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  • Digitaler Unterricht und Homeschooling: Tablets, PCs, passende Konzepte - Schulforscherin erklärt, was wichtig ist

Schulforscherin: “Ein Arbeitsblatt als Download macht noch keinen digitalen Unterricht aus”

  • Um Kindern und Jugendlichen digitale Kompetenz zu vermitteln, reicht die Ausstattung mit Tablets und Computern an Schulen nicht aus, sagt die Schulforscherin Prof. Birgit Eickelmann.
  • Die Pandemie beschleunige an Deutschlands Schulen zwar den digitalen Wandel, sagt die Expertin im RND-Interview.
  • Es brauche jetzt aber mutige Schulleiter, passende pädagogische Konzepte und die Unterstützung aus der Politik.
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Mit der Coronavirus-Pandemie ist die Digitalisierung in Deutschlands Schulen plötzlich beschleunigt. Schüler und Lehrer sind ins Homeschooling ausgewichen. Dabei hat vieles verblüffend gut geklappt und vieles hätte besser laufen können.

Prof. Birgit Eickelmann, die am Lehrstuhl Schulpädagogik an der Universität Paderborn ansässig ist, hat eine groß angelegte Studie (ICILS) geleitet, bei der sie Schulen ausgemacht hat, die digitale Kompetenzen besonders erfolgreich vermitteln. Auch in Kooperation mit der Vodafone-Stiftung hat sie eine Studie zum Thema begleitet, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) verrät sie das Erfolgsrezept dieser “digitalen Optimalschulen”. Die Digitalexpertin mahnt: Schulen sollten jetzt dringend Konzepte für Herbst und Winter entwickeln.

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Frau Prof. Eickelmann, Sie haben Schulen unter die Lupe genommen, bei denen bereits vor den coronabedingten Schulschließungen digitales Lernen erfolgreich war. Was machen diese Schulen besonders gut?

Die Länder sind nach den Erfahrungen der ersten Monate in der Corona-Pandemie nun mit sehr viel Nachdruck dabei, die Schulen besser mit digitalen Endgeräten auszustatten. Das ist wichtig. Denn: Keine Frage, in Deutschland haben wir da sehr großen Nachholbedarf. Vielerorts fehlt es nach wie vor an schulischem WLAN-Zugang und Ausstattung.

Unsere Studie “Digitales Potenzial” hat aber gezeigt, dass es bei Digitalisierungsprozessen vor allem auf die Qualität der Ausstattung, auf die pädagogische Passung ankommt und eben längst nicht nur auf die Quantität. Das leuchtet auch ein: Nur weil ich vielleicht ein Tablet statt eines analogen Schulbuchs nutze, heißt das noch lange nicht, dass die Schülerinnen und Schüler dadurch besser lernen. Es kommt auf das pädagogische Setting an.

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Prof. Birgit Eickelmann ist Schulpädagogin und forscht zum digitalen Lernen. Sie ist Leiterin des Nationalen Forschungszentrums der Studie ICILS 2019. © Quelle: Privat

Was braucht es dann?

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Für die Schulen ist es wichtig, eine gemeinsame Vision davon zu haben, wie sie Lernen und Lehren in einer von Digitalisierung geprägten Welt gestalten wollen. In unserer Studie fällt zudem auf, dass Lehrkräfte an den digital erfolgreichen Schulen überdurchschnittlich häufig gezielte Fortbildungen zum Einsatz digitaler Medien besuchen, die zu ihrem Fachgebiet passen – also etwa Deutsch, Englisch, Biologie oder Sport.

Dahinter steckt die Frage: Wie kann ich digitale Medien bestmöglich in meinen Unterrichtsfächern so einsetzen, dass die Schülerinnen und Schüler davon profitieren? Das scheint offensichtlich ein Erfolgsrezept zu sein.

Lernprozesse eigenständig gestalten – in der Schule und zu Hause

Was macht guten digitalen Unterricht aus?

Ein Arbeitsblatt als Download macht noch keinen digitalen Unterricht aus. Die Lehrkräfte an unseren digitalen Optimalschulen schöpfen die Potenziale digitaler Medien zur Individualisierung von Unterricht aus und setzen diese zum Beispiel gezielt zum Präsentieren von Informationen ein. Ein Grundstein ist auch, dass an diesen Schulen grundlegende Computerkompetenzen fokussiert werden, zum Beispiel der Umgang mit Office-Anwendungen. Das ist nach wie vor für viele ein wichtiger Teil von digitalen Kompetenzen.

