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Ein Experte erklärt: So gelingt Eltern und Kindern gemeinsam der Übergang von der Kita in die Schule

  • Das neue Schuljahr steht in den Startlöchern.
  • Und nicht nur Corona bereitet vielen Eltern Sorgen.
  • Diplom-Psychologe Wilfried Griebel erklärt im RND-Interview, wie Eltern ihre Kinder bestmöglich unterstützen können - gerade beim prägenden Übergang von der Kita in die Schule.
Leonie Schulte
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Hannover. Der Beginn der Schule ist für viele Kinder ein prägendes Erlebnis. Eltern stellt sich die Frage: Wie können sie ihrem Kind den Wechsel von der Kita in die Grundschule erleichtern? Diplom-Psychologe Wilfried Griebel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München ist Experte für Transitionen - also den Übergängen von der Familie in die Kindertagesstätte und von der Kita in die Grundschule. Im Interview mit unserer Redaktion sagt der Experte, wie Eltern und Kindern der Schritt gelingt - und zwar gemeinsam.

Herr Griebel, werden Kinder ins Corona-Schuljahr 2020/21 anders starten als sonst?

Davon gehe ich aus: Die Fragen um das wann und wie der Wiederöffnung von Kitas und Schulen haben die Öffentlichkeit und in erster Linie die Familien in den vergangenen Monaten unentwegt beschäftigt und auch belastet. Allgemein nehme ich an, dass Unsicherheiten, die an sich normal sind, gestiegen sein dürften, zumal es nicht allen Kindern und Familien in der Zeit des Lockdowns gut gegangen ist. Dafür sprechen zum Beispiel gestiegene Zahlen von Anrufen bei Eltern- und Kinderetelefonen.

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Werden coronabedingte Maßnahmen, wie etwa die erweiterte Maskenpflicht in NRW, den Kindern den Start in der Schule noch weiter erschweren?

Die Kinder sind dabei, die Schulsprache zu lernen und sich laut und deutlich auszudrücken, und sie kommunizieren sehr stark über Mimik – beides wird erschwert und stellt hohe Anforderungen an die sprachliche Interaktion. Man denke auch an die mehrsprachigen Kinder.

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Brauchen Kinder in der Grundschule eine ähnliche Eingewöhnungskultur, wie wir sie aus Kindergärten kennen?

Ich finde, ein Kind wird eingewöhnt, das klingt so passiv. Besser ist es doch davon zu sprechen, dass sich ein Kind in der Schule einlebt. Dann wird deutlicher, dass es einen Teil zur Veränderung beiträgt. Keine Gruppe ist wie die andere, sie wird konstituiert von den Kindern, die dort hinkommen, von dem, was sie mitbringen. Sprechen wir von Einleben, hat man einen vollständigeren und offeneren Blick für das, was da geschieht, wenn die Kinder diesen Übergang von der Kita in die Schule vollziehen.

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Was genau passiert denn bei diesem Übergang?

Die Kinder machen einen Identitätswechsel, sie werden von einem Kindergartenkind zum Schulkind. Das hat mit großen Gefühlen zu tun. Im positiven Sinne wie Stolz, Freude, Neugier, aber es sind auch andere Gefühle wie Unsicherheit, auch ein bisschen Trauer, Abschied — das gehört beides immer dazu. In der Kita gehören sie zu den Ältesten, in der Schule fangen sie wieder bei den Jüngsten an. Da müssen sei sich also noch mal neu orientieren. Da sind Freundschaften unter den Kindern wahnsinnig wichtig, es macht den Kindern den Start leichter, wenn sie schon andere Kinder kennen.

Wie können wir Erwachsene, also Eltern aber eben auch Erzieher und Lehrkräfte, den Kindern helfen, mit diesen großen Gefühlen bestmöglich umzugehen?

Fast alle Kindergärten und Schulen machen vorbereitende Maßnahmen, wie Unterrichtsbesuche oder auch Besuche der Schulkinder in den Kitas. Patenmodelle, etwa Drittklässler, die je einem Erstklässler zugeordnet werden, helfen auch beim Start in der Schule. Das Wichtige ist, dass Kita, Schule und Eltern miteinander ins Gespräch kommen und überlegen: Was können wir für unsere Kinder tun? Ob und wie genau diese Zusammenarbeit aussieht, ist aber höchst unterschiedlich. Es gibt keine Behörde, die das beaufsichtigt. Es hängt also von den Akteuren vor Ort ab, wie sie das Ganze mit Leben füllen.

Sollten Eltern nach ein paar Tagen oder Wochen ein erstes Feedback bei der Lehrkraft einfordern?

Zunächst wählen ja Eltern auch eine Elternvertretung. Ich fände es gut, wenn man die Kultur, die man aus den Kitas kennt, in die Schule mitnimmt und die Gruppe lebhaft zusammenhält. Bleibt Feedback aus, kann die Elternvertretung ein Ansprechpartner sein. Rückmeldungen der Lehrkräfte etwa an Elternabenden sind sehr wichtig. Wie das im kommenden Schuljahr praktisch aussehen wird, bleibt fraglich. Der Bedarf ist sicher stärker noch als sonst, weil die Unsicherheit der Eltern auch gestiegen ist.

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Wie kann ich gerade als Elternteil mein Kind in der Schule gut begleiten?

