Kinder willkommen - aber bloß nicht im Café?!

  • Liberal und tolerant – so sehen sich die Deutschen gern. Aber stimmt das?
  • Tierlieb sind die Bundesbürger, autofreundlich auch. Aber bei Kindern scheiden sich die Geister.
  • Ein Essay über eine Gratwanderung, an der zuletzt mehrere Gastronomen gescheitert sind.
|
Anzeige
Anzeige

Darf man Kinder in Restaurants oder Cafés verbieten? Über diese Frage wird gerade heiß diskutiert. Neuester Auslöser: Das Café „Natürlicher Lebensraum“ im Berliner Stadtteil Moabit hat Poller vor seiner Tür angebracht, damit keine Kinderwagen mehr durch die Tür passen. Eltern mit Kleinkindern müssen also draußen bleiben. Weihnachtlich und besinnlich geschmückt und mit der goldenen Aufschrift „Gerne richten wir Ihre individuelle Veranstaltung aus“ auf der Eingangstür.

Ob das auch auch auf Kindergeburtstage zutrifft? Durchaus möglich. Denn in diesem Fall geht es wohl nicht darum, Kinder oder Familien auszuschließen. Das Café sei schlichtweg zu klein, sagte die Inhaberin. Da viele Eltern die angebrachten Einfahrt-Verboten-Schilder für Kinderwagen nicht beachtet hätten, habe sie jetzt Poller installiert.

In den sozialen Netzwerken hagelt es Kritik dafür. Zudem seien die Poller nicht nur für Eltern mit Kinderwagen diskriminierend, sondern auch für Menschen im Rollstuhl.

Auf Facebook zeigt sich die „Rache der Internetnutzer“. In den Bewertungen finden sich fünf Sterne, die vom kleinen Café begeistert sind, aber auch Minimum-Bewertungen, die ihren Unmut gegen die Poller an der Eingangstür äußern wollen.

Schon 2012 hatte ein Café in Berlin (Prenzlauer Berg) Poller gegen Kinderwagen installiert und damit für Empörung gesorgt. Die Vorwürfe galten hier weniger der Diskriminierung von Kindern, sondern der von Rollstuhlfahrern. Das Bezirksamt Pankow hielt den Poller damals für ordnungsrechtlich zulässig.

Anzeige

Kinder, nein danke!

Allerdings gibt es in Deutschland einige Beispiele, bei denen speziell Kinder und Familien verbannt werden sollten.

Anzeige

„Schnullergate“ in Hamburg

Im März dieses Jahres verbot eine Hamburger Unternehmerin Kindern unter sechs Jahren den Zutritt zu ihrem Café „Moki’s Goodies“ im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Aufgebrachte Eltern beschwerten sich über Diskriminierung und Mobbing. Eine andere Unternehmerin erzählte, sie wollte eigentlich ein Meeting in ihrem Lieblingscafé abhalten, entschied sich aber anders, als sie vom Kinderverbot hörte.

Die Cafébesitzerin verteidigte ihr Konzept auf Instagram und verglich es ihrerseits mit Mobbing: „Das Moki’s Goodies ist kein spendenfinanziertes, demokratisches Mutter-Kind-Projekt, sondern ein Restaurant, für das ich mir ein Konzept überlegt, und in das ich mein privates Geld investiert habe.“ Etwas später löschte sie den Post wieder.

Neben aller verbaler Kritik sah sich das Café auch mit Vandalismus konfrontiert. Mit schwarzer Farbe und einem traurigen Smiley wurde die Fassade beschmiert, in weißer Schrift darauf der Schriftzug „Kevin 6 Jahre!“. Langfristig hat es dem Café nicht geschadet. Bewertungen im Internet attestieren „Moki’s Goodies“ mindestens vier von fünf Sternen.

Hier wird man von Vögeln geweckt, nicht von Kindern

Mit diesem Versprechen wirbt schon seit Jahren ein Brandenburger Campingplatz. Der Campingplatz am großen Wentowsee sei für Ruhe-suchende Gäste ab 14 Jahren. Kinder sind nicht erlaubt. Die Aufregung um ihren Campingplatz versteht die Betreiberin nicht, in Großbritannien seien Erholungsorte ausschließlich für Erwachsene normal. Hauptzielgruppe des Ü14-Campingplatzes sind vor allem Lehrer. „Wir haben viele Gäste, die im Alltag mit Kindern arbeiten – als Lehrer oder im sozialen Bereich. Und die sagen: In unserer Freizeit wollen wir einfach abschalten“, so die Inhaberin. Dabei ist sie selbst Mutter.

