Eltern im Selbstversuch: Ein ganzes Wochenende ohne Kinder

  • Wer ein oder mehrere Kinder hat, der vermag sich den Zustand womöglich kaum vorzustellen – ein ganzes Wochenende allein ohne den Nachwuchs.
  • Leonie Schulte und ihr Mann haben den Versuch gewagt.
  • Und beide haben dabei geradezu Unglaubliches erlebt.
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Ein einziges Mal piepte es aus der Küche. Und zwar am Samstagmorgen. Die Spülmaschine hatte ihren Dienst fürs Wochenende getan. Während sie sonst viermal täglich ihre Runden dreht, stand sie an diesem Wochenende weitgehend still. Wie wenig es doch zu spülen gibt, ohne Nutellabrote am Morgen und Spaghetti-Tomatensaucen-Harakiri am Abend.

Ein ganzes Wochenende verbrachten mein Mann und ich allein zu Hause. Wer keine Kinder hat oder diese regelmäßig zu Oma und Opa verfrachtet, wird sich die Tragweite dieses Spektakels vielleicht nicht ausmalen können. Wer sich aber nur annähernd in einer ähnlichen Situation wie wir befindet, der wird es vielleicht noch einmal lesen wollen, um die Vorstellungen an dieses so unwahrscheinliche Ereignis zumindest in Gedanken Gestalt werden zu lassen: Ein. Ganzes. Wochenende. Ohne Kinder. Zu Hause.

Dass es dazu kommt, hätten mein Mann und ich lange auch nicht zu träumen gewagt. Seit elf Jahren sind wir Eltern und haben manchmal überlegt, wie es denn so wäre, so einmal in Ruhe frühstücken, einen Abend ohne Zubettbring-Marathon und, kaum zu glauben, einfach mal zu schlafen. Umgesetzt haben wir das so aber noch nie. Im Sommer aber hatten wir schon einmal unsere Kinder in Obhut gegeben und sind für eine Nacht nach Hamburg gefahren. Das war so berauschend, dass wir mehr wollten: und zwar ein ganzes Wochenende!

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Patentante samt Freund freuten sich

Vorher galt es aber jemanden zu finden, der verrückt genug ist, sich drei Tage lang drei Kinder ins Haus zu holen. Tatsächlich war diese Person erstaunlich schnell gefunden. Überraschende Erkenntnis: Man muss die Leute einfach fragen! Die Patentante samt Freund schworen Stein und Bein, sich sogar darüber zu freuen. Ja, sie wollten es. Und ich wollte sie gewiss nicht davon abhalten. Also freuten sich auch die drei Kinder zwischen vier und elf Jahren auf ein Wochenende bei der Patentante im Sauerland.

Als wir die kühne Vorstellung hatten, die Kinder für ein paar Tage loszuwerden, wollten wir es uns nett machen. Ein kleiner Städtetrip vielleicht oder ein Wellnesswochenende. Dann kam Corona und lachte uns aus. Nach kurzem Abwägen der Optionen (kurzum: es gab keine), entschieden wir, das Wochenende zu Hause zu verbringen. Das war schon spektakulär genug.

Etwas kitschig vielleicht, aber tatsächlich standen wir winkend in der Haustür, als die Kinder in einem Auto, das für einen vierwöchigen Campingurlaub beladen war, aus der Straße bogen. Noch wenige Minuten zuvor suchten wir während der Telefonkonferenzen nach dem Kuscheltier und ein oder zwei sauberen Sockenpaaren, die sich die Kinder an dem Wochenende irgendwie aufteilen sollten. Jetzt waren sie aus dem Haus und mein Mann und ich – wir standen da.

Keine Vorstellung, wie sich Runterkommen anfühlt

Unser beider Stresslevel war in den vergangenen Wochen derart exponentiell gewachsen, dass wir gar keine Idee mehr hatten, wie sich dieses Runterkommen anfühlen könnte. Daher stiegen wir ins Auto und versuchten – natürlich noch eben schnell – in die große Stadt zu kommen, Weihnachtsgeschenke besorgen, ehe die Geschäfte schließen. Gemeint hatten wir den Abend, es war schon 17 Uhr. Dass nur wenige Tage später tatsächlich die Geschäfte für eine noch nicht abzusehende Dauer schließen sollten, ahnten wir noch nicht.

