Einsamkeit statt Babykurse: Elternzeit im Lockdown

  • Krabbelgruppen, Spaziergänge mit anderen Eltern oder das Stillcafé – normalerweise gibt es zahlreiche Anlaufstellen für Mütter und Väter in Elternzeit.
  • Doch durch den Lockdown bleiben viele davon geschlossen oder finden nur digital statt.
  • Das macht den Alltag mit Baby oft sehr einsam.
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Ihre Elternzeit habe sie sich anders vorgestellt, sagt Rosa am Telefon, nichts sei wie beim ersten Kind. Ihre kleine Tochter wurde im Juli geboren. Schon der Geburtsvorbereitungskurs fand nur einmal gemeinsam mit Maske und Abstand statt und danach genauso wie die Rückbildung wenige Monate später nur noch online. Eine Physiotherapeutin zeigte die Übungen vor der Laptopkamera. Die Mütter versuchten, so gut wie möglich zu folgen. Mit Baby auf der Decke, mit Kleinkind im Nachbarraum, mit Mann im Homeoffice. Immerhin gab es noch Videos für das tägliche Training. Mit diesen Widrigkeiten kann man sich arrangieren.

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Viel schwerer wiegt der fehlende Austausch vor und nach dem Kurs, das gemeinsame Gespräch übers Stillen, schlechte Nächte und wunde Popos, die Verabredung im Stillcafé oder zum Spaziergang. Bei besserem Wetter traf sich Rosa noch mit anderen Müttern auf dem Spielplatz. Die großen Geschwister konnten toben, die Babys im Kinderwagen schlafen, die Mütter sich mal mit einem Erwachsenen unterhalten, mit Abstand und an der frischen Luft. Bei den eisigen Temperaturen sind solche Treffen seltener geworden. Und andere Familien zu Hause zu besuchen erlauben die aktuellen Kontaktbeschränkungen nicht. „Im Moment haben wir vor allem virtuelle Kontakte bei Whatsapp, mit der Verwandtschaft am Telefon und im digitalen Babykurs”, erzählt sie.

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Babykurs per Videokonferenz

Einen Babykurs per Videokonferenz, das konnte sich Anne Grund lange nicht vorstellen. Die Pädagogin arbeitet bei einer Bonner Familienbegegnungsstätte. Präsenzkurse gibt es hier seit fast einem Jahr nicht mehr. Gleichzeitig gab es immer mehr Anfragen der Eltern. „Nun machen wir seit Januar einen digitalen Pekip-Kurs“, erzählt sie. Eine Stunde dauert die Videokonferenz mit den Müttern. Es gibt Lieder zur Begrüßung, Fingerspiele und Beschäftigungsideen, einen Motorikparcours aus Kartons oder mit Reis gefüllte Luftballons.

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Außerdem sprechen die Frauen über Themen wie Babyschlaf, Beikost und das erste Krabbeln. Im Prinzip sind es die gleichen Inhalte wie in normalen Kursen. Allerdings fehlen auch hier die nackten Babys, die im warmen Raum herumkrabbeln, die Gespräche mit anderen Eltern, die schnelle Verabredung zwischendurch. „Für die kindliche Entwicklung ist das kein größeres Problem. Die Eltern sind ohnehin in den ersten Monaten die wichtigsten Bezugspersonen“, sagt Grund. Es seien eher die Mütter, die davon berichten, dass ihnen der Austausch mit anderen Eltern fehle. Schließlich sei das für viele der wichtigste Grund, einen solchen Kurs überhaupt zu besuchen.

Die geschlossene Kita zehrt zusätzlich an den Kräften

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In vielen Familien kommt noch eine weitere „Baustelle” dazu, die geschlossenen Schulen und Kitas. Auch Rosas vierjähriger Sohn geht seit Dezember nur in Ausnahmefällen und wenn, dann nur tageweise in die Kita. Mütter oder Väter in Elternzeit haben in den meisten Bundesländern keinen Anspruch auf Notbetreuung. In den sozialen Netzwerken berichten Frauen davon, dass sie nur aufgrund des Kinderwagens an der Kita-Tür abgewiesen wurden. Wenn sie ohnehin in Elternzeit sei, könne sie sich ja auch um das größere Kind kümmern. Ein Kraftakt.

„Ich versuche, so gut es geht, beiden Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. So richtig gelingt das allerdings nicht“, sagt sie. Wenn das Baby schläft, kann sie sich nicht ausruhen, sondern bastelt, liest vor oder baut Lego. Umgekehrt vertraut sie auf die Qualitäten des großen Bruders als Babyentertainment, wenn sie die Spülmaschine ausräumt oder Essen kocht. Auch beim digitalen Babykurs ist ihr Sohn immer dabei. Mit großer Freude singt er die Lieder mit, auch an den Beschäftigungsideen hat er oft große Freude.

