Fußballexpertin Mara Pfeiffer: „Frauen, bildet Banden!“

  • Mara Pfeiffer ist ein kreatives Multitaltent: Sie arbeitet als Autorin, Journalistin und Kolumnistin – und ist dabei eine Ausnahme.
  • Denn sie arbeitet unter anderem für eine scheinbare Männerdomäne: den deutschen Fußball.
  • Die Autorin im Interview über Vorbehalte, Feminismus und Fankultur.
Lisa Harmann
|
Anzeige
Anzeige

In Zeiten von Geschlechterklischees und Gendervorbehalten ist sie eine erfrischende Ausnahme, denn Mara Pfeiffer passt in keine Schublade. Sie kennt sich so gut mit Fußball aus, dass sie immer wieder als Expertin für den 1. FSV Mainz 05 angefragt wird und unter anderem Kolumnen für die „Allgemeine Zeitung Mainz“ schreibt. Außerdem schreibt die Autorin Romane, Sachbücher und Krimis, wie den Mainz-05-Krimi „Im Schatten der Arena“.

Frau Pfeiffer, wie kam es dazu, dass Sie sich so gut mit Fußball auskennen?

Rückblickend würde ich sagen, das ist eine Geschichte voller schöner Zufälle. Die ersten Kontakte mit Fußball gab es, als ich ein kleines Mädchen war und mit meinem Paps die Turniere geschaut habe. Er interessierte sich auch ein wenig für den BVB, ich kann mich aber nicht erinnern, dass bei uns mal die „Sportschau“ lief. Im Gymnasium hatte ich einen Nachhilfeschüler, über dessen Bett war ein Poster des BVB in die Holzdecke gepinnt, und ich fand es damals witzig, dass kleine Jungs und große Männer das offenbar gleichermaßen interessiert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Frei nach der Nick-Hornby-These, dass jeder Verein sich seine Fans selbst sucht, konnte ich natürlich im Odenwald meine Fußballliebe noch nicht entdecken, sondern musste erst zum Studium nach Mainz ziehen. Das geschah im Oktober 1998 und zog Anfang der 2000er auch endlich den ersten Besuch im Stadion nach sich. Mainz 05 spielte damals in der 2. Liga, auf der Trainerbank saß ein gewisser Jürgen Klopp … Ich erinnere mich weder an den Gegner noch an das Ergebnis, nur daran, dass ich mich sofort in all das verliebt habe: die Kurve, das Spiel, die Stimmung. Also bin ich gewissermaßen geblieben.

Lesen Sie auch: Günter Netzer: Eine Fußballlegende wird 75

Und wie wurde der Fußball Teil Ihres Jobs?

Dass der Fußball letztlich auch ein wichtiger Teil meines Jobs wurde, war eine Entwicklung. Ich habe irgendwann angefangen, in meinem Blog über den Verein zu schreiben, später auch im Volontariat bei der „AZ Mainz“ und dem ehemaligen Fanzine „TORToUR“. Schließlich habe ich 2013 mit einem Kollegen das Buch „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ verfasst. Ab da hat mich das nicht mehr losgelassen, und ich habe mich immer weiter reingefuchst, nicht nur in den Verein, sondern in die Strukturen des Fußballs, seine gesellschaftliche Bedeutung, die politische Komponente. Das, was ich heute tue, war so nie geplant, aber ich bin wirklich sehr glücklich damit.

Anzeige

Sie sind auch Teil von „FRÜF – Frauen reden über Fußball“ – was genau hat es damit auf sich?

Anzeige

FRÜF ist ein stetig wachsendes Kollektiv von fußballbegeisterten Frauen. Zusammengebracht haben uns Rebecca Görmann und Kristell Gnahm, denen irgendwann aufgefallen ist, dass in den vielen oft sehr großartigen Fußballpodcasts immer Männer mit Männern oder Männer mit einer Frau über den Sport reden, aber fast nie mehrere Frauen. Das ist ein ganz klares Defizit, weil sich ein Gespräch eben unterschiedlich entwickelt, je nachdem, wer daran beteiligt ist.

