Mein Sohn wurde mit vier Jahren eingeschult - das war ein Fehler!

  • Für den Kindergarten zu weit und für die Schule zu klein: Manche Kinder bewegen sich für ein Weilchen zwischen den Welten.
  • Das ist sowohl für den Nachwuchs wie auch für die Eltern keine leichte Situation. Vor allem, wenn sie vor der Entscheidung stehen: frühzeitig einschulen oder lieber nicht?
  • Antonia aus München ist Mutter eines Sohnes. Im Interview spricht sie über die schwierige Entscheidungsfindung und die Folgen.
Katharina Nachtsheim
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Liebe Antonia, Ihr Sohn ist mit vier Jahren eingeschult worden und war somit das jüngste Kind, das jemals in Bayern eingeschult wurde. Erzählen Sie noch einmal kurz wie das kam.

Wir leben in Bayern, hier beginnt das neue Schuljahr immer so um den 10. September. Mein Sohn ist im September 2011 geboren und wurde somit 10 Tage vor seinem 5. Geburtstag eingeschult. Das kam, weil wir immer mehr Probleme im Kindergarten hatten. Er wollte dort partout nicht mehr hin, war mega traurig, dass er kein Vorschulkind sein durfte, weil die doch spannendere Dinge tun. Er wollte Schulkind werden, Hausaufgaben machen.

In Gesprächen mit der Schulpsychologin und dem Kinderarzt wurde klar, dass wir irgendetwas tun müssen. Dann haben wir uns eine Montessori Schule angesehen. Die Pädagogin dort hat ihn hospitieren lassen und uns zugesagt ihn in die Klasse zu nehmen …

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Wir haben nach Ende des ersten Schuljahres nochmal ein Interview mit Ihnen geführt und damals sah es so aus, als sei es die richtige Entscheidung gewesen. Ihr Sohn war glücklich und kam in der Schule gut mit. Doch nun haben Sie uns erzählt, dass es doch ein Fehler gewesen sei, ihn so früh einzuschulen. Wann ist die Lage gekippt ist?

Der Arzt damals bei der Einschulungsuntersuchung sagte, dass es Probleme geben wird, wenn wir unseren Sohn nicht einschulen lassen. Gleichzeitig sagte er aber auch, dass wir nicht glauben sollten, dass die Schule total problemlos laufen wird. Ich war also vorbereitet und wusste, dass so eine frühe Einschulung kein Sonntagsspaziergang ist. Dennoch stehe ich bis heute dahinter, dass es die richtige Entscheidung war, ihn aus dem Kindergarten zu nehmen.

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Die Lage ist zum Ende des 2. Schuljahres, Anfang der 3. Klasse gekippt. Unser Sohn konnte sich schon immer gut wegträumen und hatte dann Schwierigkeiten, mit dem Tempo der anderen mitzuhalten. Er hat den Stoff zwar immer schnell und gut verstanden, da gab es nie Probleme. Aber er konnte sich nicht so gut fokussieren und auch bei den sozialen und emotionalen Themen merkte man sein junges Alter. Er begann, den zwei bis drei Jahre älteren Jungs nachzueifern und mutierte zum Klassenclown.

Wie hat Ihr Sohn sich verändert durch die Situation?

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Er ging weiterhin gern zur Schule, aber sein Verhalten änderte sich in eine Richtung, die ich nicht für gut befand.

Für unseren Sohn war die Welt aber in Ordnung, er fand es cool, so große Freunde zu haben und strengte sich mächtig an, als Sechsjähriger mit 9- bis 10-Jährigen mitzuhalten. Natürlich fanden die ihn aber nicht alle so cool, weil er "klein" ist und ließen ihn dann manchmal nicht mehr mitspielen. Um den Großen zu imponieren, spielte er den Klassenclown. Die Schulthemen rückten für meinen Sohn immer weiter in den Hintergrund.

Sie haben sicher das Gespräch mit den Lehrern gesucht. Was haben die gesagt?

Ja natürlich. Das Schöne an dieser Schule ist eben auch, dass man permanent in Kontakt ist. Unsere Schule ist eine sehr familiäre Schule. Die Pädagogen wussten beispielsweise auch, dass ich mich zwischenzeitlich vom Vater der Kinder getrennt hatte und mein Sohn in den besagten Monaten sowieso sehr viel durchgemacht hatte und deshalb in der Schule auch belastet wirkte. Uns war schnell klar, dass wir handeln müssen. Ich wollte auch nicht riskieren, dass er die Lust an der Schule verliert.

