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Mein Sohn, der Drogendealer: Wenn aus dem fröhlichen Kind ein zorniger Mann wird

  • Eigentlich hatte Claras Sohn ein liebevolles Zuhause. Er war ein fröhliches Kind und wollte Profi-Sportler werden.
  • Nun ist er 24 Jahre alt, lebt vermutlich auf der Straße, verkauft und konsumiert Drogen.
  • Wie konnte es so weit kommen? Die Geschichte einer verzweifelten Mutter, protokolliert von Katharina Nachtsheim.
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Mein Name ist Clara und ich möchte Euch von meinem Sohn erzählen. Mein Sohn ist 24 Jahre alt. Ein junger Mann, der früher mal ein fröhliches, blitzgescheites Kind war und alles hatte, was man sich nur wünschen konnte. Er war ein kontaktfreudiges Kind, das sich für alles interessierte. Er war geliebt und beliebt für sein hilfsbereites, empathisches Wesen.

Im Alter von 12 Jahren fing er an, sich zu verändern. Er wollte nicht mehr in die Schule, seine Noten wurden schlechter – er zeigte aggressives Verhalten. Zunächst dachte ich, das sei die Pubertät – aber als sich die Auffälligkeiten häuften, gingen wir zu einer Beratungsstelle des Kinderschutzbundes. Es gab viele Gespräche mit Lehrern, Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen. Die Schulzeit war ab dann geprägt von Schuldzuweisungen – an die Lehrer, die Mitschüler und besonders an mich.

Traum vom Leistungssport platzt

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Mein Sohn ist eigentlich sehr geistreich und kreativ, aber er schaffte es nicht, seinen Lernalltag zu organisieren und sich auf eine Sache zu konzentrieren. So kam es, dass er mehrere Schulen verlassen musste.

Mein Sohn machte leidenschaftlich Sport, träumte davon, Leistungssportler zu werden. Als er dem Jugendbereich entwachsen war, schaffte er es aber nicht, in den Profi-Kader aufgenommen zu werden. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen gab es innerhalb der Mannschaft Funktionäre, die ihre eigenen Kinder nach vorne brachten, aber vor allem stand ihm sein rechthaberisches und aufbrausendes Wesen im Weg. Dass er nicht in den Profi-Kader aufgenommen wurde, war ein schwerer Schlag und eine große Verletzung für meinen Sohn.

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Mit den Drogen kommen Probleme

Bis dahin hatte mein Sohn keinen Kontakt mit Drogen, weil er ja auch regelmäßig in die Doping-Kontrolle musste. Nach dem sportlichen Aus fing er an, Cannabis zu konsumieren. Das verstärkte seine mentalen Probleme. Er konnte sich kaum noch konzentrieren, war sehr unruhig, verstieß ständig gegen Regeln. Er war nicht mehr in der Lage, sich Ziele zu setzen und diese Schritt für Schritt anzugehen. Er konnte keine Ordnung mehr halten – und damit meine ich nicht die übliche jugendliche Unordnung. Er entwickelte eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber Schmutz, Müllbergen und Maden im Kühlschrank.

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Er schaffte den Führerschein nicht, weil er schon die Organisation der Fahrstunden und die Anmeldung zur Prüfung nicht geregelt bekam. Er öffnete keine Briefe und bezahlte keine Rechnungen mehr.

Plötzliche Verhaltensänderungen

Natürlich habe ich versucht, ihm zu helfen. Ich sagte: “Ich zeige dir, wie es geht, danach machst Du es selbst. Wenn es Probleme gibt, melde dich rechtzeitig, dann gucken wir gemeinsam, was man da machen kann.” Doch das wollte er nicht. Ich hörte nur noch: “Misch dich nicht ein” und “Lass mich in Ruhe.” Wenn dann wieder etwas total schief ging, war er frustriert und warf mir vor, ihn im Stich zu lassen.

Das psychische Auf und Ab wurde heftiger. Manchmal war mein Sohn voller Tatendrang und neuer Ideen, ganz aufgedreht und sehr witzig. Oft haben wir dann zusammen gekocht, geredet und Tränen gelacht. Dann zog er sich wieder zurück, schlief nur und war völlig antriebslos. In solchen Phasen hat er auch schon geäußert, das Leben sei eigentlich sinnlos. Das ließ mich an eine bipolare Erkrankung denken. Auffällig fand ich auch, dass mein Sohn, der immer gesellig war und viele Freunde nach Hause gebracht hat, inzwischen meistens allein war.

Auf dem Weg zum Tiefpunkt

Mein Sohn fing dann diverse Ausbildungen an, brach sie ab und hielt sich mit Aushilfsjobs über Wasser. Ich weiß auch, dass er mittlerweile Drogen verkauft. Er wirkte sehr düster und wurde zunehmend aggressiv, wobei sich die Ausdrucksformen steigerten. Ein sachliches Gespräch war nicht mehr möglich. Er kam vom Hölzchen aufs Stöckchen, wechselte das Thema, warf mit Schuldzuweisungen um sich, generalisierte oder pöbelte. Er beleidigte mich, brüllte mich an, später trat er auch mal die Tür ein und sagte: “Ich steche dich ab.”

Ich glaube, dass mein Sohn medizinische und psychiatrische Hilfe braucht. Manchmal schaffte ich es, ihn zu einem Termin in einer Praxis zu überreden. Kam der Tag dann, hat er den Termin entweder geschwänzt oder in der Praxis den netten jungen Mann vorgespielt. Ihm fehlt jede Einsicht, dass sein Verhalten ihm und anderen schadet. Seit er über 18 ist, sind mir vom Gesetz her die Hände gebunden. Von der Polizei oder Ärzten erfahre ich nichts über ihn und darf auch nichts mehr für ihn tun.

Hoffnung auf einen Neuanfang

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Und so dreht sich die Abwärtsspirale weiter. Aus meinem fröhlichen Kind ist ein zorniger Mann geworden. Momentan haben wir keinen Kontakt. Nachdem er seine Wohnung ins Chaos gestürzt hat, wieder die Polizei auf der Matte stand und er mich bedroht hat, habe ich einen Cut gemacht. Der tat weh, musste aber sein. Ich habe ihm gesagt: “Meine Tür öffnet sich sofort wieder, wenn Du Dich in Behandlung begibst. Aber so kann ich nicht mehr.” Ich weiß nicht, wo er heute lebt. Ich vermute auf der Straße.

Es bricht mir das Herz. Obwohl mein Sohn heute behauptet, er hätte ein schreckliches Zuhause gehabt, weiß ich, dass es liebevoll und aufmerksam war. Und doch zermartere ich mir das Hirn, was ich falsch gemacht habe. Vor allem werfe ich mir vor, dass ich nicht früher ärztliche Hilfe gesucht habe, damals, als er noch nicht volljährig war und ich noch konnte. Heute kann ich nur noch zusehen und hoffen, dass er irgendwann bereit für einen Neuanfang ist. Dann werde ich ihn in den Arm nehmen, ihm Mut machen und ihm sagen, dass er auf mich zählen kann, weil er mein Kind ist und ich ihn liebe.

RND/protokolliert von Katharina Nachtsheim

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