt, sind Fälle von Körperverletzungen. Hierunter fallen auch Delikte aus dem Bereich häusliche Gewalt. In Fachkreisen geht man davon aus, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren bereits einmal in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Lebensgefährten misshandelt wurde.

Was genau ist häusliche Gewalt?

Häusliche Gewalt ist eine Form von Gewalt gegen Frauen, die von Partnern oder Ex-Partnern ausgeht. Unter häusliche Gewalt fallen körperliche und sexuelle Übergriffe, aber auch Beleidigungen, die Beschädigung von Eigentum, Drohungen und Nötigungen. Zudem muss man Stalking in den Bereich häuslicher Gewalt rechnen. Der Weiße Ring setzt sich dafür ein, dass es für die Strafbarkeit von Nachstellungen nicht länger entscheidend sein sollte, ob die Tat eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung des Opfers verursacht hat.

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Es muss ausreichen, wenn sie geeignet ist, eine solche Beeinträchtigung herbeizuführen. Die zuständigen Gerichte erkennen derzeit in der Regel nur einen Umzug oder Wechsel des Arbeitsplatzes als Nachweis für Stalking an. Die Strafbarkeit von Stalking hängt also nicht von der tatsächlichen Beeinträchtigung des Opfers ab, sondern allein davon, wie das Opfer ihr zu entgehen versucht. Das muss sich ändern.

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Wo kann ich Hilfe finden? Und: Geht das auch anonym?

Hilfe finden Opfer häuslicher Gewalt zum Beispiel beim Weißen Ring. Der Verein verfügt über ein bundesweites Netz von 420 Außenstellen mit ehrenamtlichen Helfern, die professionell ausgebildet sind. Anonym können sich Betroffene auch an das bundesweite Opfertelefon unter der Rufnummer 116006 wenden.

Wie sieht die Hilfe der Beratungsstellen aus?

Die Außenstellen des Weißen Rings können verschiedene Hilfsmöglichkeiten einleiten. Mögliche Hilfsmaßnahmen sind der menschliche Beistand und die persönliche Betreuung, aber auch die Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Die Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen, die Ausgabe von Hilfeschecks für eine vom Opfer je kostenlose und frei wählbare anwaltliche und psychotraumatologische Erstberatung sowie für eine rechtsmedizinische Untersuchung können ebenfalls dazugehören.

Hinzu kommt auch die Übernahme von Anwaltskosten, insbesondere zur Wahrung von Opferschutzrechten im Strafverfahren und zur Durchsetzung von Ansprüchen nach dem Opferentschädigungsgesetz. Die Finanzierung von Erholungsmaßnahmen für Opfer und ihre Angehörigen in bestimmten Fällen und die finanzielle Unterstützung zur Überbrückung tatbedingter Notlagen kann ebenfalls vom Weißen Ring getragen werden.

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Vermittelt der Weiße Ring auch Wohnalternativen?

Um Wohnalternativen anbieten zu können, nimmt der Weiße Ring eine Lotsenfunktion im Netzwerk der Hilfsorganisationen in Deutschland wahr. Bei Bedarf sprechen wir also Frauenhäuser an. Es besteht auch die Möglichkeit, dass mit unserer Hilfe eine tatbedingte Notlage überbrückt wird, etwa mit einer Pension- oder Hotelübernachtung, die der Weiße Ring bezahlt.

Kostet die Hilfestellung etwas?

Der Weiße Ring leistet seine Hilfe unabhängig von einer Mitgliedschaft oder sonstigen Verpflichtungen – die Hilfeleistungen sind selbstverständlich kostenlos.

Wie erleben Sie die Frauen, die Hilfe bei Ihnen suchen? Suchen viele die Schuld bei sich selbst?

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Betroffene von häuslicher Gewalt erleben ihre Situation häufig als selbstverschuldet oder mitverschuldet und empfinden große Scham, dass ihnen dies passiert. Die meisten Betroffenen haben große Hemmungen, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen.

Wie oft sind auch Kinder von Gewalt betroffen?

Kinder sind regelmäßig mittelbar betroffen, da sie die Gewalt gegenüber einem Elternteil entweder direkt erleben oder von den Umständen beeinflusst werden. Kindesmisshandlungen, die mit häuslicher Gewalt einhergehen, sind oft der Auslöser für das betroffene Elternteil, sich Hilfe zu suchen.

Was möchten Sie den Frauen sagen, die sich nicht trauen, nach Hilfe zu fragen?

Allen Betroffenen von häuslicher Gewalt möchten wir sagen: Haben Sie den Mut, sich Hilfe zu holen. Die Anrufe beim Opfertelefon des Weißen Rings oder auch bei dem „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ kosten nichts. Auch anonym erhält jeder Anrufer Informationen und es werden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Opferhelfer in den Außenstellen des Weißen Rings gehen auf die Betroffenen ein, vermitteln Hilfe und zeigen die Hilfsmöglichkeiten des Vereins auf, um möglichst vielen Frauen eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen.