Debatte um Elterntaxis: Schuldzuweisungen sind keine Lösung

  • Kaum haben die Schulen wieder begonnen, starten auch die Diskussionen über Elterntaxis.
  • Die langen Schlangen vor den Schulen sind vielen ein Dorn im Auge.
  • Doch anstatt die Eltern zu beschimpfen, sollte man lieber nach den Ursachen suchen, so ein Experte.
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Mit dem Start des Schuljahres stauen sich wieder die Autos vor den Schultoren. Die Elterntaxis sind zu Recht vielen Menschen ein Dorn im Auge. Sie sind ein enormes Sicherheitsrisiko und schlecht für Kinder und Umwelt sind sie allemal. Doch mit reinen Schimpftiraden über die Chauffeurdienste für die Kids kommen Schulen und Kommunen nicht weiter. Wer wirklich etwas ändern will, sollte sich die Ursachen genauer anschauen.

Richtig gute Argumente, das Kind mit dem Auto bis ans Schultor zu fahren, gibt es zunächst erst mal nicht. Tatsächlich ist es für Kinder viel, viel besser, den Schulweg selbstständig zu bewältigen. Eine schwedische Psychologin fand zum Beispiel heraus, dass Kinder, die zur Schule laufen, selbstbewusster und aufmerksamer sind. Ein Grund mehr, die Kinder für den Fußweg zu bestärken.

Drei Hauptgründe fürs Phänomen Elterntaxi

Trotzdem sind sie da, die Elterntaxis. Und ebenso schnell sind die Schuldigen gefunden: sogenannte Helikoptereltern. Entsprechend einfach sieht vielerorts die vermeintliche Problemlösung aus. Dann werden Grundschüler in Warnwesten öffentlichkeitswirksam vor die Schultore gestellt und belehren Eltern darüber, dass sie dort nicht parken sollen. Im nordrhein-westfälischen Waltrop wetterten Kinder in einem Rapsong gegen Elterntaxis, und mancherorts haben Kinder schon auf Geheiß der Lehrkräfte die Autos von Mama und Papa mit Zitronen beworfen. Ob das nun besonders geschmackvoll ist oder nicht, sei dahin gestellt. Das viel größere Problem ist, dass diese Form der reinen Schuldzuweisung von etwas viel Wichtigerem abhält – nämlich, echte Lösungen zu finden.

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„Keine Kommune in Deutschland hat mit erhobenem Zeigefinger das Problem der Elterntaxiverkehre in den Griff gekriegt“, sagt Jens Leven. Der Verkehrsplaner hat sich auf das Thema Schulwege spezialisiert und findet, wer nachhaltig an der Situation etwas ändern wolle, müsse schon die Ursachen fürs Elterntaxiaufkommen differenzierter betrachten. Aus mehr als 15.000 Elternfragebögen bundesweit hat er drei Hauptgründe herausgefiltert.

Schulwege sind teilweise zu lang zum Laufen

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Einer davon ist die Praktikabilität. Viele Mütter und Väter nehmen die Kinder mit, weil die Schule eh auf dem Weg zur Arbeit liegt. Das ist vielleicht nicht das Beste fürs Kind, aber wer den Alltag berufstätiger Eltern aus der Praxis kennt, kann diese Entscheidung vielleicht nachvollziehen. Immerhin ist der Schulweg nur eines von sehr vielen kleinen Rädchen, die beim Rotieren zwischen Job und Familie ineinandergreifen müssen.

Der entscheidendste Faktor, ob ein Kind zur Schule läuft oder nicht, ist laut Professor Joachim Scheiner von der TU Dortmund übrigens die Länge des Schulwegs. Und auch die hat sich in den letzten Jahren verändert. Zum einen müssen Eltern heute nicht mehr gezwungenermaßen die wohnortnächste Schule wählen, zum anderen wurden vielerorts, gerade in kleineren Stadtteilen, Grundschulen geschlossen. Die Folge: Lange Schulwege. 700 bis 800 Meter sei die neuralgische Grenze, damit Kinder zu Fuß gehen, sagt der Professor für Raumplanung. Fürs Fahrradfahren liege die Grenze für Grundschüler bei etwa zwei Kilometern.

