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Dauerstreitthema: Wenn Paare sich uneins bei der Kindererziehung sind

  • Wie streng sollten Kinder erzogen werden? Diese Frage ist bei vielen Paaren ein Streitthema.
  • Dabei müssen sich klare Grenzen und eine liebevolle Erziehung nicht ausschließen.
  • Unsere Paartherapeuten Marga Bielesch und Daniel Konermann geben Tipps zur Konfliktbewältigung.
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Eine Leserin fragt: “Wir, also mein Mann und ich, haben zwei Kinder (3 und 7 Jahre alt). Insgesamt sind wir eine glückliche Familie, wäre da nicht der ewig währende Streit um die Erziehung. Mein Mann legt großen Wert auf Tischmanieren und gutes Benehmen, ist manchmal sehr streng in seinen Regeln – vom Fernsehengucken bis zum Rumtoben. Grundsätzlich finde ich seine Konsequenz auch gut, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass er einfach zu streng und autoritär im Umgang mit den Kindern ist. Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit dem bindungs- und beziehungsorientierten Ansatz beschäftigt und möchte meinen Kindern auf Augenhöhe begegnen. Sie sollen schließlich im Alltag mitbestimmen, auch wenn es manchmal etwas länger dauert und für uns Erwachsenen unbequemer ist. Unsere unterschiedlichen Haltungen führen immer wieder zu Streit. Mein Mann wirft mir vor, ich verwöhne die Kinder, und ich möchte einfach, dass er etwas liebevoller und weniger als Autoritätsperson daherkommt. Habt ihr einen Tipp, wie wir diesen Dauerbrenner beilegen könnten?"

Sie haben auch Fragen an Marga Bielesch und Daniel Konermann? Dann schreiben Sie uns an service@rnd.de. Wir leiten Ihre Fragen an die Paartherapeuten weiter!

Eltern sein, Paar bleiben: In unserer Kolumne "Lass uns reden" unterstützen die Paartherapeuten Daniel Konermann und Marga Bielesch Eltern und Paare in ihrer Rolle und helfen dabei, leidige Konflikte hinter sich zu lassen. © Quelle: Gina Patan
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Das rät Paartherapeutin Marga Bielesch

In Sachen “Erziehung” ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, an einem Strang zu ziehen und gleichzeitig authentisch zu bleiben. Sollten die Vorstellungen dennoch zu weit auseinandergehen, ist es wertvoll und notwendig, Kompromisse zu finden. Dafür braucht es Eltern, die einen Schritt aufeinander zugehen. Trotz der Kompromisse sollte jeder seinen eigenen Weg im Umgang mit dem Kind finden dürfen. Dafür ist es wichtig, sich als Mutter oder Vater auch mal zurückzunehmen und einander nicht ständig reinzureden.

Gleichzeitig sollten beiden Elternteile wichtige Entscheidungen immer gemeinsam treffen – und zwar in einem gesunden Mittelmaß zwischen beiden Positionen. Für solche Kompromisse sind ein Austausch und regelmäßige Gespräche miteinander sehr wichtig. Es ist notwendig, den anderen mit seinem Anliegen zu hören und ernst zu nehmen. Nur so können Dinge neu ausgehandelt und Lösungen gefunden werden.

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Zur Person: Marga Bielesch ist Paartherapeutin und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Weimar. In ihrer Praxis begleitet sie Paare und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Sie ist Mitgründerin der THEKLA -Thüringer Eltern Kind Lern und Aktivkurse. © Quelle: Susann Mueller

Schuldzuweisungen und lautstarke Konflikte sind unangebracht

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Wenig hilfreich ist es, seinem Partner vor den Kindern in den Rücken zu fallen und Konflikte lautstark und emotional vor ihnen auszutragen. Das löst den Konflikt nicht und hinterlässt bei allen nur bedrückende Gefühle. Auch “Du-Botschaften”, Schuldzuweisungen und emotionale Vorwürfe sind bei Konflikten kontraproduktiv und verhindern eine nachhaltige Lösung. Besser wäre, sich einen ruhigen Moment ohne Stress und Hektik zu suchen, um dann achtsam und respektvoll über die unterschiedlichen Standpunkte zu sprechen.

Schon bevor das Baby auf der Welt ist über Erziehung sprechen

Werdende Eltern könnten auch schon vor der Ankunft des Babys, wenn es um die grundsätzliche Erziehung oder die Aufteilungen von Elternzeit geht, in den Austausch gehen. Hier kann man schon mal Standpunkte abklopfen und erste Kompromisse treffen – ohne dass die Müdigkeit der ersten Monate die elterlichen Gemüter hochkochen lässt. Auch ein Blick auf die eigene Kindheit kann hilfreich sein. Immerhin beeinflusst unsere eigene Erziehung auch die Art und Weise, wie wir die Elternrolle ausfüllen (wollen).

