„In der Regel gehen jahrelange Konflikte voraus“

Bruch mit der Familie: Expertin erklärt, wie es dazu kommt

Prinz Harry hat derzeit keinen Kontakt zu seiner Familie.

Prinz Harry hat derzeit keinen Kontakt zu seiner Familie.

Zerwürfnisse wie bei den britischen Royals gibt es in vielen Familien. Meist seien es die Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, oder es gebe Kontaktabbrüche unter Geschwistern, sagt Eva-Maria Hesse. Sie arbeitet als Familien- und Paartherapeutin in Nürnberg. „Zu einem Kontaktabbruch kommt es aber in der Regel nur dann, wenn schon lange vorher Verletzungen stattgefunden haben, die sich seit den frühesten Kindheits- und Jugendtagen aufgestaut haben.“ Dass es hingegen völlig spontan oder aufgrund eines einzelnen Vorfalls zum Bruch kommt, sei selten − „wenn ein gutes elterliches Verhältnis besteht, redet man darüber, oder die Wut verraucht“, sagt Hesse.

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Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, hätten in der Regel emotionalen Missbrauch erlebt. Eine häufige Ursache für schwere Kränkungen in der Kindheit sei es zum Beispiel, wenn ein Geschwisterteil immer als das bessere dargestellt wurde. Oder wenn Kinder sich immer nur dann geliebt fühlen konnten, wenn sie den Vorstellungen der Eltern entsprachen. „Und wenn dadurch das Gefühl entsteht: ‚Ich darf nicht so sein, wie ich bin‘“, sagt Hesse.

Oft sei es auch immer wieder zu Demütigungen oder gemeinen Bemerkungen gekommen. „Prinz Charles zum Beispiel soll zu Harry gesagt haben, er wisse nicht, ob er überhaupt sein richtiger Vater sei. Selbst falls so etwas scherzhaft gemeint ist, kann das tiefe Spuren hinterlassen“, so Hesse. Der Prinz hatte auch berichtet, er habe sich nach dem Tod seiner Mutter alleingelassen gefühlt.

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„Als Kind ist man abhängig“

„Wenn man als Kind die wichtigste Bezugsperson verliert, ist das immer ein Trauma, egal ob Promi oder nicht“, sagt Hesse. „Wenn man dann nicht gut versorgt wird und da niemand ist, der sagt, ‚ich bin für dich da‘, ist das besonders schwierig. Es kann dazu führen, dass ein Kind sich dann erst einmal von seinen Gefühlen abspaltet, um zu überleben. Oder dass die sich erst einmal nur wie Wut anfühlen und man erst später einen Zugang dazu findet.“

Wenn man aber erwachsen wird, kann man in Distanz gehen und sich emotional und hoffentlich auch finanziell selbst versorgen.

Bei vielen Verletzungserfahrungen in der Kindheit sei es so, dass diese erst Jahre später erneut zu Konflikten mit den Eltern und zum Lossagen von ihnen führen. Hesse erklärt, warum das so ist: „Als Kind ist man emotional abhängig von den Eltern. Man kann ja nicht einfach sagen: ‚Ich suche mir andere Eltern.‘“ Sich zu arrangieren sei daher eine Überlebensstrategie.

„Wenn man aber erwachsen wird, kann man in Distanz gehen und sich emotional und hoffentlich auch finanziell selbst versorgen.“ Und wer selber Vater oder Mutter wird, werde in diesem Moment noch einmal stark mit der eigenen Kindheit konfrontiert. „Viele merken dann, ich möchte es besser machen als meine Eltern, und fangen idealerweise an, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen“, sagt Hesse. Dann könnten auch Fragen aufkommen wie: „Wovon möchte ich mich vielleicht lösen?“ Auch im Fall von Prinz Harry hatte der Bruch mit der Familie begonnen, als der Prinz geheiratet und eine eigene Familie gegründet hatte.

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Versöhnung ist möglich

Die britische Presse hatte immer wieder Harrys Frau Meghan für die Entfremdung zwischen dem Prinzen und seiner Familie verantwortlich gemacht. Hesse glaubt nicht, dass der Einfluss einer andere Person genügt, um eine gute Eltern-Kind-Beziehung zu zerstören. Dass es infolge einer neuen Beziehung zum Bruch mit der Familie kommt, sei aus anderen Gründen aber schon möglich: „Viele Menschen, die das als Kind nicht erlebt haben, fühlen sich in einer glücklichen Beziehung das erste Mal vollständig selbst angenommen und geliebt“, sagt Hesse. Dadurch würden manche erst bemerken, was ihnen als Kind gefehlt habe. In der Folge könne sich jemand entschließen, auf Distanz zur Ursprungsfamilie zu gehen.

„Einen Kontaktabbruch muss man sich in jedem Fall gut überlegen“, sagt Hesse. „In der Regel gehen aber jahrelange Konflikte voraus. Und wenn Gespräche nichts fruchten, muss man vielleicht diesen Weg gehen.“ Der Bruch zwischen Eltern und Kindern aufgrund alter Verletzungen könne auch überwunden werden. „Aber immer dann, wenn es zu solchen Konflikten gekommen ist, braucht es einen Versöhnungsprozess“, so Hesse.

„Eltern sollten die Gefühle des verletzten Kindes dann nicht infrage stellen oder bewerten, sondern sie anerkennen und aus ganzem Herzen sagen können: ‚Es tut mir leid.‘ Nur wenn jemand diese Fähigkeit hat, kann es klappen.“ In ihrer Praxis hat sie es schon oft erlebt, dass Familien sich nach Jahren wieder versöhnen. „Dazu muss es aber immer die Bereitschaft von beiden Seiten geben“, sagte Hesse.

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