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Problemstellen an Schulwegen

Ein weiterer Hauptgrund, weshalb Eltern ihre Kinder lieber selbst zur Schule fahren, ist die Verkehrssicherheit. Viele Eltern haben Angst, ihr Kind könnte auf dem Weg zur Schule in einen Verkehrsunfall verwickelt werden. Vordergründig mag diese Angst unberechtigt sein, denn innerstädtische Straßen sind trotz hohen Verkehrsaufkommens kein Unfallschwerpunkte. Doch nur den Kopf zu schütteln über vorgeblich ängstliche Eltern entlässt eher diejenigen aus der Verantwortung, die nachhaltig etwas ändern könnten: die Verkehrsplaner und deren kommunale Planung. Die sei tatsächlich oft gar nicht auf Kinder ausgelegt, die allein zur Schule gehen, meint Jens Leven. Zum Beispiel werde in den technischen Regelwerken gar nicht adäquat berücksichtigt, wie viel Zeit Kinder tatsächlich zum Überqueren einer viel befahrenen Straße bräuchten.

Auch Professor Scheiner sieht Problemstellen bei Schulwegen, die häufig den Planern durchrutschen – ungesicherte Straßenquerungen zum Beispiel oder Falschparker. „Es kann eine Hecke sein, die so hoch ist, dass das Kind dahinter verschwindet“, so Scheiner. „Auch Straßen mit schmalen Gehwegen“ seien problematisch. Die Chance, dass Kinder zu Fuß zur Schule gehen, schwänden bei einem Gehweg, der schmaler als 1,50 Meter ist. Einfach weil Eltern wissen, dass Kinder oft nicht schnurstracks geradeaus und gerne auch neben dem Schulfreund hergehen – und dann eventuell unvermittelt auf die Straße stürzen.

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Schulleitung kann Problem nicht allein lösen

Ein weiterer Hauptgrund fürs Elterntaxi ist die Angst vor Übergriffen. Ähnlich wie bei der Verkehrsstatistik bieten die reinen Zahlen eigentlich keinen Grund zur Sorge. Und dennoch ist diese Angst ja real und sie führt zu realen Entscheidungen. „Einer Mutter, die Angst davor hat, dass ihr Kind von einem Fremden belästigt wird, der hilft auch kein Ordnungsamt vor dem Schultor“, meint Leven.

Klar ist auch: Eine Schulleitung allein kann das Problem nicht lösen. Es müssen Kommune, Polizei, Ordnungsbehörden und Eltern gemeinsam an einen Tisch. Für jede Schule müsse die individuelle Situation berücksichtigt werden, dennoch empfiehlt Jens Leven ein Drei-Säulen-Modell, um die Zahl der Elterntaxis nachhaltig zu reduzieren.

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Elternhaltestellen einige hundert Meter entfernt einrichten

Die erste Säule seien sichere Schulwege, die sich statt an Unfallzahlen an den tatsächlichen Kompetenzen der Kinder orientierten. Vielleicht muss eine Hecke herunter geschnitten, eine Überquerungshilfe eingerichtet, ein Weg besser beleuchtet werden?

Zweite Säule sind Elternhaltestellen, einige Hundert Meter entfernt von der Schule. Also Parkplätze, an denen Eltern sicher ihre Kinder aussteigen lassen und verabschieden können und die trotzdem den Kindern einen gewissen Fußmarsch abverlangen. Denn so viel ist klar: Es wird immer Eltern geben, die ihre Kinder mit dem Auto bringen (müssen) – sei es nun, weil der Weg zu lang, der Bus zu teuer, der Tornister zu schwer, das Cello zu groß oder das Kind zu faul sein mag.

Kinder mit einbeziehen

Die dritte Säule ist ein pädagogisches Gesamtkonzept an der Schule, das vor allem darauf setzt, Kinder zum selbstständigen Schulweg zu ermutigen. Seit einigen Jahren arbeiten Schulen in NRW und anderen Bundesländern mit dem „Verkehrszähmer-Programm“. Mit Erfolg, findet eine Schulleiterin aus Essen. Sie erzählt, wie sie dank dieses Programms das Aufkommen der Elterntaxis um 20 Prozent reduzieren konnte. An ihrer Grundschule sammeln Kinder nun Zaubersterne für jeden Schulweg, den sie selbstständig bewältigt haben. Hat eine Klasse einige Sterne zusammen, darf sie die in Bonuszeiten eintauschen – und zum Beispiel auf dem Hof spielen.

So kommt der Druck, das Auto stehen zu lassen, von den Kindern und nicht von den Lehrkräften oder Ordnungsbehörden. Übrigens zählen die Sterne auch für den Fußweg von der Elternhaltestelle aus zum Klassenraum – um alle einzuschließen und niemanden zu stigmatisieren. „Natürlich kann man auch weiterhin einfach sagen: ‚Schulweg ist Elternsache!‘ und den Zeigefinger heben“, so Leven, „nur etwas ändern wird das sicher nicht.“

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