„Die Puppen und ich – das war Liebe auf den ersten Blick“

  • Eine Stoffpuppe veränderte das Leben von Anna Toporkova (32) aus der russischen Großstadt Ufa.
  • Die dreifache Mutter erzählt, warum sie ihre Kinder nicht in Kita und Schule schickt.
  • Ein Gespräch über Elternzeit in Russland, die Leidenschaft zum Nähen und die Faszination Waldorfpuppen.
Silia Wiebe
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Frau Toporkova, in Deutschland kehren die meisten Mütter nach zwölf Monaten Elternzeit zurück in den Job. Wie ist das in Russland?

Bei uns haben Frauen ein Recht auf Elternzeit, bis ihr Kind drei Jahre alt ist. Geld bekommt man aber nur die ersten anderthalb Jahre und auch nur 40 Prozent vom bisherigen Einkommen. Weil der öffentliche Kindergarten erst mit drei Jahren beginnt, bezahlen viele Eltern eine private Kita. Meine Kinder sind sieben, fünf und drei, ich müsste demnächst wieder als Russisch- und Englischlehrerin arbeiten. Aber alles kam anders. Ich bin jetzt eine Puppenmacherin, stehe morgens um 5 Uhr auf und nähe. Wenn meine Kinder aufwachen, mache ich ihnen Frühstück, dann lernen und spielen wir.

Gehen ihre Kinder nicht in die Kita oder Schule?

Nein, sie besuchen keine öffentliche Einrichtung. Die Große geht zweimal die Woche halbtags in ein privates Familienzentrum, wo sie mit Gleichaltrigen Lesen und Rechnen lernt und Sport treibt. Den Rest der Woche unterrichte ich sie zu Hause. In Russland gibt es keine Schulpflicht. Nur einmal im Jahr prüft die Schulbehörde die Wissensgrundlagen der Home-Schooling-Kinder.

Was spricht für Sie gegen Schule und Kindergarten?

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Unser Schulsystem ist nicht das beste, kurz gesagt. Und in unserer Nachbarschaft wohnen so viele junge Familien mit kleinen Kindern, dass die öffentlichen Kindergärten überfüllt sind. Das Personal ist aufgrund der niedrigen Gehälter nicht immer ausreichend qualifiziert. Ich glaube, dass es meiner zweiten Tochter nicht guttut, mit 30 oder 35 anderen Dreijährigen von morgens bis abends unter der Aufsicht einer einzigen Kindergärtnerin zu sein. Es ist schöner für uns alle, wenn wir in Ruhe zu Hause Bücher lesen, basteln, kochen oder einfach nur herumtollen. Weil ich wegen des Jüngsten ohnehin nicht arbeiten kann, wüsste ich nicht, warum ich die beiden Großen fremdbetreuen lassen sollte. Viele Mütter machen es so wie ich.

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Sie kümmern sich den ganzen Tag um drei Kinder. Das ist mindestens so anstrengend wie ein Arbeitstag als Lehrerin, oder?

Das Einzige, was mich wirklich Energie kostet, sind die Streitigkeiten der Kinder untereinander. Alles andere genieße ich. Für unseren Alltag ist wichtig, dass ich den Tagesablauf genau strukturiere. Als ich vor einigen Jahren nach Ritualen und Ideen suchte, entdeckte ich die Waldorfpädagogik, die in Russland ziemlich unbekannt ist. Seitdem kneten wir mit Kerzenwachs, malen, backen, zupfen Wolle. Das tut den Kindern gut.

Entdeckten Sie so auch die Waldorfpuppen und Ihre große Leidenschaft?

Ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Das Besondere an diesen Stoffpuppen ist: Sie haben nur angedeutete Gesichter, damit die Kinder im Spiel mit der Puppe selber entscheiden können, ob ihr Puppenkind gerade traurig oder fröhlich ist. Auch die Einfachheit und die nachhaltigen Materialien sprechen mein Herz an. Ich wusste: Ich möchte eine so schöne Puppe für meine Tochter nähen.