Anzeige

Zu schaden scheint die öffentliche Diskussion auch dem brandenburgischen Campingplatz nicht. Der wurde 2017 und 2019 mit dem Campsite Award in der Kategorie „Besondere Ausrichtung“ ausgezeichnet, im Gästebuch wird speziell der Urlaub ohne Kinderlärm gelobt.

Bei Oma müssen Kinder draußen bleiben

Bei einem Restaurant mit dem Namen „Oma's Küche und Quartier“ erwartet man so einiges, aber eher kein Kinderverbot. Ab 17 Uhr haben in dem Restaurant auf Rügen nur noch Gäste ab 14 Jahren Zutritt. Der Inhaber sagt, es gehe nicht darum, Kinder auszuschließen – sondern Erwachsenen Ruhe und Entspannung beim Essen zu bieten. Er ergänzt: „Das Angebot wird sehr gut angenommen, auch von Eltern.“

Mit seiner Erklärung, warum er und sein Team sich zu diesem Schritt entschlossen haben, dürfte er aber eher Wasser auf die Mühlen der Kritiker gießen. Schuld sei nämlich die schlechte Erziehung mancher Kinder. Er habe es schon mit Kinderspeisekarten, Ausmalblättern und einem Steckspiel versucht, aber die Kinder würden dennoch toben und schreien und damit andere Gäste sowie das Servicepersonal stören. Von einer ersten Überlegung, Kinder komplett auszuschließen, hat der Betreiber abgesehen. Auch deswegen konnte er die Vorwürfe von „Kinderfeindlichkeit“ und „Kinderhass“ in den sozialen Netzwerken nicht nachvollziehen. Auf der Website des Restaurants ist zu lesen: Kinder willkommen – aber nur bis 17 Uhr.

„Aus diesem Grund bitten wir Eltern und Großeltern darauf zu achten, dass die lieben Kleinen sich auch entsprechend benehmen, artig mit ihrem Arsch am Tisch sitzen bleiben, nicht alles angrabbeln und weder andere Gäste noch Kellner nerven. Oma´s Küche ist ein Restaurant und kein Abenteuerspielplatz!“

Von der Website „Oma's Küche“

Im Nachhinein bereut der Restaurantbetreiber seine Entscheidung, ein abendliches Kinderverbot eingeführt zu haben, nicht. „Die Entscheidung war einfach nur brillant. Ich hätte nichts Besseres machen können“, sagte er rückblickend.

Anzeige

Diskriminierung von Kindern und Familien oder Angebot zur Entspannung?

Die oben aufgeführten Beispiele sind nur einige Fälle, von denen wir immer wieder lesen. Schauspielerin Nina Bott wurde zum Beispiel aus einem Hamburger Café geworfen, weil sie ihr Kind stillen wollte. „Ich hatte echt sofort Tränen in den Augen. Ich fühlte mich so richtig ausgestoßen“, erklärt die Moderatorin gegenüber RTL. Auch hier war der öffentliche Aufschrei groß. Die beliebte Schauspielerin musste ihr Kind auf der Straße weiter stillen. Der Cafébesitzer sagte später, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Er dachte, die stillende Mutter wolle nichts bestellen und verwies sie deswegen aus dem Café.

Aber wann ist denn jetzt etwas Diskriminierung und wann Spezialisierung? Ein Sprecher des Gaststättenverbands Dehoga äußerte sich zur Marktentwicklung: „Immer mehr Betriebe fokussieren sich auf klar umrissene Gäste- und Stilgruppen und entwickeln spezielle Angebote für Gleichgesinnte.“ Es gibt Bars nur für Raucher, Restaurants mit ausschließlich veganem Essen, aber auch besonders kinderfreundliche Hotels – oder eben solche nur für Erwachsene.

Bei unterschiedlichen Zielgruppen mit ebenso unterschiedlichen Vorlieben wird es selten einen Betrieb geben, der jedem Geschmack gerecht werden kann. Bereits an den unterschiedlichen Reaktionen Betroffener bei den oben genannten Fällen wird deutlich, wie schmal der Grad zwischen Diskriminierung und Spezialangebot ist.