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Kinderschutzexperte zum Fall Viersen: “Viele Kitas haben noch nicht mal ein Kinderschutzkonzept”

  • Der Fall Viersen schockiert die Bundesrepublik.
  • Eine Erzieherin steht im Verdacht, die dreijährige Greta ermordet zu haben. Sie war bereits zuvor mehrere Male auffällig geworden.
  • Warum das System vielerorts versagt und warum wir unsere Kinder trotzdem guten Gewissens in die Kita schicken können, erklärt Kinderschutz-Experte Jörg Maywald im Interview.
Leonie Schulte
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Vieles deutet im Fall Viersen offenbar darauf hin, dass das Kind von einer Erzieherin getötet wurde. Ist Ihnen schon einmal so ein Fall in Deutschland begegnet?

Jörg Maywald: Ich kenne Fälle, in denen Kinder gestorben sind, weil die Aufsichtspflicht verletzt wurde. Etwa in Brandenburg, als ein Kind bei einem Kita-Ausflug in einem Teich ertrunken ist. Aber ein Fall, in dem es möglicherweise um das aktive Töten in einer Kita geht, ist mir bislang noch nie begegnet.

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Es gibt Hinweise, dass sich die Erzieherin in Viersen vorher schon sehr auffällig verhalten hat — und sie trotzdem weiter in Kitas gearbeitet hat. Wie konnte das passieren?

Zumindest steht hier die Frage nach Mitverantwortung, eventuell sogar Mitschuld, was den aktuellen Arbeitgeber und möglicherweise auch frühere Arbeitgeber betrifft, im Raum. Sie sind es ja, die auf die Eignung der Erzieherinnen und Erzieher und die Vorgeschichte achten müssen. Möglicherweise wurde in früheren Fällen auch versäumt, eine Meldung an die Aufsichtsbehörde zu machen oder sogar eine Strafanzeige zu stellen. Das müsste geprüft werden. Denn der Fall beunruhigt schon sehr.

Ist es ein Versagen des Systems?

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Ich gehe davon aus, dass hier an mehreren Stellen Fehler gemacht worden sind. Das bedeutet nicht, dass die individuelle Schuld relativiert wird. Die bleibt bestehen und muss strafrechtlich geklärt werden. Möglicherweise geht es hier aber auch um die Frage, ob politisch das Eine oder Andere verändert werden muss, was Aufsicht und Kontrolle von Kindertageseinrichtungen angeht.

Inwiefern?

Im Moment ist die gesetzliche Lage so, dass Kitas, genau genommen die Träger von Kitas, verpflichtet sind, bestimmte Ereignisse, die das Wohl eines Kindes beeinträchtigen, den Aufsichtsbehörden zu melden. Das sind die Landesjugendämter. Aber ob Kitas das wirklich tun, ist schwer festzustellen. Und tatsächlich sind auch die Kriterien für solche Meldungen nicht sehr klar. Problem ist auch, dass die Aufsichtsbehörden nicht aktiv an Träger herantreten — auch mangels Personalausstattung. Also im Sinne von nachfragen oder Unterstützung anbieten, um entsprechende Schutzvorkehrungen in den Kitas zu schaffen.

Welche Rolle spielt auch der Fachkräftemangel im Fall Viersen?

Einerseits haben wir ein Fachkräftegebot. Das heißt, Kinder dürfen nicht von einer Nicht-Fachkraft in alleiniger Verantwortung betreut werden. Das ist ja gut. Aber wir müssen genauer schauen, ob unter dem Zeichen eines Fachkräftemangels vielleicht unter dem Radar die Standards abgesenkt werden. Und dass möglicherweise Personen beschäftigt werden, die in einen solchen Beruf nicht hinein gehören.

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In Ihrem Buch schreiben Sie: Gewalt ist Bestandteil eines Kita-Alltags. Können Sie das erklären?