Schon um 5 Uhr morgens steht Anna Toporkova auf, um Puppen zu nähen, verrät sie im Interview. © Quelle: privat
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Sie konnten bereits nähen, aber wo haben Sie die ganzen speziellen Utensilien aufgetrieben: Schafswolle zum Ausstopfen, Garn für die Haare und den hautfarbenen Stoff bekommt man wahrscheinlich nicht im nächstbesten Geschäft?

Stimmt, hier sind Plastikpuppen angesagt, keine Mutter näht Stoffpuppen selber. Ich musste mir also alle Materialien mühsam zusammensuchen, online und in speziellen Läden. Dann lud ich mir eine Anleitung aus dem Internet herunter, brachte die Kinder ins Bett und mein Herz pochte vor Aufregung, als ich Ruhe hatte und loslegen konnte. Besonders heikel ist der schmale Puppenhals, aber auch eine proportional stimmige Kopfform mit Babybäckchen oder die symmetrisch gestickten Augen sind nicht einfach. Als ich endlich Haarsträhne für Haarsträhne in den Kopf genäht hatte, waren vier Wochen vergangen und meine Fingerspitzen wund.

Aber Ihre erste Puppe war fertig. Wo ist sie heute?

Meistens liegt sie in den Armen meiner Tochter. Die staunte so und war überglücklich, als sie an ihrem vierten Geburtstag eine Stoffpuppe von mir bekam und von meinem Mann ein selbst geschreinertes Puppenbett. Wissen Sie, Waldorfpuppen haben eine unglaublich warme Ausstrahlung. Wenn ich sie anschaue, kommt es mir vor, als hätte ich in meiner Kindheit nicht gründlich genug mit Puppen spielen können. Das kleine Mädchen in mir möchte sie sogleich schön anziehen, drücken und seine Geheimnisse mit ihnen teilen. Bin ich abends traurig oder erschöpft, beginne ich zu nähen. Es inspiriert mich und gibt mir immer aufs Neue Kraft.

Ihre Kinder haben längst jeder eine Stoffpuppe. Nähen Sie trotzdem weiter?

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Seit ich meine Puppen auf Instagram unter leyla_dolls_ präsentiere, bekomme ich Aufträge aus der ganzen Welt. Mein erster Auslandsauftrag kam aus Slowenien. Eine Waldorfkindergärtnerin bestellte drei Puppen auf einmal. Ich war so gerührt. Später kamen Bestellungen aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Neuseeland, Polen und Russland hinzu. Mit jeder Puppe schicke ich etwas von meiner Seele in die Fremde. Das ist schön. Weil ich wenig Freizeit habe, arbeite ich gut drei Wochen an einer Puppe und ihren Kleidern. Ich ziehe sie ja auch an, also nähe ihr Sommerkleid und Wintermantel, Handtasche, Schuhe und Schal.

So sieht ein angefangener Puppenkopf aus. © Quelle: privat

Was sagt Ihr Mann zu Ihrer Leidenschaft?

Er hat sich mit meinem Puppenwahn abgefunden. Nein, im Ernst: Er unterstützt mich, weil er schnell gemerkt hat, dass das Nähen für mich ein wichtiger Ausgleich ist zu meinen Aufgaben als Hausfrau und Mutter. Er hilft mir, die Puppen für den Verkauf auf meinem Instagram-Account und meiner Seite auf Etsy zu fotografieren. Ich bin ihm echt dankbar.

Wie hat Sie das Puppennähen verändert?

Ohne es zu planen, habe ich mich durch die Puppen vielseitig weitergebildet. Ich habe Buchhaltung und Onlinemarketing gelernt, meine Fremdsprachenkenntnisse verbessert, viel über die Harmonie der Farben erfahren und mir Grundlagen im Mode- und Textildesign beigebracht. Bisher reicht das Geld, das ich verdiene, zwar nicht, um drei Kinder zu ernähren. Aber viel wichtiger ist die Wärme in meinem Herzen, die ich auch der Arbeit an meinen Puppen verdanke.