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Eltern-Blogger Falk Becker im Interview: „Gebt Familien eine Stimme!“

  • Der Eltern-Blogger Falk Becker hat eine neue Initiative gegründet.
  • Unter dem Hashtag #elfmillionenstimmen will er Familien und deren Themen im politischen Alltag sichtbarer machen.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der 42-Jährige über Form und Inhalt seiner neuen Aktion.
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Mit der Initiative #elfmillionenstimmen fordert Eltern-Blogger Falk Becker (papamachtsachen.de) mehr Sichtbarkeit für Familien in der Politik. Gemeinsam mit Mitstreiterin Märry Franke ruft er Väter und Mütter dazu auf, die Abgeordneten des eigenen Wahlkreises zu kontaktieren – für junge Eltern auf vielleicht ungewöhnlichem Wege: per Post. Warum seiner Meinung nach der Brief die beste Waffe sein kann und was das langfristige Ziel von #elfmillionenstimmen ist, erklärt Initiator Falk Becker im RND-Interview.

Sie haben eine neue Initiative für Familien gegründet. Warum ausgerechnet jetzt?

Falk Becker: Ich habe in den letzten Wochen und Monaten immer mal wieder Meinungsstücke zur aktuellen Politik in der Corona-Krise geschrieben. Und immer wieder haben mir die Leute geschrieben: Ich hab die Schnauze so voll! Ich bin so müde! Und was kann ich tun? Dann habe ich überlegt: Was kann man wirklich tun? Demos gehen gerade schlecht und eine Petition funktioniert nur, wenn eine kritische Größe erreicht würde.

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Was wäre das für eine kritische Größe?

Bei 50.000 Stimmen muss sich der Bundestag damit befassen – sofern es ein Petitionsantrag ist, der über den Bundestag läuft. Die Petitionen vom Bundestag sind allerdings auch nicht gerade benutzerfreundlich. Und dann dachte ich: Gerade jetzt kurz vor der Wahl ist es eine gute Idee, die Abgeordneten anzuschreiben. Das hatte ich im Hinterkopf. Dann hat mich die Märry, die unter dem Pseudonym Frau Raufuss bloggt, angeschrieben. Sie hat gesagt: Ich kenn dich nicht, aber lass uns mal was machen!

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Und was genau haben Sie jetzt gemacht?

Der Name war relativ schnell klar: Es gibt elf Millionen Familien in Deutschland und die sollen eine Stimme bekommen. Donnerstagabend haben wir das erste Mal telefoniert, am Montag haben wir die Website online gestellt. Vielleicht eine etwas hemdsärmelige Art, aber wir wussten ja, was wir inhaltlich wollen.

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Und was genau ist das?

Die Corona-Krise ist für uns nur ein Auslöser. Es ist ja nicht erst seit dieser Pandemie so, dass Familien hintenanstehen. Jetzt merken es nur mehr Leute. Deswegen geht es uns – anders als bei den anderen Initiativen – gar nicht um konkrete Corona-Maßnahmen. Die Initiative soll ja über Corona hinaus funktionieren. Gleichwohl positionieren wir uns klar, damit wir gar nicht erst von Corona-Leugnern gekapert werden können. Grundsätzlich setzen wir aber auf der Meta-Ebene an und sagen: Gebt Familien eine Stimme! Denn wir haben das Gefühl, dass wir nicht gehört werden. Idealerweise schafft man es, ein global-galaktisches Bewusstsein zu schärfen.

Was genau sind Ihre Ziele?

Das kurzfristige Ziel ist, Politikerinnen und Politiker auf die Situation der Familien aufmerksam zu machen. Das schaffen wir, wenn genügend Eltern mitmachen und Briefe an ihre Abgeordneten schicken. Dann müssen sie einen Dialog initiieren. Wir brauchen ein Signal von den Abgeordneten, dass da heißt: Wir sehen euch! Langfristig wollen wir einen Familienvorbehalt durchsetzen.

Außerdem brauchen wir langfristig eine professionalisierte Elternlobby, die alle Elterngruppen einschließt und die in der Lage ist, bei Gesetzesvorhaben gehört zu werden und die mit zu beeinflussen. So einen Verband, wie wir ihn für die Arbeitgeber, für die Automobilbauer haben, mit bezahlten Stellen. Es gibt ja jetzt schon zahlreiche Eltern, die sich explizit und teilweise gratis für die Belange von Eltern einsetzen, nehmen wir nur Mareice Kaiser oder Christine Finke. Wenn es einen professionellen Lobbyverband gäbe, wäre uns langfristig als Eltern sehr geholfen.

Möchte mit seiner Initiative #elfmillionenstimmen mehr Verständnis für Familien bei Politikern erreichen: Eltern-Blogger Falk Becker. © Quelle: Sylvie Gagelmann

Was genau heißt Familienvorbehalt?

