Ein Puppenhaus für Erwachsene?

  • Während Männer an ihren Modelleisenbahnen werkeln, ist aktuell das feminine Pendant dazu auf dem Vormarsch.
  • Puppenhäuser mit allem, was an Ausstattung dazugehört, kreieren diese vier Bastlerinnen selber.
  • Von Upcycling bis zum 3D-Druck ist alles dabei.
Helene Kilb
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In einer Ecke des Zimmers steht ein Vitrinenschrank, auf dessen Türen zarte Blumenmuster aufgemalt sind, davor steht ein Strauß mit pastellfarbenen Hortensien. In seinem Inneren beherbergt der Schrank mehrere Bücher und Porzellangeschirr, an einer der oberen Schranktüren hängt ein kleiner Vogelkäfig. Wer lediglich ein Bild dieses Interieurs vor sich sieht, könnte meinen, einen echten Raum vor sich zu haben – doch das trügt: In Wirklichkeit sind die Möbel und Deko-Objekte, die Maritza Moran gebastelt hat, nur wenige Zentimeter groß. Die Künstlerin ist eine von zahlreichen anderen begeisterten Puppenhaus-Bastlerinnen: Über 1,7 Millionen Instagram-Beiträge lassen sich bisher unter dem Hashtag „miniatures“ finden, ähnlich viele unter dem Hashtag „dollhouse“. Auch die zahlreichen Zubehör-Shops auf der DIY-Plattform Etsy, Miniaturgärten oder der Food-Trend Tiny Cooking, bei dem mit echten Lebensmitteln Mahlzeiten im Miniformat zubereitet werden, zeigen: Die wirklich kleinen Dinge des Lebens erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Das Kind in sich erhalten

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Aber warum faszinieren Miniaturen so sehr? „Sie sind Abbildungen der Wirklichkeit“, erklärt der Psychologe Ralph Schliewenz. Er ist Vorstandsmitglied der Sektion Klinische Psychologie innerhalb des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). „Je mehr wir eine Miniatur selbst mitgestalten, desto eher entspricht sie einer Welt, wie sie uns gefällt.“ Darüber hinaus sei man nie zu alt, sich einen Teil seiner Kindheit zu bewahren – egal, ob in Form von Modelleisenbahnen oder Puppenhäusern.

„Ich gestalte Räume, in denen ich selbst gerne leben würde“, sagt auch die Künstlerin Maritza Moran. „Oft habe ich das Gefühl, im falschen Jahrhundert geboren zu sein.“ Den eleganten französischen Landhausstil des 18. Jahrhunderts lässt sie daher in ihren Miniaturen aufleben. Das handwerkliche Geschick liegt ihr in den Genen: Ihre Mutter arbeitete als Malerin, während ihre Großmutter sie das Nähen, Sticken und Spitzeklöppeln lehrte. Ihr erstes Puppenhaus baute sie im Jahr 1992, um es an ihre damals noch ungeborene Tochter weitergeben zu können. Bald darauf machte sie ihr Hobby zum Beruf und stellt seither Möbel, Kleider oder ganze Räume im Maßstab 1:12 her – in echter Detailarbeit: „Ein Möbelstück kostet mich manchmal ein bis zwei Wochen Arbeit“, sagt sie.

Kunst aus Abfällen

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Anders als bei virtuellen Freizeitbeschäftigungen sei ein solches Hobby real-haptisch, „es ist entspannend, hinterher ist man stolz, etwas geschafft zu haben“, sagt der Psychologe Ralph Schliewenz. Das sagt auch Tessa van Acker, die ihre Bastelfortschritte auf ihrem Blog Miniature House teilt. „Ich liebe es, mit einer Vielzahl von Materialien und Techniken zu arbeiten“, sagt sie. Ihre Leidenschaft begann eher zufällig: In der Stadtbibliothek entdeckte sie ein DIY-Buch über Miniaturen. Daraufhin kaufte sie ein Baukastenset für ein Häuschen, das sie nach und nach ihren eigenen Wünschen anpasste. In den Miniräumen hat sie die Wände tapeziert, Kabel für elektrische Lämpchen verlegt und sie mit Möbeln und Deko aus Papier, Karton, Holz und Stoff ausgestattet. Die Fassade ihres Häuschens hat sie für eine Ziegelsteinoptik mit lauter kleinen Schleifpapierstreifen beklebt.

Sigrid Kusirek, eine Bastlerin aus Österreich, denkt dabei noch einen Schritt weiter. Für ihre Puppenhäuser im angesagten Shabby-Chic-Stil recycelt sie vieles, was sich im Alltag an Abfällen ansammelt. „Bodenbeläge, die wie Natursteine aussehen sollen, mache ich aus Eierkartons“, erzählt sie. Plastik-Sichtfenster von Verpackungen werden zu Scheiben im Miniatur-Wintergarten. Darüber hinaus benutzt Sigrid Kusirek Finnpappe und Holz, um kleine Möbel zu bauen, durchsichtige Perlen für Kristall-Lüster, Fimomasse für Geschirr und Essen. Betten, Stühle, Tische und Ziergitter für die Fenster lötet sie aus Kupferdraht. „Ich denke nur in Miniatur“, sagt sie. „Ich sehe etwas und habe es in Gedanken schon im Maßstab 1:12 nachgebaut.“

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Training fürs Gehirn

Ähnlich geht es Susan Kendall: In ihrem Shop Mollysue Miniatures findet sich von der Standuhr über den Retroherd mit goldenen Drehschaltern bis hin zur Zimmerpflanze nahezu alles, was das Sammlerherz begehrt. Anders als viele andere Puppenhaus-Liebhaberinnen arbeitet sie allerdings am Computer: Alle Miniaturen entwirft sie mit einem Grafikprogramm und erstellt sie mithilfe eines 3D-Druckers. „Ich mochte es schon immer, mich mit Software zu beschäftigen und finde, es ist eine gute Möglichkeit, mein Gehirn zu trainieren“, sagt sie.

Doch egal, wie die Miniaturen letztlich entstehen: Es ist auf jeden Fall ein ernstzunehmendes Hobby, wie der Psychologe Ralph Schliewenz betont. „Die einzige mögliche Gefahr, die ich sehe, ist dabei höchstens, wenn es sich zu einer Sucht auswächst, die den Betroffenen hindert, das wahre Leben zu leben“, sagt er. Allerdings glaube er nicht, dass es in vielen Fällen dazu komme.

Helene Kilb/RND


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