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  • Eltern in der Corona-Krise: Nervenzusammenbrüche, Homeschooling, Stress - das sind die Erfahrungen von Betroffenen

Corona-Krisen und kein Ende? Für viele Eltern ist der Kipppunkt erreicht – hier erzählen sie ihre Geschichte

  • Nervenzusammenbrüche, Homeschooling – parallel zur Arbeit – und trotzdem versuchen, den Optimismus nicht zu verlieren.
  • Eltern stehen in der Corona-Pandemie vor vielen Herausforderungen.
  • Fünf Betroffene erzählen, wie es ihnen geht – ungeschönt und mit klaren Forderungen an Entscheidungsträger.
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Auf die Frage, wie es ihnen geht, haben diese Eltern eine nahezu einheitliche Antwort: total gestresst. Kein Wunder, kommt doch auf viele erhebliche Mehrarbeit durch die Corona-Pandemie zu. Was Müttern und Vätern dabei fehlt, sind klare Ansagen, eine Perspektive und schlichtweg die Zeit, sich ausreichend um Kinder, Haushalt und den Job zu kümmern.

Fünf arbeitende Elternteile haben dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) ihre Geschichte erzählt.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
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„Wir Eltern brauchen eine Perspektive“

Anne* (39), Journalistin, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (12, 9)

„Psychologen raten ja immer, man solle sich auf die kleinen, schönen Dinge fokussieren, aber auch das erschöpft sich irgendwann. Seit Monaten sitze ich in meinem Homeoffice und schaue vor die gleiche Wand. Jetzt ist auch noch das Wetter grau in grau und meine Kinder habe ich parallel im Homeschooling. Das Leben, es fühlt sich einfach nur noch fad an. Und dass ich das sage, überrascht mich selbst. Ich bin eigentlich sehr, sehr resilient, trotzdem komme ich an meine Grenzen. Ich bin so unfassbar müde – am liebsten würde ich mich in eine Winterschlafhöhle verziehen. Und dünnhäutig bin ich, zunehmend. Meine Kinder sprechen mich in gewissen Zeiten schon gar nicht mehr an, weil sie Sorge haben, dass ich wieder wütend werde.

Und die Aussicht wird ja nicht besser. Jedem ist inzwischen klar, dass Corona nicht in einem Monat weg sein wird. Wo aber ist die Langzeitstrategie, der moderate Mittelweg? Ich bin weder Querdenkerin noch Maßnahmenverweigerin, aber alle zwei, drei Wochen immer andere Dinge zu beschließen, das macht die Leute doch mürbe!

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Wir Eltern brauchen zumindest eine gewisse Planungssicherheit. Und da fehlt jemand in der Politik, der mutig auch mal andere Wege denkt, statt immer nur mit voller Härte vorauszugehen. Von mir aus können wir gerne sogar bis zum Sommer verschiedene Modelle planen, die erst einmal nichts mit regulärem Unterricht zu tun haben. Denkbar wäre doch der dauerhafte Unterricht in Szenario B, also mit halbierten Klassen. Hauptsache, wir haben eine Perspektive.“

„Ich bin kurz vorm Nervenzusammenbruch“

Burcu (35), Mutter zweier Töchter (12, 6), arbeitet in der Produktion

„Wie es mir geht? Ganz ehrlich: Ich bin kurz vorm Nervenzusammenbruch. Seit dem ersten Lockdown mache ich nur noch Frühschichten. Dafür stehe ich um 4.40 Uhr auf, bin aber um 11 Uhr zu Hause. Dabei ist die Arbeit die ruhigste Zeit des Tages. Der Stress beginnt erst, wenn ich zu Hause bin.

Mein Mann ist Lkw-Fahrer mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. Er ist mir bei den Kindern, Homeschooling und dem Haushalt also keine große Hilfe. Zum Glück wohnt meine Mutter in der Nähe. Jeden Abend bringe ich die Kleine rüber zu meiner Mutter. Da schläft sie dann, damit sie morgens nicht mit ihrer Schwester bei uns alleine ist, wenn ich arbeiten bin.