Die Eltern bewältigen ja selber einen Übergang. Gerade beim ersten Kind werden die Eltern eines Kita-Kindes zu Eltern eines Schulkindes. Und die müssen sich auch auf der Identitätsebene mit sich auseinandersetzen und sehen: Ja, jetzt kommt auch auf mich eine ganze Reihe von Veränderungen zu. Auch Eltern haben starke Gefühle — und viele Fragen. Sie werden sich zum Bespiel fragen, wie sie gut mit der Lehrkraft und mit den anderen Eltern zurechtkommen können. Die Schule ist auch sehr mächtig, sie hat großen Einfluss auf den Tages-, Wochen- und sogar den Jahresablauf. Eltern müssen sich zum Beispiel mit sechs Wochen Sommerferien arrangieren. Das heißt: Dieser Übergang ist tatsächlich eine Familienangelegenheit.

Was kann also Eltern helfen, mit diesen großen Gefühlen zurecht zukommen?

Informationen sind sehr wichtig. Studien zeigen, wie wichtig es für Eltern ist zu wissen, was wirklich auf sie zukommen wird. Kommunikation ist also entscheidend. Je offener das Verhältnis zwischen Lehrkraft und Elternschaft ist, desto eher sind die Eltern beruhigt. Aber aufgrund der coronabedingten Schließungen sind viele Maßnahmen weggefallen. Das heißt, dass die Eltern, die in aller Regel schon aufgewühlt sind, weil ihr Kind in die Schule kommt, jetzt umso mehr Fragen zum Start haben.

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Wie können Lehrkräfte das zum Start des neuen Schuljahres auffangen?

Eine Patentlösung habe ich nicht. Aber wir müssen damit rechnen, dass es eine noch stärkere Unterschiedlichkeit der Kinder gibt, die jetzt als Gruppe in der Schulklasse zusammenkommen. Es wird sich deutlich von der Routine, die die Lehrerinnen und Lehrer eigentlich haben, unterscheiden.

Eltern machen sich oft Sorgen, dass der Schulstart holprig wird — oder gar nicht gelingt. Was sind mögliche Gründe dafür?

Die soziale Situation ist wichtig, also wie gut sich Kinder in Gruppen integrieren können. Und dann spielt auch das unterschiedliche Alter eine Rolle. Manchmal werden Kinder vom Schulbesuch auch zurückgestellt. Manchen geht es zu plötzlich, anderen geht es nicht schnell genug. Das kann dazu führen, dass dann viele ältere Jungen in die Klassen kommen und jüngere Mädchen. Gerade Jungen werden nämlich häufiger zurückgestellt. Das kann dazu führen, dass sich in den Klassen eine entsprechende Dynamik entwickelt. Das muss man als Lehrkraft erst einmal in den Griff bekommen. Dann gibt es Kinder, die in irgendeiner Form Handicaps haben und da muss man sich überlegen, wie man damit gut umgehen kann. Und es gibt Kinder, die wenig Erfahrung mit der Selbstorganisation haben und es ihnen deshalb in der Schule schwer fällt mitzukommen. Ungefähr ein Sechstel aller Grundschüler hat einen schweren Start.

Hat dieses Sechstel Schwierigkeiten beim Start oder in der ganzen Schulzeit?

Beim Start. Aber es ist davon auszugehen, dass sich das jetzt in der Extremsituation unter Corona verschärft.

Geht das dann auch über die Grundschulzeit hinaus?

Wir wissen, dass bei Kindern, die am Start der Schule Schwierigkeiten haben, die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sich die Schwierigkeiten durch die Grundschulzeit ziehen. Gerade schüchterne, zurückhaltende Kinder fallen oft nicht auf. Sie halten sich zwar an die Regeln, aber wirkliche Freundschaften zu entwickeln oder Bildungsangebote für sich zu erschließen, fällt ihnen schwer. Das ist eine Gruppe, die man gut im Auge behalten muss.

Wie viel Begleitung sollen Eltern unseren Kindern anbieten? Schnell heißt es ja: Schon wieder so eine Helikopter-Mutter!

Es ein Aushandlungsprozess. Eltern sind genauso unterschiedlich wie die Kinder. Manche sind fordernd, weil sie sehr anspruchsvoll sind, andere aus einer Unsicherheit heraus. Wenn Eltern Einsicht haben in das, was in der Schule passiert, fällt es ihnen leichter Vertrauen zu entwickeln. Auch hier wieder: Kommunikation und Partizipation der Eltern ist wichtig.

Schade ich denn meinem Kind, wenn ich es bis zum Klassenraum begleite?

Ganz wesentlich ist die Beziehung zum eigenen Kind. Will das Kind das und wünscht es sich das? Es kann ja auch sein, dass das dem Kind furchtbar peinlich ist. Dann würde ich mich immer mit anderen Eltern und der Lehrerin oder dem Lehrer beraten. Es gibt in manchen Schulen diese Bilder mit der Hand, wo es heißt: Ab hier schaffe ich es allein. Eine Botschaft für die Eltern also, um hier eine Grenze zu ziehen. Ich glaube nicht, dass das grundsätzlich die beste Lösung ist. An manchen Schulen, gerade an Brennpunkten, kann die Beteiligung der Eltern sogar immens dazu beitragen, dass erstmals so ein Gefühl entsteht von: Diese Schule ist ein guter Ort.

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