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Erwachsen und kinderlos – „Ich habe keine Kinder, was ist schlimm daran?“

  • Immer mehr Frauen verzichten auf Nachwuchs, rund jede fünfte Frau zwischen 45 und 49 Jahren bleibt kinderlos.
  • Die Gründe dafür sind vielfältig.
  • Doch viele von ihnen leiden deswegen unter Unverständnis und Vorurteilen innerhalb der Gesellschaft.
Gitta Schröder
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„Und ihr – habt ihr Kinder?“ – „Nein“. „Ach so.“ Erstaunte Pause. „Und wolltet ihr auch nie?“ Das zweite „Nein“ kommt dann schon weniger souverän, denn Anja Buchner kennt eine ganze Reihe abwertender Kommentare, weil sie keine Kinder bekommen wollte: „Mit dir stimmt was nicht.“ „Kommst du aus einer kaputten Familie?“ „Du bist egoistisch.“ „Dir geht es doch nur um deine Karriere.“

Die Kinderlosenquote ist in Deutschland besonders hoch

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Die Freiburger Psychotherapeutin Christine Carl beschäftigte sich bereits 2002 mit dem Trend, dass immer mehr Frauen auf Nachwuchs verzichteten und veröffentlichte ihre Forschungen im Buch „Leben ohne Kinder“. Heute ist aus dem Trend ein Massenphänomen geworden: Rund jede fünfte Frau zwischen 45 und 49 Jahren bleibt kinderlos. „Dafür gibt es drei Gründe: Erstens die schlechte Betreuungsinfrastruktur, zweitens die mangelnde Akzeptanz, diese auch zu nutzen und drittens die mangelnde Akzeptanz gegenüber vollerwerbstätigen Müttern“ sagt Professor Dr. Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock.

„In Ländern wie Frankreich und Schweden sind deutlich weniger Menschen der Meinung, dass es einem Kleinkind schadet, wenn die Mutter erwerbstätig ist“, so Kreyenfeld. Dort gäbe es zudem bessere Kinderbetreuungsangebote, die den Wiedereinstieg ins Berufsleben für Mütter vereinfachen. Fakt ist auf jeden Fall, dass in diesen Ländern die Kinderlosenquote deutlich geringer ist.

Manchmal lässt sich Kinderlosigkeit aber nicht durch fehlende Kitaplätze erklären. Anja Buchner entschied sich ganz bewusst dagegen, Mutter zu werden. „Mich interessieren einfach andere Dinge – zum Beispiel Beziehungen zu Erwachsenen, mein Beruf, meine Hobbys.“

Ob früh oder spät: Manche Frauen entscheiden sich bewusst gegen Kinder

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Auch Gesine Müller wusste immer, dass sie keine Kinder wollte. „Das Muttergen fehlt mir komplett. Als junge Frau wollte ich lieber ungebunden sein, viel reisen und eine Menge von der Welt sehen“, erzählt die 47-jährige Würzburgerin, die seit zehn Jahren mit ihrem Partner zusammenlebt. „Ich hatte allerdings auch zwei Vorbilder, die ungemein stark, eigenständig und durchsetzungsfähig waren: Meine beiden Großmütter waren beide berufstätig, da konnte es Kinder geben oder nicht.“ Ihre mütterliche, fürsorgliche, hilfsbereite Seite lebt Gesine Müller heute bei ihren zwei Nichten aus. „Ich liebe die beiden über alles und verstehe mich super mit ihnen. Aber ich bin auch froh, wenn ich sie zu ihren Eltern zurückbringen kann.“

Würde man Gesine Müller den drei Kategorien kinderloser Frauen von Psychotherapeutin Christine Carl zuordnen, so würde sie zu den „Frühentscheiderinnen“ zählen. Die „Spätentscheiderinnen“ kommen erst mit Mitte 30 zum Schluss, dass sie mehr Zeit für sich brauchen – für Projekte, Ausbildungen, ihren Partner. Kinder gehören nicht in ihren Plan der Selbstverwirklichung. Den „Aufschieberinnen“ wird die Entscheidung abgenommen, wenn die biologische Uhr nicht mehr tickt. Dann hat es sich einfach nicht ergeben.

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Manchmal nimmt auch die Natur Frauen die Entscheidung ab

Fehlen noch die geschätzten 5 Prozent der kinderlosen Frau, die unfreiwillig auf ihren Wunsch vom Baby verzichten. So wie Katrin Espen, die gerne schwanger geworden wäre, aber zunächst an den Umständen und später an der Biologie scheiterte. „Ich war früher leider immer nur mit Männern zusammen, die keine Lust auf Kinder hatten. Erst mit 44 traf ich endlich den Richtigen, meinen Mann, und ich wurde tatsächlich noch schwanger“, erzählt die Kielerin. „Wir freuten uns so.“ Doch die Sehnsucht nach einem Baby endete mit einer Fehlgeburt, wie schon zwei Male in der Vergangenheit. „Ich war unendlich traurig und konnte es eine Zeitlang kaum ertragen, wenn Mütter mit ihren Kinderwagen an mir vorbeischoben.“

Von nun an versuchte Katrin Espen, die Lücke in ihrem Leben mit anderen Dingen auszufüllen. Obwohl bislang unpolitisch, trat sie in eine Partei ein und ist dort heute aktiv in der Familienpolitik. „Ich dachte, wenn ich schon keine Kinder bekommen kann, stecke ich eben meine Liebe und Energie in die Politik und tue so etwas für den Nachwuchs“, erzählt die 48-Jährige, die es schlimm findet, dass Mütter in Deutschland unter solchem Druck stehen: „Sie werden schief angesehen, wenn sie ganz zu Hause bleiben wollen, gelten als ‚Karriere-Zicken‘, wenn sie voll berufstätig sind und werden als Rabenmütter betitelt, wenn sie versuchen, Kind und Halbtagsjob unter einen Hut zu kriegen.“

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Kinder unterstützen, ohne Mutter zu sein

Doch auch Kinderlose laufen Gefahr, in der Gesellschaft die Sinnhaftigkeit ihres Lebens aberkannt zu bekommen. „Mein Leben ist zum Glück sehr erfüllt“, sagt Katrin Espen. „Ich habe eine tolle Beziehung und einen großen Freundeskreis mit vielen anderen, kinderlosen Paaren, die wie wir andere Dinge unternehmen als Familien.“

Nur ab und zu empfindet Katrin Wehmut – „zum Beispiel während der Weihnachtstage, wenn ich mir das Fest mit einem Kind vorstelle. Oder wenn ich Teenager sehe und überlege, ob ich wohl eine strenge Mutter geworden wäre …“

Kinder aufwachsen zu sehen und sie dabei zu begleiten, das findet auch Anja Buchner sehr rührend. „Aber ich muss dafür ja nicht selbst Mutter sein, sondern kann Kindern auch auf anderem Wege unterstützen“, sagt sie.

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