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Ich habe meiner Mutter schon gesagt, dass das bestimmt noch bis März so gehen wird. Was ich ohne sie machen würde, weiß ich nicht. Die Schule der Großen hatte ein richtig gutes Modell mit Wechselunterricht. Das wurde dann aber auch verboten. Jetzt ist alles zu und ich habe das Gefühl, den Kindern wird alles geraubt.

Das größte Problem für mich gerade ist, die Kinder zu beschäftigen. Bei schlechtem Wetter sind wir in der Wohnung quasi eingesperrt. Inzwischen mache ich mir Sorgen. Meine Kleine hat schon zugenommen. Und sie können sich ja nicht einmal in einem Indoorspielplatz austoben. Die Große sitzt oft vor der Switch oder am Handy, die Kleine vor dem Fernseher.

Ganz ehrlich: Was sollen sie auch anderes machen?! Natürlich gehen wir spazieren und die Kinder treffen sich auch ab und zu mal mit einer Freundin. Aber auch das ist unter Corona ja nicht leicht. Und dann dieser Geschwisterstreit… Es gibt einfach keine Ruhe!“

„Die Frage ist: Was sind uns die Kinder wert?“

Susanne Höllrigl (57), Sozialpädagogin und Leiterin der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Mitte in Düsseldorf

„Während es im vergangenen Frühjahr noch das Gefühl von Hoffnung, Solidarität und von Akzeptanz gab, kippt die Gefühlslage vieler Eltern gerade in eine Perspektivlosigkeit. Gerade bei ohnehin schon belasteten Familien wird das spürbar. Sie fühlen sich allein gelassen. Wir sehen auch eine gewisse Spaltung, die sich unter anderem durch eine höhere Erwartung daran ausdrückt, was Politik und Schule zu leisten haben. Die aktuelle Corona-Lage bringt viele Familien in einen Teufelskreis: Eltern sind belastet und die Kinder spüren die Bedrohung. Das macht die Kinder noch bedürftiger – und die Belastung der Eltern steigt noch mehr.

Natürlich gibt es auch die Familien, die die Corona-Krise als Chance begreifen und sich über Entschleunigung freuen. Aber ich nehme selbst bei vielen Eltern, die anfangs noch gelassen waren, inzwischen eine Hoffnungslosigkeit wahr. Sie sind in Sorge um ihre Kinder, darum, welchen Einfluss diese Corona-Krise auf ihre Zukunft haben wird. Und diese Sorgen sind in vielen Fällen berechtigt.

Ich selbst bin keine Schwarzseherin und bin fest davon überzeugt, dass Kinder das Potenzial haben, diese Krise auszuhalten. Und trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass Corona Folgen haben wird. Wir sehen das schon in kleinen Dingen, zum Beispiel hat ein Jahr lang kaum ein Kind schwimmen gelernt. Wir sehen aber auch die großen Defizite in der digitalen Ausstattung, in der sozialen Teilhabe. Schon jetzt müssen wir an Lösungen dafür arbeiten. Und da geht es natürlich ums Geld und um die Frage: Was sind uns diese Kinder wert?“

„Die größten Sorgen mache ich mir um meinen Sohn“

Christian* (38), Vater dreier Kinder (12, 6, 6) und Grundschullehrer

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich sagen muss: Jetzt reicht’s! Das spüre ich als Vater, das merke ich aber auch bei den Eltern meiner Schüler. Die sind deutlich seltener noch gelassen, die Beschwerden werden lauter. Die einen sind unzufrieden, weil das Kind zu wenig lernt, die anderen sind unzufrieden, weil sie den Kindern parallel zum eigenen Arbeiten kaum helfen können. Die Gesamtlage ist hochkomplex und alles kommt bei mir zusammen. Kein Wunder, dass ich im ersten Lockdown in ein Burn-out geschlittert bin. Da ging nichts mehr. Ein Glück, kann ich heute nur sagen, denn damit habe ich mein Leben schlagartig geändert: Mehr Bewegung, bessere Ernährung, Stressbewältigung. Daher kann ich persönlich mit der Situation jetzt besser umgehen. Schwierig ist sie aber dennoch.