Exklusive Zeit für das Baby, für ihn oder auch nur für sich ist dagegen selten. Ihr Mann arbeitet pandemiebedingt im Moment sehr viel und kann sie entsprechend weniger entlasten. Auch Großeltern und andere Verwandtschaft können nicht einspringen. „Wir machen das Beste draus und halten irgendwie durch. Aber es gibt schon Tage, an denen ich wirklich auf dem Zahnfleisch gehe“, gibt Rosa zu. Entsprechend groß ist die Hoffnung auf bald wieder geöffnete Kitas, gelockerte Kontaktbeschränkungen und sinkende Infektionszahlen.

Hilfestellungen bei der Gymnastik lässt das Internet kaum zu

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Erschöpfte Eltern erlebt auch Lisa Herrmann täglich. Die Hebamme arbeitet in der Oberlausitz und besucht täglich Mütter im Wochenbett. Mit Maske und größter Vorsicht. „Ich habe schon das Gefühl, dass die Sorgen und Ängste der Mütter zugenommen haben“, sagt sie. Anfangs sei es vor allem die Unsicherheit gewesen, wie gefährlich Corona für die Babys sein könnte. Inzwischen nagen eher die fehlenden Kontakte, aber auch die Sorge um ältere Angehörige oder die Arbeit des Partners an der Stimmung.

Um die Mütter auch außerhalb der Hausbesuche zu unterstützen, bietet die Hebamme inzwischen ihre Kurse zur Rückbildung, Babymassage und Geburtsvorbereitung online an. Mehr als eine Zwischenlösung sei das aber nicht, erklärt sie. So müssen bei der Rückbildungsgymnastik manche Teilnehmerinnen ihre Kamera ausschalten, weil die Internetverbindung in der Oberlausitz einfach zu schwach ist. Hilfestellungen bei den Übungen sind so nicht immer möglich.

Etwas besser funktioniert der Babymassagekurs. Hier zeigt Herrmann die Handgriffe an einer Babypuppe. Die Mütter können es sich zu Hause warm und bequem machen. „Das ist für viele Familien ein festes Ritual geworden. Die Babys sind am Ende tiefenentspannt, müssen aber nicht wieder angezogen oder ins Auto gesetzt werden. Stattdessen geht es direkt in die Wanne und dann ins Bett“, berichtet die Hebamme. Ein Modell für die Zukunft sei dieses Angebot trotzdem nicht, denn auch hier fehlt der Austausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Ich kenne inzwischen jeden Grashalm

Ganz anders als geplant verläuft auch die Elternzeit von Micha. Sechs Monate ist er mit seiner kleinen Tochter zu Hause. Eigentlich wollte er gerade einen Babyschwimmkurs machen, mal zu dem Vätertreff in seinem Stadtteil gehen oder die Großeltern ein paar Hundert Kilometer entfernt besuchen. Doch Pustekuchen: Kurse fallen aus, die Großeltern gehören zur Risikogruppe und Reisen kommen für den Vater im Moment nicht infrage. Das Einkaufen oder den Gang in die Drogerie erledigen er oder seine Partnerin lieber allein – aus Rücksicht auf die Tochter. Auch das Wetter spielt im Moment nicht mit. Schneematsch liegt auf den Straßen, es ist kalt und nass. „Trotzdem machen wir täglich unsere Runde, selbst wenn wir inzwischen jeden Grashalm um die Wohnung herum kennen“, sagt er.

Meistens bleibt er beim Spazierengehen allein, die Freunde haben ältere Kinder oder müssen arbeiten. Für Spielplätze ist seine Tochter mit zehn Monaten noch zu klein. Und für einen Onlinebabykurs fehlt beiden die Motivation. „Wir müssen schon immer per Video mit den Großeltern und Tanten sprechen. Ein Onlinekurs würde uns eher stressen als ein Highlight schaffen“, glaubt Micha. So sind die Tage oft zäh, strukturiert durch Nickerchen am Vor- und Nachmittag, Breimahlzeiten und Fläschchen, etwas Hausarbeit zwischendurch.

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Wenn beide auf der Spieldecke liegen, mache er sich oft Podcasts an – als Kontakt zur Außenwelt, als geistige Anregung. Sogar Whatsapp-Nachrichten oder ein Blick in die sozialen Netzwerke genieße er inzwischen als Miniauszeit. Ein kleiner Lichtblick: Bald kommt der Frühling und Ende März kehrt Micha stundenweise an den Schreibtisch zurück. Ob seine Tochter dann in die Kita gehen kann, ist dagegen ungewiss. Vielleicht erleben Familien dann gerade eine dritte Welle, vielleicht kämpfen sie aber auch nur mit alten Problemen wie den fehlenden Betreuungsplätzen für Kleinkinder.

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