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Experte über die Kunst der Gabe: „Teure Geschenke erzeugen Druck“

  • Alle Jahre wieder sorgt die Bescherung für Enttäuschungen.
  • Denn beim Schenken kann einiges schiefgehen.
  • Der Ingolstädter Wirtschaftswissenschaftler Bernd Stauss hat ein jetzt Buch über das „perfekte Geschenk“ geschrieben.
Angela Stoll
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Weihnachten naht, die Spannung steigt: Bald findet die große Bescherung statt. Leider kann beim Schenken sehr viel schiefgehen. Bernd Stauss, emeritierter Professor für Dienstleistungsmanagement an der Uni Eichstätt-Ingolstadt, erklärt, wie sich Geschenkpannen vermeiden lassen.

Herr Stauss, wann ist ein Geschenk perfekt?

Prof. Bernd Stauss: Der amerikanische Konsumforscher Russell W. Belk hat in den 90er-Jahren Eigenschaften benannt, die man mit einem perfekten Geschenk verbindet. An erster Stelle steht Einfühlungsvermögen: Es kommt darauf an, dass man sich wirklich in die Person und die Situation des Empfängers hineinversetzt und überlegt, was ihm eine Freude machen würde. Außerdem sollte man ihn überraschen und sich obendrein Mühe geben.

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Wie kann man dann Leute, die man kaum kennt, perfekt beschenken?

In der Tat sind das hohe Anforderungen. Ein perfektes Geschenk wird daher immer die Ausnahme bleiben. Allerdings sind Belks Kriterien hilfreich, wenn man auf der Suche nach Geschenken ist, die wirklich Freude bereiten.

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Umgekehrt: Wann ist ein Geschenk missglückt?

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Zum Beispiel, wenn der Schenker sich überhaupt keine Gedanken macht und lieblose Geschenke überreicht – etwa Last-Minute-Käufe von der Tankstelle. Missglückt ist auch, wenn der Geber sich selbst in den Vordergrund stellt und sein Geschenk der Selbstinszenierung dient. Geschenke sind auch Informationsmedien. Sie sagen etwas über den Geber und über die Sicht des Gebers auf den Empfänger aus. So kann sich zum Beispiel der Empfänger fragen, ob ein besonders sparsames Geschenk Ausdruck mangelnder Wertschätzung ist.

Bernd Stauss (74) ist emeritierter Professor für Dienstleistungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. © Quelle: Privat
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Schenken ist also eine Art von Kommunikation. Beim Dekodieren der Botschaften kann es leicht zu Missverständnissen kommen …

Ja, die Bewertung durch Geber und Empfänger kann völlig unterschiedlich sein. Zum einen kann der Wert unterschiedlich eingeschätzt werden: Beispielsweise bekommt man ein teures Geschenk, etwa einen Wein aus einer Spitzenlage, nimmt das aber gar nicht wahr. Außerdem gibt es ganz unterschiedliche Präferenzen.

Jemand schenkt etwa einen teuren Gebrauchsgegenstand, aber der Empfänger hätte viel lieber ein symbolisches Geschenk gehabt. Oder ein Geber trennt sich von etwas, das einen hohen Symbolgehalt für ihn hat, und schenkt der Schwiegertochter vielleicht ein Schmuckstück aus dem Erbe. Sie erkennt aber keineswegs, dass das ein Opfer war. Da kann also viel schiefgehen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass Geschenke überdimensioniert sein können. Was passiert da?

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Wer ein Geschenk annimmt, fühlt sich verpflichtet, es zu erwidern. Das ist die sogenannte Reziprozitätsregel. Zudem müssen sich Geschenk und Gegengeschenk ungefähr die Waage halten. Wenn man ein sehr teures Geschenk bekommt, wächst der Druck, ein teures Gegengeschenk zu machen. In Bezug auf romantische Beziehungen hat die Forschung gezeigt, dass es bei Empfängerinnen ambivalente Gefühle auslöst, wenn sie in einer frühen Phase teure Geschenke bekommen. Sie fühlen sich dann gekauft und fragen sich: Was ist die Gegenleistung?

Was halten Sie von Geldgeschenken?

Geld und Geldgutscheine werden in Deutschland immer beliebter. In einer Befragung von vergangenem Jahr haben Geldgeschenke den Spitzenplatz eingenommen: 59 Prozent hatten die Absicht, Geld zu verschenken. Das hat mich sehr überrascht, weil Geld einen ambivalenten Charakter hat. Auf der einen Seite entlastet es den Geber von allen Überlegungen, und der Empfänger hat den Vorteil, dass er keine missglückten Geschenke erhält.

Auf der anderen Seite will man den finanziellen Charakter bei Geschenken sonst ja eher verschweigen. Preisangaben auf den Büchern werden oft überklebt. Bei Geldgeschenken liegt die ganze Botschaft allein in dem Euro-Betrag. Geld kann auch keine emotionale Nähe signalisieren, wie sie für ein perfektes Geschenk wichtig wäre. Bei Hochzeiten sind Geldgeschenke ja oft üblich, aber an Weihnachten kann ich mir kaum etwas Banaleres vorstellen, als dass Partner unterm Tannenbaum Umschläge mit Geld austauschen.

Mit der Übergabe ist das Schenkritual nicht vorbei. Wie Sie schreiben, folgt darauf die ebenfalls heikle Verwendungsphase. Wenn zum Beispiel der selbst gestrickte Schal nie getragen wird, bereitet das Frust …

Die Phase ist unproblematisch, wenn die Verwendung durch den Geber nicht kontrollierbar ist. Hat er aber die Möglichkeit dazu, kann es Ärger geben – zum Beispiel dann, wenn es sich um ein Accessoire für die Wohnung handelt, das dort einen prominenten Platz einnehmen soll.

Bernd Stauss: „Das perfekte Geschenk. Zur Psychologie des Schenkens“, Springer, 236 Seiten, ISBN: 3662636190, 14,99 Euro. © Quelle: Springer Verlag

Also besser keine Prunkvasen verschenken …

Ja, da sind selbst gemachte Dinge, die konsumierbar sind, viel besser, etwa Plätzchen. Die erzeugen in der Verwendungsphase keine Probleme.

Der Klassiker heißt heute: „Wir schenken uns nichts“. Vermeiden wir damit Stress und Frust?

Man spart sich natürlich einigen Stress, aber: Auch Nichtschenken ist Kommunikation. Man einigt sich nämlich darauf, dass es keinen Sinn macht, sich über den anderen Gedanken zu machen. Hinzu kommt, dass diese Versprechen häufig gebrochen werden. Wenn der eine mit einem Geschenk dasteht, der andere aber nicht, ist das ein Problem.

Erinnern Sie sich an ein perfektes Geschenk, das Sie bekommen haben?

Ja, das ist schon länger her. Ich habe von meiner Frau ein Album mit Fotos von unserem ersten Sohn bekommen. Auf die Buchhülle hat sie die Anfangsbuchstaben seines Namens gestickt. Sie hat sich Sticken dafür extra beigebracht. Das Geschenk war perfekt: nämlich überraschend, einfühlsam und mit großer Mühe gemacht.

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