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Experte zu Schule nach Corona: “Schule wird nie wieder so sein wie früher”

  • Während der Corona-Krise traten insbesondere in Schulen viele Missstände zutage.
  • Träger und Politik stehen zunehmen unter Druck.
  • Die Schule wird nach Corona nie wieder so werden, wie wir sie kannten, prophezeit Journalist und Bildungsexperte Armin Himmelrath im Interview.
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Die Corona-Krise hat in der Schul- und Bildungslandschaft etliche Missstände offenbart. Genau deshalb sei jetzt der richtige Zeitpunkt, Schule neu zu denken, finden Bildungsexperte Armin Himmelrath und die Autorinnen und Autoren des Buches “Das Schuljahr nach Corona”. Im Interview erklärt der dreifache Familienvater, an welchen Stellen wir schon jetzt Veränderungen in der Schullandschaft sehen und welche Rolle auch die Eltern dabei spielen könnten.

Neue Regeln für eine neue Normalität nötig

Herr Himmelrath, Ihr Buch heißt “Das Schuljahr nach Corona”. Wir sind aber noch mitten drin in der Krise. Unter welchen Bedingungen starten wir in dieses Schuljahr?

Das wird eine völlig neue Art von Schuljahr. Die bisher übliche Form von Unterricht, nämlich jede Art von Präsenzunterricht, ist jederzeit von Unterbrechung und Schließung bedroht. Darüber schwebt dieses Damoklesschwert und verändert das Unterrichtssetting massiv. Denn die Sicherheit von früher, dass Präsenzunterricht immer stattfinden wird, die gibt es nicht mehr.

Die Politik aber spricht die Garantie aus, dass Bildungseinrichtungen nicht mehr dauerhaft geschlossen werden.

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Es geht auch gar nicht um dauerhafte Schließungen. Die wird es wohl auch nicht geben. Aber ich mache der Politik den Vorwurf, dass sie durch das Gerede vom Regelbetrieb eine Normalität suggeriert, die wir einfach nicht haben. Das ist unehrlich. Es ist eben kein Regelbetrieb mehr, wie wir ihn kennen, und wir brauchen deshalb neue Regeln für eine neue Normalität und einen neuen Blick auf viele Sachen. Dafür plädieren wir in unserem Buch.

Negative Impulse aus der Zeit mitnehmen – und daraus etwas entwickeln

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Werden schon in diesem Schuljahr Veränderungen spürbar?

Die spüren wir ja längst. Sogar schon im letzten Schuljahr: zum Beispiel, dass das Sitzenbleiben standardmäßig abgeschafft wurde. Das ist ja schon eine Veränderung und ein großartiger Fortschritt. Eine der wichtigsten Fragen wird auch sein, ob wir das Curriculum, also den Stundenplan, so beibehalten.

Armin Himmelrath ist Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und selber dreifacher Familienvater. Sein Buch “Das Schuljahr nach Corona” erscheint im hep Verlag. © Quelle: Privat

In Ihrem Buch geht es an vielen Stellen auch darum, was uns die Corona-Krise über das Schulsystem offenbart hat. Was ist da zutage gekommen?

Wie unter dem Brennglas hat die Corona-Krise uns sehr genau gezeigt, was alles nicht funktioniert in unserem Schul- und Bildungssystem. Das ist zum Beispiel der Umgang mit Bildungsungleichheit und ungleichen Bildungsvoraussetzung. Wir sehen jetzt ganz deutlich, dass wir manche Kinder nicht erreichen und dadurch einfach verlieren. Das ist wirklich dramatisch und für mich eigentlich der schlimmste Aspekt. Das hatten wir natürlich vorher auch schon, aber ohne Präsenzunterricht wurden die Lebensumstände nicht mehr so verdeckt. Und das wiederum ist ein positiver Effekt, denn nun ist es so deutlich und es gibt uns die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Alle Autorinnen und Autoren in unserem Buch plädieren ja dafür, eben nicht zum Stand 15. März 2020 zurückzukehren, sondern diese Impulse mitzunehmen und daraus etwas zu entwickeln. An vielen Schulen sehen wir auch eine deutlich stärkere Veränderungsbereitschaft. Wir sehen, wie viel Energie und Engagement bei Schulleitungen und Lehrkräften da ist. Die haben nicht nur das Beste aus der Situation gemacht, die wollen auch daraus lernen. Hier können wir aus der Krise viel ableiten und für die Zukunft mitnehmen.