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Was waren dann die nächsten Schritte?

Ungefähr zum Halbjahr der 3. Klasse schlugen mir die Pädagogen vor, ob wir ihn nicht die 3. Klasse nochmal wiederholen lassen sollten. An unserer Montessori-Schule wird im Klassenverbund 1–3 unterrichtet. Mit der Wiederholung sollte er nochmal ein Jahr "im bekannten Umfeld" bekommen und vor allem Zeit nachzureifen.

Die Pädagogen versprachen sich sehr viel davon, ihm einerseits Ruhe im Schulalltag zu bieten, da er in der Klasse bleiben und kein Pädagogenwechsel anstehen würde. Zumal hatte er ja schon Freunde unter den Zweitklässlern, die dann im Folgejahr ja auch Drittklässler wären. Er ist nun seit September das "zweite" Mal in der 3. Klasse und gerade 8 Jahre alt geworden.

Wie geht es Ihrem Sohn gerade in der Schule?

Super. Eigentlich war nur der allererste Tag nach den Sommerferien für ihn schwer. Seine ehemaligen Mitschüler liefen in ein anderes Klassenzimmer und er musste in das alte. Aber bereits ab dem zweiten Tag habe ich genau gemerkt, dass diese Entscheidung goldrichtig war. Die Freundschaften zu den "neuen" Drittklässlern haben sich toll verfestigt. Er hat nun Freunde, die zwischen 7 und 9 Jahre alt sind. Schon nach den ersten Wochen berichteten mir die Pädagogen, dass er so viel mehr angekommen wirkt und seine Sachen viel besser und zügiger erledigen kann. Er arbeitet in ein paar Fächern und Themen bereits am Stoff der 4. Klasse, bei anderen regulär in der 3. Klasse. Es ist einfach unbezahlbar, dass diese Schule so individuell auf die Kinder eingeht.

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Gab es auch Reaktionen wie "Hab ich dir doch gleich gesagt, dass es nicht klappt?"

Ja, natürlich gab es die. Aber auch viele, die gesagt haben: Du kennst deinen Sohn am Besten und wirst auch jetzt eine gute Entscheidung für ihn treffen. Manchmal muss man eben in einer Situation eine Entscheidung treffen und es liegt in der Natur der Sache, dass man eben erst eine Zeit danach sieht, ob diese Entscheidung die Richtige war.

Ich lasse mir keine Vorwürfe machen und mache mir auch keine deswegen. Wir wissen ja auch nicht, wie es ihm ergangen wäre, wenn wir ihn nicht eingeschult hätten. Unser Sohn hat nun einen kleinen Umweg gemacht, jetzt geht es ihm wieder prima. Und sollte sich das wieder ändern, werden wir dann sehen was wir tun können.

Woran, meinen Sie, hat es gelegen, dass es nicht geklappt hat?

Ich denke, es war die emotionale und soziale Reife, die noch gefehlt hat. Ein Altersunterschied von bis zu drei Jahren zu den Klassenkameraden ist einfach doch sehr viel. Sicherlich hat auch die Trennungssituation zu Hause ihren Teil dazu beigetragen.

Was würden Sie mit Ihrer Erfahrung nun anderen Müttern raten, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen?

Hört auf euer Mama-Herz. Ich hatte immer vollstes Vertrauen in die Schule meines Sohnes und in die Pädagogen. Das ist so unfassbar viel wert.

Aufgrund unserer Geschichte würde ich dennoch nicht sagen, dass eine vorzeitige Einschulung grundsätzlich falsch oder richtig ist. Das Thema Schule ist so ein sensibles und kann nur sehr individuell betrachtet und entschieden werden. Und wer kann sich besser in sein Kind einfühlen als die Mama?

Was wünschen Sie sich für Ihr Kind?

Also was die Schule angeht, hat sich nun (wieder) alles bereits erfüllt. Er geht gerne in die Schule, hat wieder Spaß am Lernen gefunden, hat eine tolle Zeit mit seinen Freunden und ist ansonsten genau der Lausbub, der man mit 8 Jahren sein sollte. Da kann der Wunsch nur sein, dass es genau so bleibt. Und ich werde genau dafür immer bestmöglich Sorge tragen.