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Gerechte Aufgabenverteilung? „Ich wollte eine glückliche Familie, und dazu brauchte ich einen glücklichen Mann“

  • Kann ausgerechnet eine Feministin einen Mann lieben, der sich zum Putzen zu schade ist und ihr die ganze Hausarbeit aufbürdet?
  • Jacinta Nandi beschreibt in ihrem Buch „Die schlechteste Hausfrau der Welt“ einen Widerspruch, der nur auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint.
  • Denn wahr ist Studien zufolge: Hausarbeit ist zwischen Männern und Frauen in Beziehungen immer noch oft unfair verteilt.
Jutta Rinas
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Ist dieser Kerl nicht einfach nur ein Kotzbrocken – über den es nicht weiter zu reden, geschweige denn zu schreiben lohnt? Ein Mann, Wissenschaftler, Professor, der seiner Lebensgefährtin und Mutter seines Kindes noch im Jahr 2021 selbstverliebt den gesamten Haushalt überlässt? Der sie putzen lässt, während er auf dem Sofa chillt – und das auch noch als gerechte Form der Arbeitsteilung empfindet? Schließlich arbeitet er Vollzeit und bringt das Geld, offenbar viel Geld, nach Hause. Ist es da nicht selbstverständlich, dass die Mutter seines Kindes nicht nur Latte macchiato trinkend in Berlin auf dem Spielplatz sitzt oder zu Hause am Schreibtisch kluge Artikel über Emanzipation verfasst, sondern auch die zu Hause anfallende Arbeit – Kinder, Küche, Haushalt eben – übernimmt?

Die freischaffende Autorin und Künstlerin Jacinta Nandi hat ein ganzes Buch über diese Frage verfasst. Bemerkenswert ist nicht nur, dass sie nicht als verträumtes Naivchen, sondern als Feministin in diese Beziehung hineingerutscht ist. Von einer frauenbewegten Frau wie ihr müsste man eigentlich erwarten, dass sie die Frage nach der Kotzbrockenhaftigkeit ihres Freundes mit Ja beantwortet – und sich umgehend auf die Suche nach einem politisch korrekteren Liebhaber macht. Oder ihn eben umerzieht: „Hey Jacinta, du bist „Missy“-Feministin (Nandi ist Autorin des feministischen Magazins „Missy“). Wenn du es nicht hinkriegst, dass ein Mann 50 Prozent im Haushalt machst, sind wir alle am Arsch“, heißt es dazu trocken in Nandis Buch.

Viele Männer bemerken nicht, wie ungerecht Haushaltsaufgaben verteilt sind

Aber die Wirklichkeit ist eben nicht politisch korrekt, aufgeklärt und feministisch – und die Liebe schon gar nicht. Das zeigen nicht nur viele Studien, die es zum Thema Männer und Hausarbeit gibt. So kommt eine im Journal „Work, Employment and Study“ veröffentlichte und von Nandi zitierte Studie des University College London zu der Erkenntnis, dass Frauen in Beziehungen im Durchschnitt 16 Stunden pro Woche Hausarbeit machen, ihre männlichen Partner hingegen nur sechs. Selbst wenn beide Vollzeit arbeiten, bleibt ein Großteil der Hausarbeit häufig an den Frauen hängen.

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Schlimmer noch ist: Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ hat in einer aktuellen repräsentativen Umfrage festgestellt, dass viele Männer überhaupt nicht bemerken, dass der Stand in Sachen Haushalt bei ihnen zu Hause ungerecht ist. Mehr als jeder Dritte der befragten Männer (rund 40 Prozent) sagt über die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung mit der Partnerin: „Machen wir beide gleichermaßen“. Von den Frauen gibt das nur jede Fünfte an (20 Prozent). Rund drei Viertel meinen dagegen: „Das mache hauptsächlich ich.“ Und immerhin jede vierte Frau spricht sich dafür aus, dass der Partner mehr machen soll.

„Ich wollte auch eine gute Hausfrau sein“

Nandis Buch mit dem provokanten Titel „Die schlechteste Hausfrau der Welt. Ein Erfahrungsbericht und Manifest“ beschreibt also einen Teil der Beziehungsrealität zwischen Paaren, den Feministinnen wie Männer nicht so gerne wahrhaben wollen. Allein deshalb ist ihr Buch bemerkenswert. Das in der Edition Nautilus erschienene Werk (208 Seiten, 16 Euro) ist zudem eines, das sich jeder Art von Political Correctness nicht nur auf eine entwaffnend ehrliche Weise, sondern auch auf eine oft sehr witzige Art verweigert. Das macht es sehr lesenswert.