Kitas sind kein Ort, an dem Gewalt in den unterschiedlichsten Formen ausgeschlossen ist — wie in jedem Berufszweig. Vor allem Gewalt in seelischer Form, aber in geringerem Maße auch in körperlicher oder sexualisierter Form, also mangelnde Nähe-Distanz-Regulation zwischen Fachkräften und Kindern. Ich würde sogar behaupten, dass in einer leichten Art und Weise wir in jeder Tageseinrichtung ein solches Fehlverhalten beobachten können. Das Problem ist aber, dass wir in Deutschland zu wenige aussagekräftige Daten haben.

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Buchtipp: "Jörg Maywald": Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Die Kita als sicherer Ort für Kinder, Herder-Verlag. 144 Seiten. 22 Euro. © Quelle: Herder Verlag

Was verstehen Sie unter seelischer Gewalt?

Seelische Gewalt kann in der aktiven Form stattfinden, im Sinne von anbrüllen, niedermachen, ständig ein Kind mit anderen vergleichen. Am häufigsten kommt Gewalt in passiver Art vor, etwa das Beschämen oder Ignorieren eines Kindes oder die Entwürdigung. Besonders beunruhigen muss übrigens, dass ein großer Teil von Kindertageseinrichtungen nicht einmal ein Kinderschutzkonzept hat, wo klar definiert ist, was in Ordnung ist und was nicht. Wie wird die Essenssituation kindgerecht gestaltet, wie das Wickeln oder das Schlafen? Das sind pädagogische Schlüsselsituationen, die brauchen kinderrechtsbasierte Standards, die schriftlich festgelegt sind.

Woran erkennen Eltern, dass in der Kita etwas nicht stimmt?

Die Eltern haben ja relativ viel Berührung mit der Kita, beim Hinbringen und Abholen zum Beispiel. Sie sollten also selbst die Augen offen halten und unmittelbar das Gespräch suchen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Und Eltern sollten auch das Verhalten ihres Kindes beobachten. Manchmal erzählen Kinder durchaus etwas, aber Eltern hören nicht richtig zu. Denn natürlich wäre es ihnen lieber, in der Kita liefe alles gut. Aber es ist wichtig, dass Eltern das Kind ernst nehmen. Kinder lügen in solchen Situationen üblicherweise nicht. Auch nichtsprachliche Signale müssen Eltern im Blick haben. Ein Kind, das gar nichts mehr erzählt von der Kita, unglücklich wirkt oder psychosomatische Beschwerden hat, sollte aufhorchen lassen.

Wie können Kinder besser geschützt werden?

Es sollte auf jeden Fall ein Schutzkonzept in der Kita geben. Das beinhaltet zum Beispiel auch ein Beschwerdemanagement. Das ist nicht nur der typische Beschwerdebriefkasten, sondern vor allem Ansprechpersonen, auch außerhalb der Einrichtung. Übrigens völlig unabhängig davon, ob die Beschwerde berechtigt ist oder nicht. Dann sollte es zeitnah ein extra anberaumtes Gespräch geben. Es muss eine Möglichkeit geben, Sorgen anzusprechen und mögliche Missstände abzustellen.

Wenn Gewalt Alltag ist: Können wir Kinder denn überhaupt noch guten Gewissens in die Kita bringen?

Natürlich! Ein klares Ja! Kitas sind extrem wichtig für Kinder, in Ergänzung zur Familie. Kinder brauchen andere Kinder, sie bauchen Anregung, Bildung und Förderung von Anfang an. Die Alternative wäre, die Kinder blieben überwiegend im häuslichen Milieu und da wiederum muss man sagen: Ein übergroßer Teil von Gewalt findet in den Familien und nicht in den Kindertageseinrichtungen, wo ja die soziale Kontrolle relativ groß ist, statt. Die allermeisten Fachkräfte geben sich nicht nur große Mühe, sie arbeiten oft unter sehr belastenden Bedingungen. Aber wir sollten eben auch den kritischen Blick auf unser Handeln richten und hier systematisch Fehlverhalten in den Blick nehmen und das dann abstellen.

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