Meine Frau ist Erzieherin, also in der Notbetreuung eingesetzt. Die Zwillinge gehen in die Notbetreuung der Grundschule und ich bin mal in der Schule, mal zu Hause. Unser Großer ist also weitestgehend sich selbst überlassen. Und er ist es auch, um den ich mir die meisten Sorgen mache. Wir können die Kinder ja kaum noch mit schönen Sachen versorgen. Ich bin froh, dass wir noch regelmäßig in den Wald gehen. Aber mehr geht ja nicht. Das Homeschooling bindet den Großen von 8 bis 13.15 Uhr, mal auch bis 15 Uhr vor dem Rechner. Da ist die Versuchung groß, den Rest an Freizeit auch noch vor dem Laptop zu verbringen. Obwohl wir viel mehr zu Hause sind, bekomme ich doch viel weniger von ihm mit.

Er ist einer der Verlierer dieser Krise. Und damit meine ich nicht einmal den Verlust des Schulstoffs. Viel schlimmer finde ich, dass er die Lust am Lernen verliert. Schule ist für ihn nur noch ein Absitzen geworden. Überhaupt sitzt er nur noch rum. Er braucht ein Außen, das ihn aktiviert, etwa durch Sportvereine. Auch das fällt alles schon lange weg. Und ich bin mir nicht sicher, was das für ihn perspektivisch bedeutet. Er hat das Glück, in einer recht intakten Familie zu leben – was sicher nicht bei allen der Fall ist. Aber wie gut er aus dieser Schleife wieder rauskommt, hängt sicher auch davon ab, wie lange die Situation noch anhält.“

„Die Situation hat auch etwas Gutes“

Katharina (40), arbeitet als Social-Media-Managerin und bloggt als Mutter zweier Kinder über das Leben mit ihrer Tochter Sonea (12), die mit Down-Syndrom auf die Welt gekommen ist

„Das Leben ist im Moment ein großes Auf und Ab. Im Geschehen selbst denke ich oft: Das ist eine absolute Katastrophe! Aber ich sehe auch die positiven Seiten. Sonea geht in die fünfte Klasse einer Gesamtschule und hat jetzt Distanzunterricht. Ihr Bruder Vincent ist in der dritten Klasse und klar, auch er ist zu Hause. Mein Mann kann kein Homeoffice machen, also sitze ich mit den Kindern jeden Tag gemeinsam am Esstisch und wir alle machen unsere Aufgaben. Bei Sonea muss ich die ganzen Videocalls mitverfolgen, damit ich ihr bei den Inhalten später helfen kann.

Meine Arbeit schaffe ich daher nicht in den regulären 35 Stunden und hole sie dann am Abend oder am Wochenende nach. Mein Mann René versucht, mich bestmöglich zu entlasten, kocht morgens schon das Essen und geht abends einkaufen. Das alles ist natürlich superanstrengend für uns.

Und trotzdem hat die Situation auch etwas Gutes. Zunächst genieße ich es, einfach mehr Zeit mit den Kindern zu haben. Bis zum Schulbeginn im Januar war es eine wirklich richtig tolle Zeit. Erst mit dem Homeschooling kam für uns der Stress. Und dabei sind wir noch privilegiert, haben keine Betreuungsprobleme, genügend Endgeräte und Sonea ist extrem fit im Umgang mit Computer und Handy. Das ist sicher nicht überall so.

Gleichzeitig freue ich mich über das Homeschooling, denn plötzlich bekomme ich so viel mehr mit von der Schule und erlebe, wie Lehrer und Mitschüler auf Sonea eingehen. Das ist natürlich schön. Ich hoffe auch, dass das System Schule die Situation als Chance begreift. Homeschooling erfordert ja, dass das starre System aufgebrochen wird und nach den individuellen Bedürfnissen geschaut werden muss. Etwas, das ich mir auch für die Zukunft wünsche – völlig unabhängig davon, ob die Kinder einen Förderschwerpunkt haben oder nicht.“

*Namen geändert


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