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Expertin über eine gelungene Kindererziehung: “Wir Eltern dürfen es uns leicht machen!”

  • Wie können Eltern-Kind-Beziehungen gelingen? Und wie schaffen es Eltern, nicht an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern?
  • Antworten gibt Bestseller-Autorin Nora Imlau in ihrem neu erschienenen Buch “Mein Familienkompass”.
  • Im Interview spricht die vierfache Mutter über den Balanceakt, alle Bedürfnisse in der Familie unter einen Hut zu bekommen – und darüber, wann ihr selbst mal der Kragen platzt.
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Frau Imlau, in Ihrem neuen Buch “Mein Familienkompass” (Ullstein, 22,99 Euro) geht es um nichts weniger als die ganz großen Fragen der Erziehung. Ist das ein Buch für Neueltern oder eher für alte Hasen?

Es soll ein Begleitbuch sein für Eltern, das in allen Phasen der Elternschaft die richtigen Impulse geben kann. Also für Menschen, die vielleicht noch gar keine Kinder haben und sich überlegen, wie sie es künftig machen wollen. Genauso für die, die schon länger drin stecken im Elternbusiness und sogar für die, die jetzt aus ihrer Großelternrolle das Buch lesen und etwas finden, das ihnen hilft. In diesem Buch geht es ja um nichts Geringeres als um gelingende Eltern-Kind-Beziehung. Und das ist ein lebenslanger Prozess.

Es ist Ihr zehntes Buch. Warum schreiben Sie gerade jetzt über die Suche nach dem Nordstern, wie Sie es nennen – also nach den Werten in der Familie?

Ich glaube, dass jede Generation vor anderen Voraussetzungen steht und dass wir heute eine Elterngeneration sind, die anderen Rat braucht, als Eltern vor zehn oder 20 Jahren. Einfach, weil sie auch in einer anderen Welt ihre Kinder großziehen. Ich erlebe bei vielen eine Orientierungslosigkeit. Vor zehn Jahren musste man noch vielen Eltern sagen: “Achtet mal auf die Bedürfnisse eurer Kinder, die sind wichtig.” Heute dagegen beobachte ich viele Eltern, die die Bedürfnisse ihrer Kinder durchaus auf dem Schirm haben, aber ihre eigenen sehr stark zurückstellen und so in einen Perfektionismus rauschen. Die wollen so perfekt sein wie die Mütter auf Instagram. Ich wollte ein Buch schreiben, das die heutige Lebenswirklichkeit abbildet und auch zeigt, wie wir mit modernen Medien und eigenen Herausforderungen, vor denen wir 2020 als Eltern stehen, ein gelingendes Familienleben auf die Beine stellen können. Immerhin sind es schon krasse Bedingungen, unter denen wir Eltern heute Kinder großziehen.

Nora Imlau ist Buchautorin, Journalistin und Referentin. © Quelle: Maria Herzog

Was ist das für ein Druck, der heute auf Eltern lastet?

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Nun, eigentlich sind wir ja eine sympathische Elterngeneration, schließlich wollen wir ja alles richtig machen. Aber wir sind auch eine viel gescholtene Generation. Eltern von heute machen alles falsch: zu lasch, zu streng, setzen ihre Kinder zu viel vor den Fernseher, sind zu fordernd, helikoptern die ganze Zeit rum, kümmern sich zu wenig, kochen zu wenig frische Mahlzeiten. Egal was, man macht es immer falsch – und das macht natürlich Druck auf Eltern. Dazu gehört natürlich auch wirtschaftlicher Druck. Und Familien erleben sich im Spagat zwischen Kinderbetreuung und Beruf, es gibt auch neue Erwartungen an unsere Rollen. Es gibt auch immer weniger Familien, die ein unterstützendes Netzwerk haben und auch die heutigen Großeltern sind eine andere Generation. Längst nicht alle haben die Kraft, die Lust und die Zeit eine junge Familie zu unterstützen. Oder Eltern wollen keine Betreuung durch die Großeltern, weil die nicht den Werten entspricht, die sie selbst im Umgang mit ihren Kindern haben. Ein ganz großes Problem ist dabei auch, dass es keinen Wertekonsens mehr gibt, wie man mit Kindern umzugehen hat.

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Wie finden Eltern ihre Werte, ihren Nordstern, wie Sie es nennen?