Es bedeutet, dass alle Maßnahmen – nicht nur in der Pandemie, sondern alle zukünftigen Gesetzesvorhaben – dahingehend betrachtet werden, dass sie Familien und Kinder nicht benachteiligen, beziehungsweise deren Bedürfnisse ausreichend beachten. Wir werden auch noch ein paar praktische Beispiele liefern, wie anders Politik aussehen könnte, gäbe es diesen Vorbehalt. Wie etwa die Maßnahmen in der Corona-Pandemie ausgefallen wären, hätte man Familien besser in den Blick genommen. Man kann Corona-Hilfen in Milliardenhöhe natürlich an Firmen ausschütten, klar. Bei einem Familienvorbehalt aber müssten dann erst die Familien unterstützt werden, bevor Millionen von Euro an Lufthansa und Co. gehen.

Ist so ein Vorbehalt denn wirklich realistisch?

Das ist natürlich eine Utopie. Aber dadurch, dass überhaupt keine Lobbyvertreter von Eltern mit am entscheidenden Tisch sitzen, kommt die Frage gar nicht erst auf. Da derjenige die Aufmerksamkeit bekommt, der am lautesten brüllt, sind es momentan vor allem Wirtschaftsunternehmen, die gehört werden.

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Warum halten Sie es überhaupt für nötig, um mehr Sichtbarkeit zu werben? Bei elf Millionen Familien können wir ja nicht mehr von einer marginalisierten Gruppe sprechen.

Vor allem, weil die Entscheider in der Regel selten privat in Familienthemen eingebunden sind. Sie haben vielleicht Kinder, aber sie sind es nicht, die sich um die Kinder kümmern und parallel Homeoffice und Kindererziehung hinkriegen müssen. Das sind nicht die, die lange Elternzeiten nehmen, und es sind auch nicht die Alleinerziehenden mit drei Kindern. Und es sind auch keine armen Leute oder migrantische Eltern. All diese Leute sitzen nicht mit am Tisch, wenn solche Sachen verhandelt werden. Und die, die entscheiden, kennen diese Perspektiven gar nicht. Das ist der Punkt. Ich glaube gar nicht, dass man aktiv sagt: Jetzt drücken wir den Familien einen rein!

Waren Eltern bisher vielleicht auch einfach zu leise?

Ganz sicher! Zu Beginn der Corona-Krise war das für viele eine unfassbar anstrengende Situation – und ist es ja immer noch. Darum müssen wir aber jetzt die Welle machen. Ich selbst bin kein Politiker und habe auch keinerlei Ambitionen. Uns geht es auch nicht um bestimmte Parteien, sondern darum, etwas zu bewegen. Für mich persönlich ist das auch ein Thema, selbstwirksam geworden zu sein. Ich hatte es satt, einfach nur zu meckern und zu motzen. Ich wollte was machen.

So geht es sicher vielen gerade: Sie wissen nicht, wohin mit ihrem Frust …

Deswegen haben wir auch versucht, das Ganze so niederschwellig wie möglich zu machen. Damit eben jeder mitmachen kann. Wir haben Formbriefe aufgesetzt, die einfach an die Abgeordneten geschickt werden können. Wenn es ginge, hätte ich gern noch frankierte Umschläge dazugelegt.

Warum haben Sie genau diese Form für Ihre Initiative gewählt: Post direkt an die Abgeordneten?

Der direkte Weg zu den Abgeordneten ist deshalb richtig, weil sie es sind, die wiedergewählt werden wollen. Sie vertreten uns ja konkret im Bundestag. Vielleicht kennen sie sogar die Menschen aus ihrem Wahlkreis, die ihnen die Briefe schicken. Und wenn aus dem Wahlkreis 500 Briefe kommen, in denen Menschen fordern, Familien in den Blick zu nehmen, ist ihnen klar: Hier müssen wir uns kümmern! So ticken halt Politiker, die wiedergewählt werden wollen. Und Briefe sind noch mal besser als E-Mails, weil sie eben nicht vom Spamfilter aussortiert werden. Briefe muss man in die Hand nehmen, man muss sie öffnen und zumindest querlesen. 500 ungelesene E-Mails hat jeder im Spamordner. Aber 500 ungelesene Briefe, die fallen auf. Briefen muss man also Aufmerksamkeit schenken. Am besten ist es, wenn man sie noch personalisiert, handschriftliche Notizen macht oder gleich ein paar Bilder von den Kindern dazupackt.

Hat die Corona-Krise Eltern politisiert?

Ob wir politisch aktiver geworden sind, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass Eltern aufmerksamer beobachten, was da so passiert und was entschieden wird. Das sieht man auch daran, dass in den sozialen Medien mehr Leute über politische Themen sprechen. Manche durchaus differenziert, andere eher polemisch. Aber trotzdem gibt es viel mehr Gespräche zu politischen Themen. Ob sich das langfristig hält, weiß ich nicht. Ich würde es mir sehr wünschen.

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