Ein früher Freitagabend in einer Fußgängerzone einer mittelgroßen Stadt im Westen Deutschlands – zugegeben, es klingt nicht nach Abenteuer. Aber noch einmal für alle Eltern, die hier mitlesen, im Detail: Ein Freitagabend in der Stadt, fast nur Erwachsene um uns herum, wir gehen nur in Geschäfte, auf die wir Lust haben, wir holen uns einen Kaffee, wenn uns danach ist, wir müssen keinen Cookie dazu kaufen, niemand, für den wir verantwortlich sind, schmeißt sich vor Wut auf den Boden, kein mehrfaches Hin- und Hergefahre, keine Uhrzeit, zu der man wieder zu Hause sein muss, nicht einmal ein Abendessen, das wir planen müssen.

Das Spektakulärste ist die gemeinsame Zeit

Während wir durch die Straßen liefen, fiel dieser Druck, das Getriebensein, Stück für Stück von uns ab. Natürlich wäre es schön gewesen, schick essen zu gehen, vielleicht danach noch um die Häuser zu ziehen. Die Pandemie zwingt uns zur Reduktion und an diesem Wochenende empfinde ich das sogar als Befreiung. Ich muss mir keine Gedanken darum machen, wie ich dieses außergewöhnliche Wochenende gebührend verpacke. Das Spektakulärste ist die gemeinsame Zeit, nicht der ganze Zinnober drumherum.

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Und so sitzen wir am Freitagabend an einem schön gedeckten Tisch daheim — mit Sushi auf der einen Seite und einem liebevoll in Cellophan gewickeltem Döner auf der anderen Seite. „Gönn dir“, haben wir uns gesagt und ein Abendessen kredenzt, was weder nahrhaft noch kindgerecht wäre. Währenddessen schliefen die Kinder langsam in ihren Betten ein. So berichtete man uns zumindest.

„Wahrscheinlich wachen wir morgen trotzdem um halb sieben auf“, sagte der Mann noch kurz bevor er weit nach Mitternacht langsam in den Schlaf glitt. Am nächsten Morgen, nicht einmal der Hund hatte sich bis dahin gemeldet, weckte er mich mit einem lauten Lachen. Es war viertel vor elf. Wir haben also durchgeschlafen. Fast zehn Stunden am Stück. Kein Wellnesshotel dieser Welt hätte mir diesen Entspannungseffekt garantieren können.

Ordentliche Zimmer – alles sieht noch aus wie zuvor

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Als wir hinuntergingen, machten wir eine erstaunliche Entdeckung: Das Wohnzimmer, das Esszimmer, die Küche, alles sah noch genauso aus wie zuvor. Und dann haben wir gefrühstückt und dabei etwas gelesen. Ich weiß was ihr denkt, liebe Eltern: „No way!“ Aber ich schwöre es, das habe ich mir nicht ausgedacht!

Und das restliche Wochenende verlief ähnlich spektakulär: viel Schlaf, viel Ruhe und ein gemeinsamer Spaziergang war dabei. Erneutes Take-Away-Essen, einen Film und eine Folge einer Serie haben wir geguckt. Wir haben sogar gemerkt, wie viel wir uns nach 16 Jahren immer noch zu erzählen haben, wenn man denn mal dazu kommt, einen Satz auch zu beenden.

Ich hätte erwartet, dass es sich komisch anfühlen wird, so verwaist in diesem Haus. Denn die allermeiste Zeit finden wir die Kinder ja schon ziemlich toll und ja, wir lieben sogar dieses chaotische Leben. Es ist aber auch schön zu spüren, dass auch wir uns immer noch genügen. Das Allerbeste an dem Wochenende war aber das Abholen der Kinder. Denn sie haben uns alles gezeigt, wo sie geschlafen haben, was sie gemacht und mit wem sie gespielt haben. In diesem Moment haben mein Mann und ich das gleiche gedacht: Endlich sieht es auch mal bei anderen Leuten zu Hause ziemlich beschissen aus.

“Staat, Sex, Amen”
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