Ich habe den Untertitel “Was brauche ich und was brauchst du?” natürlich ganz bewusst gewählt. Ich bin überzeugt davon, dass gelingende Beziehungen auf einem gesunden Bedürfnisausgleich basieren. Wir Menschen brauchen gefüllte Bedürfnistanks, damit es uns gut gehen kann. Und das Geheimnis gelingender Beziehungen ist, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten grundsätzlich den gleichen Wert haben. Und dann versucht man eine Balance zu finden. Jeder Konflikt kann ein Anlass sein zu schauen, wer jetzt was gerade braucht, damit wir weitergehen können. So kommen wir weg von der Frage der Schuld und hin zu etwas Konstruktivem.

Das ist allerdings sehr auf der Metaebene. Wie kriege ich das im Alltag gelöst, wenn es zuhause schwierig wird?

Es ist wichtig über Werte zu sprechen, und sie zu benennen, wie eben Würde und Respekt. Aber natürlich müssen wir uns fragen, wie wir das dann konkret umsetzen. Erst einmal ist es wichtig, zwischen Bedürfnissen und Wünschen zu unterscheiden. Will das Kind zum Beispiel nur aus der roten Tasse trinken und das andere Kind will die gleiche Tasse, kommt es zum Konflikt. Manche Eltern glauben, beide hätten hier das gleiche Bedürfnis und es gäbe keine Lösung. Tatsächlich aber sind Bedürfnisse allgemeine Erfahrungen, so etwas wie Selbstwirksamkeit oder Verbundenheit, und nicht spezifische Vorstellungen, die Kinder manchmal haben – wie eben aus der roten Tasse zu trinken. Und es ist nicht schlimm, Wünsche wie diese nicht zu erfüllen. Es lohnt sich aber zu schauen, ob dahinter ein Bedürfnis steht; vielleicht gesehen werden zu wollen oder etwas selbst bestimmen zu wollen. Dann kann ich sagen: “Du kannst jetzt gerade nicht aus der roten Tasse trinken, du kannst aber bestimmen, welches Spiel wir spielen.” Manchmal klappt das. Und manchmal eben nicht.

Und dann gibt es Streit…

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Und das ist auch wichtig. Bedürfnisorientiert zu leben heißt nicht, dass alle immer nur glücklich sind. Es kann auch bedeuten, relativ viel Frust zu begleiten. Und begleiten kann dann eben auch bedeuten, seinem eigenen Bedürfnis nachzukommen – und sei es gerade auf dem Sofa liegen zu bleiben und eine Pause zu machen. Vielen Eltern ist aber die eigene Harmoniesucht im Weg. Dabei ist es nicht schlimm, wenn Kinder traurig oder enttäuscht sind. Sie dürfen ja so fühlen, das ist legitim. Genauso legitim ist es aber auch, dass wir unsere Bedürfnisse erfüllen.

In Ihrem Buch gibt es so einen Huch-Moment. Nämlich dort, wo Sie sich ganz bewusst von dem Label Bedürfnisorientierung abgrenzen. Ein Begriff, den Sie selbst in Deutschland sehr geprägt haben…

Es ist so eine Sache mit den Labeln… Die haben absolut ihre Daseinsberechtigung, weil so ein gemeinsamer Begriff manchmal helfen kann, überhaupt zueinander zu finden. In meinen ersten Jahren als Mutter war es wichtig, wenn ich nach Tipps und Ratschlägen suche, Eltern zu finden, die eine ähnliche Grundhaltung haben. Deswegen waren die Internetforen für bindungsorientierte Eltern so wertvoll, um sich gegenseitig den Rücken zu stärken, sich zu vernetzen. Gleichzeitig habe ich beobachtet, wie in den vergangenen ungefähr zehn Jahren aus einem erst einmal relativ offen gehaltenem Label teilweise so etwas wie ein Kampfbegriff geworden ist, unter dem sehr sehr hohe Ansprüche formuliert und andere Eltern auch abgewertet wurden. So wurden im Namen der Bedürfnis- oder Bindungsorientierung ganz krasse Kämpfe geführt, als gäbe es zwei Lager von Eltern: die guten und die bösen. Etwa gute Eltern stillen, gute Eltern schlafen im Familienbett und alle anderen sind eben nicht so gut. Wird die Bindungsorientierung in so einen ideologischen Kontext gestellt, habe ich das Bedürfnis zu sagen: Lasst uns das Label hinter uns lassen und einfach von zugewandter Elternschaft sprechen – ohne einen Katalog dazu zupacken, wie genau die aussehen muss.