Neben eigenen Vorstellungen und Erlebnissen dürfen natürlich auch “Fakten” beziehungsweise wissenschaftliche Erkenntnisse eine Rolle spielen. Zum Beispiel erlebe ich häufig Diskussionen über das Impfen oder darüber, ob man ein Kind schreien lassen kann oder nicht. Statt emotional darüber zu streiten, ist es in solchen Fällen gut, einmal die Impfempfehlungen der Kinderärzte durchzulesen oder sich gemeinsam mit den Wirkmechanismen zu beschäftigen und danach eine Entscheidung zu treffen.

Das rät Paartherapeut Daniel Konermann

Eine grundsätzlich glückliche Beziehung ist ein gutes Fundament, um sich schwierigen Fragen in der Erziehung anzunehmen. Und sind wir einmal ehrlich: Wenn man heiratet, entscheidet man sich immer auch für ein paar unlösbare Probleme. Könnt ihr euch als Paar damit anfreunden, dass ihr bei manchen Themen vielleicht unterschiedlicher Meinung bleiben werdet und keine dauerhaften Lösungen findet, sondern immer wieder neue vorläufige Lösungen? Und könnt ihr euch trotz dieser Ahnung immer wieder neu einlassen, hinhören und das Unbehagen ertragen, das damit einhergeht? Das ist ohne Frage eine Kunst, die jedoch leichter wird, wenn wir erkennen, wie es uns als Paar stärken kann, unsere Widersprüche zu beinhalten und an ihnen zu wachsen.

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Bei unvereinbaren Gegensätzen ist es wichtig zu verstehen, welches Bedürfnis hinter dem Verhalten des Partners steckt. Nehmt euch deshalb die Zeit, darüber zu reflektieren, wie die eigene Herkunftsgeschichte euren Erziehungsstil prägt. Was habe ich in meiner eigenen Kindheit als hilfreich und liebevoll empfunden, wo gibt es noch unerlöste Seiten in mir, die meine Kinder jetzt durch mich zu spüren bekommen? Für die Erforschung dieser Themen empfehle ich, sich von aktuellen Anlässen und Streitigkeiten zu lösen und sich für einen Austausch zu verabreden, am besten sogar außerhalb der gewohnten Umgebung.

Zur Person: Daniel Konermann ist psychologischer Psychotherapeut und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Heidelberg. Er hat eine Praxis für Einzel- und Paartherapie und gibt regelmäßig Fortbildungen zum Thema Achtsamkeit und Burnoutprophylaxe. © Quelle: Thilo Ross

Eltern können streng und bindungsorientiert zugleich sein

Zurück zu eurem Beispiel: Grenzsetzung und Bindungsorientierung sind keine Gegensätze – eine gesunde Bindung beinhaltet gesunde Grenzen. Sowohl Grenzen als auch Freiraum sind wichtig für die Entwicklung von Kindern. Wenn Grenzsetzung aus einer liebevollen Haltung und der Einstimmung mit dem Kind geschieht, dann kann eine Grenze ebenso Halt geben wie eine Umarmung und ist somit auch bindungsfördernd. Das Problem in Beziehungen ist, das wir häufig das Gegenprinzip im Partner bekämpfen, anstatt es als positive Ergänzung zu betrachten. Der Partner erscheint zu extrem und einseitig, daraufhin werden wir selbst auch extremer in unserer Position, und es kommt zur Polarisierung. Was müsste also passieren, dass eure beiden Qualitäten gemeinsam Kraft entfalten? Dass ihr also aus dem Entweder-streng-oder-Bindungsorientiert mehr in ein Sowohl-als-Auch kommen könnt. Niemand muss seine Grundsätze aufgeben, stattdessen solltet ihr euch fragen: Wie könnten wir die Stärken beider Ansätze vereinen? Gibt es Situationen, in denen für euch beide offensichtlich die strengere oder die weichere Haltung sinnvoller ist?

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Wenn Paare sich uneins in Erziehungsfragen sind: Das hilft

Ein Experiment zum Thema: Wechselt einmal die Rollen. Schaut, wie sich die andere Position von innen anfühlt – wie geht es dir, wenn du mal streng bist, auch da, wo du es nicht für nötig hältst, und wie geht es deinem Mann, wenn er Regeln (gemeinsam mit den Kindern) bricht? Rollenflexibilität ist etwas Tolles, weil man innerlich beweglich bleibt und am Ende mehr Wahlfreiheit hat. Was ist in einer jeweiligen Situation angemessen? Dafür lohnt es sich, über den eigenen Schatten zu springen und die andere Seite kennenzulernen. Möglicherweise fühlt sich dein Mann auch erleichtert, wenn du ihm einmal die Rolle des strengen Papas abnimmst. Zudem kann es hilfreich sein, gemeinsam zu definieren, in welchen Bereichen ihr euch jeweils “euren Stil” mit den Kindern erlaubt und solche, in denen ihr eine Linie fahren wollt und euch auf eine Regelung einigt. Generell sind Kinder in der Lage, mit unterschiedlichen Erziehungsstilen der Eltern umzugehen. Sie können sogar davon profitieren, und sie wissen genau, dass sie von unterschiedlichen Elternteilen Unterschiedliches zu erwarten haben, und das ist in Ordnung.

RND/aufgezeichnet von Birk Grüling

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