Also haben sie eine bunte Truppe der Frauen zusammengetrommelt, die sie aus dem Fußball kannten – hauptsächlich über Twitter. Aktuell sind wir knapp 30 und produzieren in wechselnder Besetzung einmal pro Monat eine Folge zu ganz verschiedenen Themen rund um diesen Sport, die frauenspezifisch sein können, aber nicht müssen.

In der ersten Ausgabe ging es beispielsweise um Fußballsozialisation und ob die bei Frauen und Männern unterschiedlich abläuft, dazu hatten wir auch eine Umfrage aufgesetzt. Auch mit der Ergebnisseite des Fußballs werden wir uns beschäftigen, beispielsweise mit einer Rückschau auf die Saison nach deren Ende, die WM der Frauen in Frankreich war natürlich ebenfalls Thema, und außerdem interessieren uns Fragen wie die, warum „Fußball“ eigentlich in der Regel mit dem der Männer gleichgesetzt wird – und wir nicht, analog zu Frauenfußball, von Männerfußball reden.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ja, definitiv. Ich glaube, ich bin, was das angeht, über die Tat zum Wort gekommen, sprich, ich habe mich schon feministisch positioniert, bevor ich mich selbst mit dem Begriff identifiziert habe. Es ist mir inzwischen aber tatsächlich auch wichtig, das Wort zu benutzen, weil ich beobachte, dass es bei etlichen Leuten negativ konnotiert ist, und das halte ich für grundfalsch. Letztlich heißt Feminismus für mich, eine Welt, in der alle gleiche Rechte haben, unabhängig von Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe, Status oder Nationalität. Dafür möchte ich mich einsetzen, und damit möchte ich Menschen anstecken.

Anzeige

Ich hatte kürzlich auf Twitter die Diskussion mit einem Mann, der mir schrieb, er empfinde es aktuell als zu viel, was ich zu Themen wie Frauen im Fußball, Frauenrechte oder auch gegen Rassismus äußere, und die Leute sollten sich nicht immer so anstellen. Das kann aber eben nur jemand sagen, der als weißer, heterosexueller Mann der westlichen Welt alle Privilegien besitzt, die es gibt. Wenn es Leute nervt, dass ich mich offensiv mit diesen Themen auseinandersetze, ist das eben so. Deswegen höre ich ganz sicher nicht damit auf, dafür ist all das viel zu wichtig.

Wie reagieren Sie darauf, dass ein von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus gepfiffenes Spiel im Iran nicht übertragen wird, weil zu viel nackte weibliche Haut zu sehen ist?

Es ärgert mich ganz kolossal. Themen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie sind im Fußball wie in einer Nussschale zu beobachten, finden letztlich aber überall in der Gesellschaft statt. Der Fußball ist meiner Meinung nach ein guter Ort, um diesen gefährlichen Strömungen entgegenzutreten. Das zeigt ganz aktuell auch der Aufruf des Netzwerkes „Nie wieder!“ zur Europawahl im Mai, zu dessen Erstunterzeichner*innen ich gehöre.

Lesen Sie hier: „Der alte weiße Mann sieht sich als Mittelpunkt des Universums“

Nun könnten wir uns ja auch denken: Na ja, da drüben, das ist ja eine ganze andere Kultur, das lässt sich mit uns ja gar nicht vergleichen. Trotzdem wurde Claudia Neumann in den sozialen Netzwerken verunglimpft, weil sie als Frau ein männliches Fußballspiel kommentierte.