Sie schreiben von Glaubenssätzen, die wir in der Kindererziehung hinterfragen und loslassen sollen. Was meinen Sie damit?

Das sind bestimmte Überzeugungen, die wir in uns tragen und von denen wir ganz sicher glauben, dass die richtig sind. Entweder weil sie uns bewusst vermittelt wurden, etwa: “Es schickt sich nicht, einen kurzen Rock anzuziehen.” Oder weil wir sie implizit aus unserer Umgebung aufgenommen haben, etwa dass Männer mit nacktem Oberkörper auf der Wiese liegen, Frauen aber nicht. Solche Glaubenssätze haben wir aus unserem Umfeld aufgenommen und sie sind für uns emotional stark besetzt. Wir alle haben solche Glaubenssätze, eben auch in Bezug auf Kindererziehung. Das sind dann so kleine Situationen, etwa unser Kind sieht draußen eine Pfütze und will sich darin wälzen, hat aber normale Klamotten an. Dann ist so eine ganz klassische emotionale Reaktion, dass man sagt: Das geht doch jetzt nicht! Wenn wir mit Kindern reifen wollen, ist es spannend, diese Glaubenssätze systematisch zu hinterfragen und zu gucken: Halten die der kritischen Überprüfung stand? Es gibt ja Glaubenssätze, die gute Gründe haben. Andere aber nicht.

Haben Sie selbst solche Glaubenssätze?

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Klar, das merke ich auch bei mir selber. Obwohl ich mich als Feministin bezeichnen würde, habe ich zum Beispiel sehr stark die Glaubenssätze verinnerlicht, was angemessen ist für Jungs und was für Mädchen. Ich finde es selber blöd, aber ich spüre den Widerstand, wenn mein vierjähriger Sohn bei H&M auf so ein pinkfarbenes Glitzershirt mit Pailletten zurennt und sagt: “Das will ich haben!” Mein Impuls wäre, lieber das blaue Shirt zu kaufen. Da muss ich dann aber aktiv dagegen gehen und sagen: “Klar, das kannst du haben.” Mein Bauchgefühl sagt aber eben etwas anderes. Das finde ich selber blöd, aber ich habe das in mir.

Sie sagen auch, das eigene Bauchgefühl sei für Erziehungsfragen gar nicht immer so ein guter Ratgeber…

Ja, weil das, was wir als Bauchgefühl bezeichnen, also starke, emotionale, intuitive Reaktionen, oft eine wilde Mischung ist aus Dingen, die wir selbst erlebt, gehört oder gesehen haben. Also Glaubenssätze eben. Dazwischen sind dann auch kleine Funken von so etwas wie einer echten Intuition, also biologisch vorgegebenen Mustern. Daraus entsteht ein Mix, der uns das Gefühl gibt, wir hätten das aus dem Bauch heraus entschieden. Vor allem aber reproduzieren wir damit bestimmte Muster. Und das Bauchgefühl kann man umprogrammieren. Es ist manipulierbar, in beide Richtungen. Ich kann mich mit einem Thema intensiv befassen und mein Wissen beeinflusst dann, wie ich eine bestimmte Situation wahrnehme. Aber wenn mein Zweijähriger rumbockt und die Schwiegermutter sagt mir nur lange genug, er wolle mich damit nur erpressen, dann kehrt auch das in mein Bauchgefühl ein.

Einer dieser Glaubenssätze, den viele kennen, ist “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.” Haben Eltern nicht zu Recht Sorge, den richtigen Zeitpunkt zum Erziehen zu verpassen?

Ich habe den Eindruck, dass viele Eltern dadurch belastet werden, weil sie mit ihren Kindern parallel in zwei Zeitschienen unterwegs sind. Dass sie im Hier und Jetzt einerseits agieren und Lösungen finden müssen, die für ihren Alltag funktionieren. Und andererseits haben sie auch immer bang die Zukunft im Blick. Im Sinne von: Wenn sie jetzt das einführen, dann fällt uns das irgendwann auf die Füße. Ängste übrigens, die meist unbegründet sind. Die aber auch an Eltern herangetragen werden, auch von Institutionen wie Kindergärten. Ich sehe das ganz anders! Kinder haben einen unglaublich starken Entwicklungswillen in sich und auch ein angeborenes Streben nach Selbstständigkeit und Autonomie. Wir müssen uns einfach klar machen, dass unsere Kinder nicht nur durch uns geprägt werden, sondern auch durch Gleichaltrige. Wenn Kinder und Jugendliche erleben, was unter Altersgenossen als angemessen und cool gilt, dann erzielt das einen viel besseren Effekt als das, was wir versuchen zehn Jahre vorher an Selbstständigkeit zu implementieren. Ich tendiere daher dazu, Lösungen zu suchen, die im Hier und Jetzt funktionieren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass sich ganz viel von selbst regelt.