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Wir wissen, dass ein Teil der Schülerinnen und Schüler zwar klicken und am Bildschirm wischen kann. Aber was vor allem an den nicht gymnasialen Schulen oft fehlt, ist der Umgang mit Textverarbeitungsprogrammen oder Tabellenkalkulationen und anderen Anwendungen, die das Lernen unterstützen und auch für viele Berufe relevant sind.

Einzelne Klassen, Jahrgangsstufen, Schulstandorte mussten gerade vielerorts in Deutschland wegen Corona wieder schließen. Was sollte im Herbst besser laufen als im Homeschooling-Frühjahr?

Für die Digitalisierung im Schulbereich hat in Deutschland die Pandemie derzeit eine starke beschleunigende Wirkung. Jedoch muss man auf die Qualität des Lehrens und Lernens achten. Und auch, wenn die Technologien im Lernraum Schule nicht im Vordergrund stehen sollen, ist es ein gutes Zeichen, dass wir nun dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten zum Lernen ausgestattet werden. Allerdings darf man auch nicht zu euphorisch sein. Endgeräte alleine reichen nicht. Wir haben in der Zeit der Schulschließungen gesehen, dass längst nicht alle Kinder und Jugendlichen über einen ausreichenden WLAN-Zugang zu Hause verfügen.

Wenn wir jetzt in Ausstattung investieren, kann es besser gelingen, die Schülerinnen und Schüler auch in der Pandemiezeit in die Lernprozesse einzubinden, etwa mit Onlinelerngruppen oder datenschutzkonformen Messengerdiensten. In der ersten Pandemiephase wurde sichtbar, dass Schulen, die in der Digitalisierung weiter fortgeschritten waren, es einfacher hatten, ein gutes Lernangebot zu unterbreiten. Wichtig ist aber auch, dass die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen entwickeln, selbstständig zu lernen und ihre Lernprozesse eigenständig zu organisieren. Das hatten wir auch etwas aus den Augen verloren.

Auch in Corona-Zeiten anbieten: Einzelarbeitsplätze in der Schule

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Wie können Schulen Kinder und Jugendliche mitnehmen, die bislang nicht technisch ausgestattet wurden?

Ein gutes Konzept, das an einigen Schulen eingerichtet wurde, sind sogenannte “study halls”. Diejenigen, die zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz oder keinen Zugang zum Internet hatten, konnten trotzdem in die Schulen kommen und an Einzelarbeitsplätzen arbeiten. Diese müssen dann natürlich den Hygieneauflagen entsprechen.

Das Wichtigste ist derzeit, dass sich die Schulen bereits jetzt auf verschiedene Situationen vorbereiten und einstellen. Im Moment haben wir beispielswiese viele Quarantänesituationen und wichtig ist, sich hier Gedanken zu machen und vorab Konzepte zu entwickeln, wie der Unterricht dann trotzdem fortgeführt werden kann und alle Schülerinnen und Schüler unter diesen schwierigen Umständen weiterhin gut erreicht werden.

Sind die Lehrkräfte ausreichend digital vernetzt, um Distanzlehre gewährleisten zu können?

Die Vernetzung ist sehr wichtig, braucht aber auch Rahmenbedingungen. Wir wissen schon aus der ICILS-2018-Studie, dass beispielsweise längst nicht alle Lehrkräfte in Deutschland eine dienstliche E-Mail-Adresse haben. Daran und an anderen Dingen wird deutlich, dass Schule oft noch kein moderner, digitaler Arbeitsplatz ist.

Digitale Schule: Lehrer und Schulleitung sind gefragt

Welche Rolle nimmt bei diesem Prozess die Schulleitung ein?

Das Gelingen schulischer Innovation steht und fällt mit der Schulleitung. Bei Innovationsprozessen braucht es einen guten Kapitän. Oder eine gute Kapitänin. Es sind vor allem die Schulen erfolgreich, die eine starke Schulleitung haben und auf die Bedarfe der Lehrkräfte und der Lernenden eingehen. Wichtig ist eine gemeinsame Vision vom Lernen und damit auch vom Einsatz digitaler Medien. Das scheint den digitalen Optimalschulen gut gelungen zu sein.

Das ist nicht reine Aufgabe der Landesbehörden?

Man muss hier unterscheiden. Die administrative Ebene hat hier die Aufgaben, Schulen in ihren Entwicklungen zu unterstützen. Aber klar ist auch: Schulen haben eine unglaublich große Verantwortung und müssen ihre Prozesse unter gegebenen Rahmenbedingungen bestmöglich gestalten. In der Krise ist aber auch deutlich geworden, dass es sich lohnt, in Bildung zu investieren.

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