Es beginnt schon damit, dass Nandi gar nicht abstreitet, dass sie – Feminismus hin oder her – als Hausfrau funktionieren will. „Hausarbeit war ein Thema für mich aus feministischer Perspektive – aber die Wahrheit war, ich wollte auch eine gute Hausfrau sein“, schreibt die 1980 in London geborene und seit 2000 in Berlin lebende Mutter und Autorin. „Ich wollte eine glückliche Familie haben und dazu brauchte ich einen glücklichen Mann“, heißt es weiter: „Und deswegen versuchte ich, Beruf, Kinder und Haushalt zu vereinbaren.“

Wer putzt wie?

Eine Crux ist, dass Nandi zwar zum Schreiben kluger Bücher über Hausarbeit, aber zumindest ihren Maßstäben zufolge nicht zur Hausarbeit geschaffen ist. Nandi ist Mutter zweier Kinder von zwei verschiedenen Vätern. Teenager Ryan hat ADHS, will aber kein Ritalin nehmen, weil ihm davon übel wird. Baby Leo wird bald zwei, als das Buch beginnt, und ist ein ziemlich unkompliziertes, in sich ruhendes Kind. Versorgt werden, mit all den Bedürfnissen, die ein so kleines Kind hat, will es aber auch. Es ist berührend zu lesen, wie viel Spaß Nandi trotz aller Probleme mit ihrem Muttersein hat. Aber sie liest eben lieber das zehnte Buch über ADHS, als dass sie die zehnte Waschmaschine anschmeißt. Wer – außer ihrem Freund, der zwar gut putzen kann, aber es offenbar ebenso hasst wie sie – will ihr das vergelten?

„Die schlechteste Hausfrau der Welt. Ein Erfahrungsbericht und Manifest“ von Jacinda Ninda erschienen bei Nautilus Flugschrift. 16,00 Euro © Quelle: Nautilus Verlag/Maja Bechert

Nandi interessiert sich auch dafür, dass die Frage, wer wie putzt, unter Frauen (und dem ein oder anderen Mann) tatsächlich einen bemerkenswerten Platz einnimmt. Das ist eine weitere Stärke ihres Buches. Die 41-Jährige nimmt die Welt von Aufräumexpertinnen wie Marie Kondo, Haushaltsexpertinnen wie Cassandra Aarssen („Clutterbug“) und anderen Cleanfluencerinnen auf Instagram- oder Youtube-Kanälen genauer unter die Lupe. Die Frau, die selbst einen migrantischen Hintergrund hat, beschreibt mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass sie nichts gegen einen migrantischen Putzmann hätte. Der (vielleicht) schlecht bezahlte Putzmann kriege Feierabend – doch die unbezahlte Hausfrau nie. Themen wie intersektionaler Feminismus, feministische Märchenkritik oder Transfeindlichkeit werden en passant auch noch mit verhandelt. Es ist manchmal ein bisschen anstrengend, dass sich in Nandis Bekanntenkreis zu fast jedem linksliberalen Modethema auch ein lebendes Pendant findet. Aber Nandi ist eben nicht perfekt. Sie schreibt – Gott sei Dank – auch kein perfektes Buch.

„Die Frauen müssen weniger machen und die Männer müssen mehr machen“

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Die eigentliche Crux ist, dass ihr Freund nichts von der Vereinbarkeit von Beruf, Kinderbetreuung und Hausarbeit hält. Er ist offenbar der Ansicht, dass er seinen Teil erfüllt, indem er sie finanziell absichert, und blendet aus, was einen Familienalltag alles ausmacht: kochen, putzen, waschen, mit dem Baby rausgehen, mit dem Teenager Kontakt halten, eigene Texte schreiben und und und. „Er denkt, dass er arbeiten geht, damit du zu Hause sitzen kannst – und dann ist auch noch die Wohnung schmutzig“, heißt es dazu in Nandis Buch schlicht. „Es gibt nur 24 Stunden am Tag. Die Frauen müssen weniger machen und die Männer müssen mehr machen. Eine Frau wird nicht zum Roboter, nur weil sie ein Kind geboren hat“, hält die Britin – erfolglos – dagegen.

Es ist deshalb ebenso erwartbar wie traurig, dass es am Ende zwischen Nandi und ihrem Freund, der in ihrem Buch nur den Vornamen Thomas trägt, nicht klappt. Aber was bleibt, ist ein gutes Buch. Und das ist doch auch schon eine ganze Menge.

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