Die Eltern-Kind-Kur: Zwischen Anwendung und Abenteuer

  • Arztgespräche, Therapietermine, Zimmer im Jugendherbergsstil: Eine Eltern-Kind-Kur ist kein Urlaub.
  • Durchgetaktete Tage, die für für freiheitsliebende Individualisten weniger leicht zu verkraften ist.
  • Wer proaktiv handelt und Wünsche klar kommuniziert, kann jedoch das Beste daraus macht.
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Um eines vorab klarzustellen: Eine Eltern-Kind-Kur ist kein kostenloser Erholungsurlaub mit Ultra-all-inclusive-Garantie und 24-Stunden-Kinderbetreuung. Leider. Eine Kur ist ein Klinikaufenthalt mit Arztgesprächen, Therapieterminen, diversen Informationsveranstaltungen und Zimmern im Jugendherbergsstil.

Wer damit leben kann und bereit ist, sich mindestens drei Wochen lang auf neue Menschen, Abläufe und eine andere Umgebung einzulassen, dem sei ein Kuraufenthalt empfohlen.

Aus Erfahrung kann ich sagen: Es gelingt nicht jedem. Denn von allen angereisten Teilnehmenden bei meinem Aufenthalt hat nur rund die Hälfte die Kur bis zum Ende durchgehalten. Ich war eine davon.

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Individualisten haben es schwer

Wenn man es gewohnt ist, ein durchschnittlich autarkes, selbstbestimmtes Leben im eigenen Rhythmus zu führen, ist so ein Kuraufenthalt erst einmal ein Schock. Denn damit ein Klinikapparat reibungslos funktioniert, ist so gut wie alles bis ins kleinste Detail durchorganisiert, minutiös geplant und obliegt strengen Regeln. Das ist zwar bis auf wenige Ausnahmen sicherlich sinnvoll und nachvollziehbar, für freiheitsliebende Individualisten jedoch nicht so leicht zu verkraften.

Es beginnt mit den durchgetakteten Mahlzeiten, die jeden Tag pünktlich um 7, 12 und 17 Uhr einzunehmen sind, und endet damit, dass abends ab 22 Uhr die offizielle Nachtruhe beginnt. Hier heißt es also, sich in Toleranz zu üben und zu lernen, sich einzufügen und anzupassen.

Toleranz ist im Übrigen auch in Bezug auf die Mitpatientinnen und Mitpatienten gefragt. Denn es handelt sich um eine Gruppe unterschiedlichster Charaktere und Persönlichkeiten, mit denen Sie drei Wochen lang mehr oder weniger freiwillig sehr viel Zeit verbringen, sei es bei den gemeinsamen Essenszeiten, bei den Therapien oder im Freizeitbereich. Überall die gleichen Gesichter, jedoch alle mit unterschiedlichen Hintergründen.

Angefangen vom Bundeswehrsoldaten mit posttraumatischem Belastungssyndrom über die alleinerziehende Vierfach-Mum mit Burn-out-Diagnose bis hin zum überlasteten Polizistenpärchen oder dem verwitweten Zwillingspapa. Die Schicksale, die in einer Kurklinik aufeinandertreffen, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Gleiches gilt für die Ziele und Erwartungen, mit denen so eine Kur angetreten wird. Trotzdem sitzen irgendwie alle im selben Boot und nichts ist tröstlicher, als mit seinen Mitpatientinnen und Mitpatienten darüber witzeln zu können, dass sich eine Kur fast ein bisschen so anfühlt wie der Aufenthalt in einem Mädcheninternat.

Wünsche und Ziele klar kommunizieren

Apropos Erwartungen: Ich habe mir im Vorfeld überlegt, was genau mir die Kur bringen soll und wie ich die drei Wochen bevorzugt gestalten möchte. In meinem Fall habe ich mir gewünscht, nach dem ganzen Homeoffice-Homeschooling-Corona-Wahnsinn runterzukommen und mich mal wieder ganz auf mich zu konzentrieren.

Diese Wünsche habe ich von Anfang an klar der Kurärztin mitgeteilt und auch meinen Therapieplan entsprechend darauf zuschneiden lassen. Dieser enthielt, neben einer morgendlichen Laufeinheit, Yoga, Meditation und Achtsamkeitstraining. Darüber hinaus habe ich mir auch freie Zeiten erbeten, um zu wandern, Radtouren zu machen, im See zu baden oder mit meiner neuen Kurfreundin einen Ausflug in den Nachbarort zu machen.

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Ich bin also nicht komplett planlos angereist, um mich drei Wochen lang ohnmächtig meinem Schicksal zu ergeben, sondern bin das Ganze proaktiv mit einer klaren Zielsetzung angegangen.

Am Ende profitieren auch die Kinder

Kinder sind wahre Anpassungskünstler. Dennoch ist es auch für sie eine riesige Herausforderung, drei Wochen lang aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden und sich auf so viel Neues einzulassen. Das klappt nicht über Nacht, weshalb sich auf dem Weg zum Klinikkindergarten allmorgendliche Dramen abspielten. Es wurde geschrien, getobt, geboxt und mit Trinkflaschen geworfen. Drei Wochen später flossen die Tränen, weil die Kur vorbei war – und damit auch die schöne Zeit mit den neuen besten Freundinnen und Freunden, den gemeinsamen Lagerfeuern, den lustigen Spieleabenden, den spannenden Ausflügen, den leckeren „Laugenweckle“, der süßen Klinikkatze und den coolen Stockbetten.

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Am Ende war nämlich doch alles sehr schön – und die drei Wochen waren viel zu kurz. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten, die ich bei so gut wie allen Erwachsenen und ihrem Nachwuchs in der Kur beobachten durfte, war der Aufenthalt für meine Kinder und mich ein riesengroßes Abenteuer, von dem wir noch lange profitieren werden.

Nadine Nentwig arbeitet als Texterin, Bloggerin und Redakteurin. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Ratgeber „Kluge Frauen scheitern anders“ verarbeitet.

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