Anzeige

Ja, das war heftig, aber leider nicht überraschend. Ich bewege mich seit vielen Jahren im Fußball und was ich teilweise an Zuschriften bekomme, ist absurd. Zwar ist die Mehrzahl dessen, was mich erreicht, unfassbar toll und positiv, aber es kommt eben auch echter Scheißdreck, wie die Frage, ob mir beim Schreiben die Milch eingeschossen sei. Oder frustrierte Fans erklären mir, ich würde den Trainer nur deswegen nicht kritisieren, weil ich ihn „ganz offensichtlich ficke“. Ich habe überhaupt kein Problem mit inhaltlicher Kritik und verwende viel Zeit darauf, Mails von Leser*innen zu beantworten, aber dass Kritik immer geschlechtsspezifisch ist, gehört definitiv zu den unschönen Seiten meines Jobs.

Dieses Thema trifft Frauen und (andere) Minderheiten aber nicht nur im Sport. Kürzlich war ich bei der wunderbaren Nora Hespers zu Gast in ihrem Podcast „Mensch, Frau Nora“, um über digitale, sexualisierte Gewalt zu sprechen. Anlass war unter anderem, dass nach der Nullnummer von FRÜF, in der wir Frauen uns vorgestellt haben, ein Podcast mit mehreren Männern in epischer Breite unsere Fickbarkeit diskutiert hat. So was ist schon hart, aber da hilft meines Erachtens nur die Offensive, wie zum Beispiel eine solche Sendung zu dem Thema, in der wir klar sagen: Das geht so nicht.

Für Frauen ist es meines Erachtens sehr wichtig, Banden zu bilden. Wir dürfen auf keinen Fall noch gegeneinander gehen, und ich persönlich kriege bei wenigen Themen so die Krise, wie wenn Mütter gegen Kinderlose, Mütter mit Job gegen solche ohne oder Frauen in Turnschuhen gegen die in Pumps wettern. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was uns verbindet und einander gegenseitig stärken, das halte ich für enorm wichtig. Deswegen muss man gar nicht alles aneinander toll finden.

Warum tun sich viele noch so schwer damit, dass auch Frauen mittlerweile im Fußball mitmischen, meinen Sie – jetzt mal sehr klischeehaft gesprochen – sie sehen ihre letzte männliche Bastion bedroht?

Ja, ich glaube, dass es tatsächlich genau das ist. Verrückt, oder, im Jahr 2019? Andererseits sind es glücklicherweise nicht „die Männer“, sondern nur die – Pardon – Vollidioten. Die sind nur, wie überall sonst auch, oftmals besonders laut …

Lesen Sie hier: Video von verstorbenem Vater: Cristiano Ronaldo bricht bei Interview in Tränen aus

Nun haben es ja nicht nur Frauen schwer im Fußball, sondern auch Homosexuelle.

Die Frage ist tatsächlich, hätte ein homosexueller Spieler, der sich outet, es schwer? Bislang lässt sich das nur theoretisch beantworten, da es zumindest im deutschen Profisport noch nicht passiert ist – Thomas Hitzlspergers Outing kam ja erst nach der aktiven Karriere. Ich sehe darin aber einen ersten, wichtigen Schritt und hoffe, um es mit Marcus Wiebusch zu sagen, „Der Tag wird kommen“ – und die Spieler werden dieses Versteckspiel irgendwann aufgeben können.

Sie haben dem Thema sogar ein ganzes Buch gewidmet, in Ihrem Mainz-05-Krimi „Im Schatten der Arena“. Es geht unter anderem um Homophobie im Profifußball. Haben Sie da schon selbst Fälle mitbekommen?

Niemand, der von homosexuellen Spielern weiß oder sie kennt, wird sich dazu äußern. Das ist ein Schritt, der allein den entsprechenden Leuten zusteht. Die Tatsache, dass ein Outing für männliche Fußballprofis noch immer undenkbar scheint, bewegt mich aber sehr. Stell dir das mal vor, einen so wichtigen Teil deines Lebens im Verborgenen halten zu müssen, welch unfassbare Belastung das sein muss. Absurd. Und wozu? Was ändert es für irgendeinen Fan, Verein, Berater, Werbepartner oder, oder, wen ein Spieler liebt? Es gibt schon länger die These, dass Krimi als Genre sich besonders gut eignet, um gesellschaftlich relevante Themen anzusprechen. Mir war deshalb sehr schnell klar, dass Homophobie im Fußball in meinem Roman eine Rolle spielen soll.