Ein zentraler Satz in Ihrem Buch ist: “Entscheidend ist, wie wir miteinander umgehen.” Was genau bedeutet das für Sie?

Meine Kinder mögen kleiner sein und auch in mancher Hinsicht unreifer und mit weniger Weitsicht für Konsequenzen ausgestattet, als mein Mann und ich. Aber sie sind gleich wertvoll und sie haben das gleiche Recht auf Würde. Und ich möchte, dass sie das in unserem alltäglichen Umgang spüren. Viele Eltern fragen mich nach bestimmten Handlungen: Ist es okay, ein Kind auch mal gegen seinen Willen anzuschnallen? Ist es okay, einem Kind ein Eis zu verwehren? Ich sage aber immer wieder: “Die Handlungen sind gar nicht so sehr das Thema, sondern die Haltung, mit der wir begleiten.” Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich das Kind frustriert und gewaltvoll in den Kinderwagen drücke und schreie: “Das hast du jetzt davon!” Oder ob ich mein Kind durchaus auch mit körperlicher Überlegenheit in den Kinderwagen setze und in ruhigem Ton sage: “Das tut mir Leid, dass du jetzt so wütend bist, aber wir müssen jetzt los.” Selbst wenn das Kind nicht genau die Worte versteht, so macht es einen Unterschied, ob das Kind die Wahrnehmung hat: Mama oder Papa setzt sich jetzt durch aus einem ruhigen Verantwortungsgefühl heraus oder Mama und Papa sind jetzt so wütend, dass es ihnen egal ist, ob sie mir weh tun.

Aber platzt Ihnen nicht auch manchmal einfach der Kragen?

Natürlich! Wenn wir über Werte oder Moral sprechen, dann sprechen wir immer über so etwas wie ein Ziel, einen Anspruch, an dem wir uns messen. Und an dem wir regelmäßig scheitern. Tatsächlich ist es ein Spagat im Familienleben, Werte zu haben, und sie gleichzeitig nie zu 100 Prozent erfüllen zu können. Und das ist auch nicht schlimm. Weil wir dafür einfach Menschen sind und Fehler machen. So ist das auch in unserem Familienleben. Mir ist es wichtig meine Werte klar zu haben und die machen mich definitiv zu einer besseren Mutter. Und gleichzeitig bin ich selber auch voller Prägungen und Glaubenssätze und manchmal müde, genervt und gestresst. Dann schreie ich oder werde ungerecht oder nehme meiner Tochter den Laptop weg, weil ich finde, dass sie da schon genug “Minecraft” gespielt hat. Das finde ich oft selber blöd, komme in dem Moment aber nicht raus. Das einzige, was ich dann machen kann, ist ein bisschen Selbstfürsorge walten zu lassen, damit ich dann auch wieder freundlicher zu anderen bin. Viele Eltern sind so hart zu sich selbst. Sie glauben, sie seien schlechte Eltern, wenn sie ihren Werten nicht zu 100 Prozent entsprechen. In gewisser Weise gehört zum Elternsein aber diese Ambiguitätstoleranz – also auszuhalten, dass es immer eine Diskrepanz geben wird zwischen dem, was wir sein wollen und dem, was wir sind.

Und da ist nichts zu machen?

Doch klar. Wir können die Lücke ein bisschen verkleinern im Laufe der Jahre. Und ich finde die Kunst der Selbstvergebung existenziell wichtig. Für Kinder ist nichts schlimmer als Eltern, die dauerhaft mit einem gebeugten Kreuz herumlaufen und sagen: “Oh Gott Kind, ich werde dir einfach nicht gerecht.” Wir dürfen mit gutem Beispiel vorangehen, was eine Fehlerkultur angeht. Mit der gleichen Leichtigkeit, mit der wir unseren Kindern verzeihen, dürfen wir auch uns selbst verzeihen. Wir können sagen: “Das war jetzt Mist!” Also Laptop zurück, Entschuldigung, fertig.