Krise hat zu einem anderen Blick auf das Bildungssystem geführt

Die Krise hat aber auch Gutes gezeigt, Beispiel Lernbereitschaft. Haben wir die Kinder und Jugendlichen lange unterschätzt?

Das Klischee war ja immer, dass Kinder die Augen verdrehen, wenn sie über Schule reden. Dabei konnten wir in der Corona-Zeit sehen, wie wichtig Motivation für Lernprozesse ist. Wenn es den Lehrkräften gelingt zu motivieren, dann ist es nicht wichtig, ob die Kinder in Zweierreihen an Tischen im Klassenzimmer sitzen oder eben zu Hause sind. Denn die Lernbereitschaft ist ja da. Was ich auch wahrnehme, ist, dass diese Krise tatsächlich zu einem anderen Blick in der Diskussion ums Bildungssystem geführt hat. Die letzten 20, 30 Jahre haben wir viel über Lehrprozesse gesprochen, also die Frage: Wie vermittle ich den Stoff noch besser, noch effektiver? Plötzlich aber reden wir über Lernprozesse, also: Wir gucken, was bei den Schülerinnen und Schülern eigentlich ankommt. Das ist ein kleiner, aber sehr entscheidender Perspektivwechsel.

Für Lehrer und Lehrerinnen kann es ja auch eine wahnsinnig gute Erkenntnis sein, dass die Schülerinnen und Schüler sagen: Wir haben die Schule vermisst!

Ja genau! Ich war an zwei Schulen dabei, als nach dem Lockdown wieder Schülerinnen und Schüler kamen. Und was ich erlebt habe, war große Emotionalität – auf beiden Seiten! Und das nicht nur in der Grundschule. Einige wären ihren Lehrerinnen und Lehrern am liebsten in die Arme gefallen. Da sehen wir, wie viel Begeisterung, ja sogar Liebe für den Raum Schule da ist und wie wichtig der ist.

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Schule nach Corona wird anders aussehen

Was wir in der Corona-Krise auch gesehen haben ist, wie schlecht es um die Digitalisierung der Schulen bestellt ist. Dabei haben wir zuletzt viel über die Infrastruktur gesprochen, aber woran mangelt es denn noch?

Ich muss trotzdem einmal erst mal mit der Ausstattung anfangen, weil es einfach Voraussetzung dafür ist, dass wir Unterricht auf Distanz oder hybriden Unterricht, also mit Zeiten zu Hause und in der Schule, überhaupt machen können. Wir brauchen ein Grundgerüst an Ausstattung – und zwar was die Technik betrifft, aber auch die Kompetenz. Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler müssen erleben, dass ein Tablet, ein Computer oder ein Handy nicht nur Daddelinstrumente sind, sondern auch Lern-Werkzeuge sein können. Und die führt man am besten spielerisch und auf altersgerechte Art und Weise ein. Wir drücken ja einem Erstklässler auch nicht sofort eine Motorsäge in die Hand, sondern üben erst das Handling der Technik. Und das ist der zweite große Bereich: Allein die Technik da hinzustellen und bedienen zu können, macht den Unterricht noch nicht besser. Wir brauchen eine Idee davon, in welchen Situationen diese Technik einen Nutzen hat. Sie ist eben ein Werkzeug, das wir dann einsetzen sollten, wenn es sinnvoll ist oder wir keine andere Wahl haben, weil die Schulen geschlossen sind.

Was ist denn Ihre Vision: Wie könnte die Post-Corona-Schule aussehen?

Wir alle haben nicht diese eine Vision, wie Schule aussehen kann. Aber wir sind uns einig darin, dass wir sagen: Schule wird nicht mehr so aussehen können, wie wir sie bisher kennen! Es wird natürlich viel geben, was wir wiedererkennen. Aber insgesamt wird es viel mehr Verschiedenheit in Schule geben, verschiedene Lernprozesse und die Möglichkeit, eigene Lernwege zu finden.

Die letzten Monate hätten strategisch genutzt werden müssen

Was heißt das konkret?

Dass das eine Kind sagen kann: Bei Mathe hilft es mir, wenn ich mich hinsetze und das Buch von Seite 38 bis 52 durcharbeite. Das ist der Ansatz, den wir bisher aus der Schule kennen. Individualisiertes Lernen heißt aber, dass das andere Kind sagen kann: Das geht gar nicht bei mir, aber wenn ich mir die YouTube Videos angucke, die mir meine Lehrkraft empfohlen hat, verstehe ich plötzlich alles. Und ein drittes Kind würde es vielleicht ganz anders machen, zum Beispiel einen Zoom-Call mit den Mathecracks der Klasse einrichten und es sich erklären lassen. Das führt dazu, dass bei allen am Ende etwas bei herauskommt, das mathematisches Wissen heißt – oder eben Kompetenz. Die Wege dahin sind allerdings individuell.