„Im Schatten der Arena“ von Mara Pfeiffer, Societäts-Verlag, 256 Seiten, 14 Euro. © Quelle: Societäts Verlag

Die Protagonistin Ihres Buches ist alleinerziehend und kämpft ordentlich mit der Vereinbarkeit. Wer war da das Vorbild?

Viele tolle Frauen in meinem Umfeld, egal ob mit Partner oder ohne. Ich erlebe ganz oft, dass selbst in unserer aufgeklärten Generation, in der Paare es sich wirklich vornehmen, die Aufgaben in der Familie gemeinschaftlich zu wuppen, ein Großteil der Care-Arbeit immer noch bei den Frauen liegt. Das hat mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun, es ist aber in der Praxis häufig auch schwieriger als in der Theorie, die dann im persönlichen Alltag gemeinsam aufzubrechen. Für Alleinerziehende gilt diese Belastung natürlich besonders.

Ich wollte, dass meine Protagonistin eine starke Frau mit eigenem Kopf ist, die vermeintlich alles wuppt und vielleicht erst mal nicht so nahbar ist. Sie sollte aber auch ein großes Herz haben, und ich denke, das zeigt sich in der großen Liebe zu ihrem Sohn. Gerade mit ihm und für ihn will sie alles richtigmachen, scheitert aber manchmal auch, wie wir alle scheitern, an zu hohen Ansprüchen oder Erwartungen, an einem schlechten Tag, an dem, was das Leben uns abverlangt. Und das ist alles vollkommen okay, ich hoffe, auch davon erzählt mein Buch.

Neben Romanen verfasst Mara Pfeiffer auch Sachbücher, beispielsweise: „111 Gründe den 1. FSV Mainz 05 zu lieben“. Auf Nachfrage gab es via Twitter Bonusgründe:

Zum Abschluss noch: Was möchten Sie Frauen sagen, die bereit sind, ihren eigenen Weg zu gehen und nicht gewillt sind, sich der gängigen Vorstellung eines Frauenlebens unterzuordnen?

Hui, gar nicht so leicht, aber eine schöne Idee. Ich denke, ich möchte allen Frauen mitgeben, dass sie sich nicht beschränken (lassen) sollten. Seid stark und mutig, aber lernt auch euch Hilfe zu holen, wenn ihr sie braucht. Unterschätzt euch nicht, stellt euer Licht nicht unter den Scheffel, lasst euch nicht kleinmachen. Wagt Neues, traut euch auch, zu scheitern. Unterstützt einander. Bildet Banden mit anderen Frauen. Umgebt euch mit Menschen, Frauen wie Männern, die euch unterstützen, für euch da sind und einstehen. Denkt groß. Liebt, lacht, seid nicht so hart mit euch. Gönnt euch Pausen. Lest. Hört Musik. Umarmt jeden Tag die Menschen, die ihr liebt. Und kämpft unbedingt für das, was euch wichtig ist. Niemand anders wird das für euch tun.

Lesen Sie hier: Jenseits von Schwarzer: Frauen, die für Frauen kämpfen

Zur Person: Mara Pfeiffer kam vor 20 Jahren zum Studium nach Mainz und hat sich dort in die Stadt, den Verein und schließlich ihren Mann verliebt. Weil der Wiesbadener ist, lebt sie nun auf der anderen Rhein-Seite und ist im Herzen Brückenkind, liebt also beide Rhein-Städte. Sie ist glücklich verheiratet, Katzen- und Stiefmama, leidenschaftliche Tante und Freundin und natürlich 05erin auf Lebenszeit. Beruflich widmet sie sich journalistisch dem Fußball und schreibt Romane und Sachbücher.