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Ethiker zu Corona-Nöten in der Familie: „Beschweren darf sich erst mal jeder“

  • Besorgte Fragen ehrlich beantworten – und trotzdem gegen die vordergründigen Interessen der eigenen Kinder handeln.
  • Die Corona-Krise bringt Eltern oft in ethische Dilemmata.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt Nikolaus Knoepffler, Professor für angewandte Ethik der Universität Jena, wie wir damit umgehen können.
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Für Eltern ist es in Corona-Zeiten besonders schwierig, den Wünschen und Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden. Ethische Konflikte sind programmiert, wenn es ums Kindeswohl in der Krise geht. Der Ethiker Nikolaus Knoepffler, Professor für angewandte Ethik der Universität Jena, macht im Interview mit dem RND praxisbezogene Handlungsvorschläge.

Viele Menschen leiden ja gerade unter der Corona-Pandemie. Wer darf sich in dieser Zeit eigentlich beschweren?

Prof. Nikolaus Knoepffler: Beschweren darf sich erst mal jeder, wir sind in einem freien Land und da darf jeder sagen: Mir geht es schlecht.

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Aber nicht jeder ist gleich betroffen von dieser Corona-Pandemie. Und es gibt ja immer irgendwen, dem es noch schlechter geht.

Natürlich. Am schlechtesten geht es denen, die eine tödliche Krankheit oder eine solche Diagnose bekommen. Das muss nicht Covid-19 sein. Es gibt viele schwere und schreckliche Schicksale. Das heißt aber nicht, dass jemand, dem der Zeh weh tut, sich nicht darüber beschweren darf, dass ihm der Zeh weh tut. Und wenn jemand unter dem Lockdown leidet, darf er auch sagen, dass er leidet – auch wenn er weiß, dass viele andere noch mehr leiden. Es ist ja auch ein gutes Ventil, das ich nicht einmal sich beschweren nennen würde. Man äußert sich, wie es einem geht, und das finde ich völlig gerechtfertigt.

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Oft sind jene laut, die eigentlich eher der Mittelschicht angehören. Schnell spricht man da von Luxusproblemen. Dürfen wir auch dann Bedürftigkeit anmelden, wenn wir selbst eigentlich zu den Privilegierten gehören?

Wir hängen jetzt über zwei verschiedenen Dingen: Das eine ist, dass ich sagen darf, dass mich dieser Lockdown belastet. Das zweite ist, Bedürfnisse anzumelden. Die kann man haben, die darf man auch äußern, das ist ja die Freiheit des Menschen. Aber ob die Gemeinschaft diese Bedürfnisse dann bedient, das ist eine zweite Sache. Da hat die Politik Prioritäten zu setzten und der, dessen berufliche Existenz gerade bedroht ist oder gar vernichtet wird, hat sicherlich einen anderen Anspruch auf Unterstützung der Solidargemeinschaft als jemand, dem in seinem Einfamilienhaus die Decke auf den Kopf fällt.

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Nikolaus Knoepffler, Professor für angewandte Ethik an der Universität Jena. © Quelle: Freidrich-Schiller-Universität Jena

Familien sind auch in unterschiedlichen Situationen. Es gibt die mit Einfamilienhaus, es gibt aber auch sozial Benachteiligte. Und viele, unabhängig vom sozialen Status, kommen durch die Doppelbelastung von Arbeit und Kindern zu Hause gerade an ihre Belastungsgrenze. Ist es gerechtfertigt, dass Eltern da gerade lauter werden?

Dass die Eltern nicht nur lauter werden dürfen, sondern in dem Fall sogar sinnvollerweise lauter werden sollen, ist richtig. Darum wird jetzt auch eine Impfpriorisierung für Personal in Kitas und Schulen diskutiert, damit sie wieder aufmachen können. Das sind ganz berechtigte Anliegen.

Oft hört man den Satz „Uns geht es ja noch gut!“. Wenn man sich seiner eigenen Privilegien bewusst ist, sollte man gerade deshalb lauter werden, um sich auch für andere einzusetzen? Etwa beim Thema Schule, auch wenn es gar nicht die eigenen Kinder sind, um die man sich sorgt?

Starkmachen dürfen Sie sich doch für alles. Sie dürfen sich nicht nur, was Corona-Herausforderungen angeht, starkmachen, sondern auch für die neue Brunnen in Afrika wie für bessere Arbeitsbedingungen in Bangladesch. Das gehört zu Ihrer Freiheit in einem freiheitlichen Rechtsstaat dazu. Es gibt nur tatsächlich die Gefahr, dass die, für die man dann einsteht, etwas anderes wollen als das, wofür man einsteht.

Wenn wir das Gefühl haben, die Kinder und die Familien, denen es gerade schlecht geht, haben keine Lobby – müssen sie dann ihre eigenen Fürsprecher sein?

Wenn Sie sagen, dass die Schließung von Kitas und Schulen denen besonders schadet, die es sozial sowieso schon beschwerlich haben, kann man sich durchaus dezidiert an jene in der Politik wenden, die zu entscheiden haben, und sie auffordern: Ihr müsst da einen Fokus drauflegen. Man kann natürlich auch jammern und sagen: Oh, wie schlecht ist diese Welt! Beschweren darf sich jeder, aber konstruktive Lösungen vorbringen darf eben auch jeder.