Mindestens 50 Prozent der Eltern würden spätestens jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: “Himmel, man musst doch konsequent sein!” Weil sie glauben, Kinder brauchen Konsequenzen, um sich orientieren zu können…

Dieser Satz: “Kinder brauchen konsequente Eltern” enthält insofern einen wahren Kern, weil Kinder Verlässlichkeit brauchen. Wenn ich ständig das eine sage und das andere mache, dann ist es schwer für mein Kind, Halt und Sicherheit zu finden, weil es nie weiß, was Sache ist. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass Konsequenz um der Konsequenz willen keinen Wert hat, sondern nur noch Starrköpfigkeit ist. Wenn ich eine Konsequenz angedroht habe oder aus Überforderung Mist gemacht habe, wird dieser Mist nicht dadurch besser, dass ich bockig daran festhalte. Sondern dann kann es ein wichtiges und wertvolles Rollenvorbild für mein Kind sein, sich zu korrigieren. Das macht uns nicht schwach oder weich, sondern das macht uns menschlich.

Wenn man Ihnen so zuhört, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es bei Ihnen wirklich zu Konflikten kommt…

Natürlich gibt es Konflikte und Streit. Es wäre doch furchtbar, wenn es nicht so wäre! Wären Sie mal ein paar Tage Gast in unserem Familienleben, würden Sie sicherlich erleben, dass sich unsere Kinder streiten, dass mein Mann und ich mal genug haben und dass jeder in sein Zimmer oder raus geht, weil wir Ruhe brauchen. Und gleichzeitig würden Sie wahrscheinlich auch sehen, dass mein Mann und ich über die Jahre schon Strategien entwickelt haben, aus Stressmomenten nicht eine Spirale aus gegenseitigen Verletzungen werden zu lassen. Wir haben gewisse Deeskalationsstrategien an der Hand. Sind wir beide zum Beispiel zuhause, übernimmt der, der gerade ruhiger ist, die Kinder und der andere holt mal tief Luft. Sie würden aber auch erleben, dass meine Tochter schreit: “Du bist die schlimmste Mama der Welt!”

Ein Satz, der einen selbst oft wütend macht…

Ja, aber der mir tatsächlich emotional inzwischen gar nicht mehr weh tut. Ich kann das für mich übersetzen und sehe: Mein Kind ist gerade sehr wütend und hasst es, dass ich als Erwachsene mehr Macht habe. Es hat aber nichts mit mir zu tun! Es ist, als hätte ich inzwischen einen Babelfisch im Ohr und ich höre nur: “Ich bin gerade sauer!” Das ist eine große Errungenschaft von vielen Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft. So weit war ich noch nicht, als mein erstes Kind drei Jahre alt war.

Sie sagen, wir Eltern sollten uns das Leben leicht machen. An welchen Stellen machen Sie es sich denn leicht?

Wir Eltern haben unglaublich hohe Ideale, was ja auch gut ist. Nehmen wir das Thema Klima: Wir wir wollen richtig konsumieren, wir wollen das Klima, die Welt retten. Mein Credo ist: Alles, was wir zusätzlich zum Großziehen unserer Kinder noch schaffen, ist gut. Wenn wir die Welt retten wollen, ist es okay, bei uns selbst und unseren Kindern anzufangen. Manchmal reichen die Ressourcen für mehr, manchmal eben nur dafür, gut durch den Tag zu kommen und die Kinder nicht anzuschreien. Wir sind keine schlechten Menschen, wenn wir gerade nicht mehr schaffen. Dem Perfektionismus zu entfliehen, kann auch etwas ganz Banales bedeuten. Für mich war es zum Beispiel echt ein Schritt, zu einem Schul- oder Kindergartenfest auch nicht selbst gebackenen Kuchen mitzubringen. Und ich darf mir selber auch die Erlaubnis geben, an einem stressigen Tag meinen Kindern am Nachmittag kein hoch pädagogisches Programm anzugedeihen, sondern einen Disneyfilm anzumachen und die Füße hochzulegen. Ich muss dabei kein schlechtes Gewissen haben und auch die Kinder können doch lernen, dass man es sich im Leben auch leicht machen darf.

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