Überfordern wir die Schulleitung momentan aber vielleicht nicht gerade damit? Mein Gefühl ist, dass in den Schulleitungen der Druck und die Verzweiflung gerade immens sind.

Irgendwann muss man ja anfangen nachzudenken. Und dazu wollen wir mit unserem Buch anregen. Ich habe den Eindruck, dass viele Schulleitungen das schon gemacht haben in den letzten Monaten – im Gegensatz zu den Ministerien. Ich sehe zwar auch die Zwänge, die es dort in den Kultusministerien der Länder gibt, aber dass sie immer nur bis zu den nächsten drei Wochen denken, ist auch ein Eingeständnis des strategischen Scheiterns. Wir sind jetzt bei Monat sechs. Wenn sie diese Zeit nicht genutzt haben, um eine Strategie zu entwickeln, dann, Entschuldigung, haben sie versagt.

Eltern konnten endlich einen Blick in den Schulalltag bekommen

Mehr oder weniger unfreiwillig waren Eltern deutlich mehr involviert beim Thema Schule als sonst. Wenn es jetzt um die Zukunft geht: Wo liegen die Gestaltungsspielräume der Eltern?

Das Klassenzimmer ist keine Blackbox mehr für die Eltern – und das ist eine gute Sache. Und andersherum bekommen auch die Lehrerinnen und Lehrer einen Einblick in die Familien. Beide Seiten müssen die Kommunikation wollen. Bevor ich aktiv werde, ist es wichtig, dieses Thema erst mal wahrzunehmen und diese Debatte aufzugreifen. Dazu gehört, dass Eltern sich Gedanken machen sollten über ihre Rolle. Viele machen das ja schon eher unbewusst, etwa die Helikoptereltern. Das ist aber eher konfliktbehaftet. Da aber, wo plötzlich mehr Kommunikation stattfindet, können wir auch verhandeln. Dann können Eltern der Schule auch spiegeln, was sie bewegt, etwa: “Das, was ihr diese Woche in Sachen Onlineunterricht gemacht habt, war Murks. Bei meinem Kind ist nichts angekommen.”

Werden die Gräben zwischen Elternhaus und Schule gerade breiter? Oder schaffen wir es tatsächlich, uns aufeinander zuzubewegen?

Ich hab den Eindruck, dass die Gräben vorher schon relativ breit waren, dass jetzt in der Krise aber die eine oder andere Brücke gebaut wurde. Die beiden großen Gesellschaftsbereiche Bildungssystem und Elternhäuser ringen gerade um ein neues Miteinander. Jetzt dürfen wir es nur nicht versemmeln.

Die Schule ist ein stetig veränderndes System

Wie optimistisch sind Sie, dass wir Schule nach Corona tatsächlich neu denken werden?

Ich bin deshalb optimistisch, weil ich glaube, dass uns die Umstände keine andere Wahl lassen, als Schule neu zu erfinden. Ich hoffe, dass die meisten Beteiligten das als Chance begreifen. Genau darin liegt ja auch der Versuch dieses Buches: Wir wollen aufzeigen, welche Chancen in dieser Zeit stecken. Wir müssen in die Debatte eintauchen und darüber sprechen, was wir besser machen können.

Wie lange wird so eine Veränderung dauern?

Ich glaube, die Veränderung hört nicht mehr auf. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, ein Schulsystem zu bauen, das irgendwann den bestmöglichen Status erreicht hat, und dass wir dann 30 Jahre lang Ruhe hätten. Der große Lerneffekt aus dieser Krise ist, dass Schule ein sich stetig veränderndes System ist. Das heißt auch, dass wir dieses System mit Lust am Neuen, mit Lust am Lernen gestalten können!

Die Corona-Krise hat in der Schul- und Bildungslandschaft etliche Missstände offenbart. Genau deshalb sei jetzt der richtige Zeitpunkt, Schule neu zu denken, finden Bildungsexperte Armin Himmelrath und die Autorinnen und Autoren des Buches “Das Schuljahr nach Corona”. Im Interview erklärt der dreifache Familienvater, an welchen Stellen wir schon jetzt Veränderungen in der Schullandschaft sehen und welche Rolle auch die Eltern dabei spielen könnten.

“Das Schuljahr nach Corona” erscheint im hep Verlag.

RND



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