Aber die Corona-Krise zwingt uns natürlich trotzdem zu einer Priorisierung. Nehmen wir die Notbetreuung: Im zweiten Lockdown hat die Politik vielerorts bewusst keine Rahmenbedingungen dafür genannt, wer sein Kind in die Betreuung schicken darf und wer nicht. Ist es überhaupt möglich, die Not anhand von Kriterien zu vergleichen?

Wenn die Politik Entscheidungen trifft, ist es ganz klar, dass es immer auch Verlierer dabei geben muss. Das ist das Problem von Regeln, dass bestimmte Menschen dann gerade durch diese eine Regel Schaden nehmen oder davon nicht profitieren. Wenn sie keine Regeln macht, dann ist es aber noch gefährlicher und noch schlechter. Nehmen wir das Beispiel aus dem Straßenverkehr: Wenn Sie in einer Stadt eine 50-km/h-Beschränkung haben, dann gibt es Straßen, da geht niemand rüber und da könnte man auch 70 fahren. Und die, die nur 50 fahren dürfen, sehen überhaupt nicht den Grund, warum sie hier langsamer seien müssen. An anderen Straßen wiederum ist 50 viel zu viel. Man kann aber nicht so spezifisch ständig alle paar Meter alles regeln, weil das einfach zu kompliziert wird. Deswegen einigt man sich, wissend, dass es an manchen Stellen Unsinn ist. Das lässt sich auf vieles übertragen, auch auf die Pandemie. Manches geht nun einmal nicht anders, weil die Mittel begrenzt sind und wir nicht im Schlaraffenland leben.

Wenn die Not überall steigt, wie schafft man es als Gesellschaft, nicht in ein Klima der Missgunst zu geraten?

Das ist ganz schwierig, weil das in uns Menschen angelegt ist. Es gibt zum Beispiel aufschlussreiche Lernexperimente mit kleinen Affen. Zwei Äffchen mussten Aufgaben lösen und bekamen zur Belohnung eine Gurke. Beide waren glücklich. In dem Moment aber, wo der eine Affe auf einmal eine leckere Traube bekam und der andere wieder seine Gurke, wird dieses Äffchen total unglücklich und fühlt sich benachteiligt. Und auch wir Menschen können es nur schwer ertragen, wenn andere in ihren Bedürfnissen besser behandelt werden als wir selbst. Covid-19 ist ein guter Beleg dafür. Wir werden ärgerlich, wenn wir merken, dass andere trotzdem Weihnachten oder Silvester groß gefeiert haben, aber dafür nicht bestraft werden. Und vielleicht ärgert man sich darüber, dass Kinder von Pflegekräften in der Notbetreuung untergebracht sind. Aber es gibt eben Gründe, warum man das so entscheidet.

Aber Not bemisst sich ja nicht nur an äußeren Faktoren wie der beruflichen Situation. Manchmal ist es auch die psychische Verfassung, die Eltern bedürftig macht. Die steht aber auf keinem Papier.

Ja, das ist nochmal ein Riesenproblem, weil wir bei der Behandlung psychischer Erkrankungen faktisch in unserem Staat immer eine große Notlage haben. Wir sind strukturell in dieser Hinsicht nicht gut genug aufgestellt, deswegen versucht man bei all diesen Maßnahmen harte Fakten zu nehmen. Ähnlich ist es auch bei der Impfpriorisierung. Sie nehmen einfach die 80-Jährigen, völlig egal, wie deren Gesundheitszustand ist. Alle Regelungen sind so, dass man darüber streiten kann. Deswegen darf sich auch jeder beschweren. Aber für alle eine Lösung zu finden ist in einer Gesellschaft ganz schwierig, weil jede Lebenssituation einzigartig ist.

Eltern, die unter den jetzigen Umständen ihr Kind in die Betreuung geben, weil sie es für das Kind wichtig finden und weniger den beruflichen Druck spüren – ist das ethisch vertretbar oder sind sie damit kein guter Teil der Solidargemeinschaft?

Wenn Eltern glauben, dass es für ihr Kind wirklich gut ist, dann nutzen sie die Regeln im Sinne ihres Kindes und das kann man verstehen. Ob das jetzt moralisch die höchstwertige Handlung ist, weil man vielleicht einem anderen Kind dadurch einen Platz wegnimmt, den es dringender bräuchte, das ist eine zweite Frage. Aber verwerflich ist das keineswegs, schließlich sind die Spielregeln so und die, welche das Anrecht gemäß der Regeln auf diese Notbetreuung haben, dürfen sie darum in Anspruch nehmen.

Wie werden wir als Gesellschaft aus dieser Krise kommen: solidarischer oder missgünstiger?

Ich kann darüber deswegen so schlecht etwas sagen, weil man einfach nicht absehen kann, wie lange das Ganze noch geht. Mit jedem Tag, den es länger geht, kann die Stimmung kippen. Wenn die Impfung und Ähnliches jetzt funktionieren, kann ich mir vorstellen, dass wir da halbwegs gut rauskommen. Wenn das aber bis zum Sankt Nimmerleinstag noch weitergeht und wir noch einmal durch so einen Winter müssen, befürchte ich, dass es gesellschaftlich große Verwerfungen geben wird. Weil die Menschen es irgendwann nicht mehr ertragen werden, in so vielen Grundbedürfnissen eingeschränkt zu sein.

RND

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