Und jetzt alle zusammen: So lebt es sich im Mehrgenerationenhaus

  • Vier Generationen unter einem Dach: So wohnt unser Autor.
  • Laut Wissenschaft ist es ein Modell der Zukunft. Im Alltag knirscht es erst – und wird doch zu einem Miteinander, das alles und alle verändert.
  • Auch den Blick auf das Altern.
Lorenz Wagner
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In einer perfekten Welt wären wir alle allein, sagte mir mal eine Frau, die seit Jahrzehnten die Menschen erforscht: Solch eine Mühe, unseren Tag mit anderen in Einklang zu bringen. Wie schön wäre es, träumte sie, wir stünden in der Frühe auf und könnten tun und lassen, was wir wollen.

Ja, es ist nicht leicht, sich den Tageslauf mit anderen zu teilen. Doch schwerer ist es, sich ein Haus zu teilen, Türklingel und Briefkasten, Sofa und Waschmaschine. Du musst nicht nur den Tag, du musst dein ganzes Leben mit anderen in Einklang bringen. Und so war vor dem Einzug in uns auch ein Unbehagen aufgestiegen. Wie sollte das nur werden?

Vier Generationen unter einem Dach: Urgroßeltern, Großmutter, Eltern, Kind. Willi, 95, Helga, 85, Susanna, 64, Lorenz, 50, Franziska, 40. Und die kleine Sophia, vier.

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Die Urenkelin in der Nähe

Die Idee hatten die Mütter unter sich entwickelt. Franziska wollte, dass Sophia im Grünen aufwächst. Helga wollte eine Urenkelin in ihrer Nähe haben. Und Susanna bot eben an, dass sie uns die kleine Dachwohnung überlässt. Erzählten wir Freunden von dem Plan, weckte es Kopfschütteln, aber auch Sehnsüchte.

Den ersten Ärger gab es, als wir beim Einzug unseren Beitrag ins gemeinschaftliche Wohnzimmer stellten: unser Sofa, orange und grün, die Kissen geblümt, alle Farben, nur eine fehlte – Weiß. Das ist die Farbe von Willis Sofa, das weichen musste. Nach der Schlepperei saß ich müde in unserer neuen Küche, als ich aufgeregte Stimmen hörte. Franziska kam gelaufen. „Opa hat das Sofa gesehen“, sagte sie. Diesen ersten Ärger hat Sophia gekittet. Als sie auf Willis Schoß saß, wurde aus „Ihr könnt gleich wieder ausziehen“ ein „Wäre ich nicht 90, könntet ihr wieder ausziehen“.

In der Dachwohnung leben Lorenz und Franziska mit ihrer kleinen Tochter. © Quelle: Michael Loose
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Es ist ein eher kleines Haus, im Erdgeschoss hat Helga zwei Zimmer für sich. Sie ist die Seele im Haus. Einmal fuhren wir mit ihr zum Camping, da schlief sie eine Woche auf dem Beifahrersitz. Daneben, in eineinhalb Zimmern, lebt Susanna. Als vor mehr als einem Jahrzehnt die Finanzkrise ihr Geschäft als Puppenmacherin in Stücke schlug und ihr Lebensgefährte starb, kehrte sie ins Elternhaus zurück – und blieb: Helga und Willi begannen, alt zu werden.

Geschichten von Marlon Brando und Romy Schneider

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Im ersten Stock, neben dem Wohnzimmer, hat Willi zwei Zimmer. Er war rechte Hand des Unternehmers Charlie Bluhdorn, dem die Filmproduktion Paramount gehörte. Das führte dazu, dass Willi lustige Geschichten von Marlon Brando und Romy Schneider erzählen kann. Und im Dach: nun wir. Sophia war das Erste, was wir ins neue Heim trugen. Franziska – nach der Geburt erkrankt – ging mit ihr in Susannas Zimmer und legte sich in das Bett ihrer Mutter. Als ich dazukam, sah ich, wie sich Franziska um Sophia, Susanna um Franziska und Helga um alle kümmerte. Neben den Ängsten wuchs Hoffnung in mir, wie es auch werden könnte in diesem Haus.

Das erste Jahr. Sommertage. Herbstlaub, Weihnachten, Willi kam, von zwei Generationen gestützt, nach oben. „Danke, dass wir hier wohnen dürfen.“ – „Schön, dass ihr da seid.“

Zentrum war und ist Willis und Helgas Küche im Erdgeschoss. Scheint die Sonne, verlagern sich die Treffen in den Hausgarten. Hier stellten wir im ersten Frühling auch das Planschbecken auf, hier serviert Helga ihren Erdbeerkuchen, den sie nach Ostern fast täglich backt. Schließlich sind die Beeren im Angebot und müssen, um Geld zu sparen, gekauft werden.

Im ersten gemeinsamen Frühling war es dann auch, als auch Streit aufkam. „Franziska! Wie sieht es hier aus?“, hieß es. „Franziska, räum bitte meinen Geschirrspüler nicht mehr ein“, sagte Helga. – „Warum?“ – „Du machst das nicht richtig.“ – „Lorenz! Man darf die Waschmaschine nicht so voll machen.“ – „Was ist da für ein Lärm vor der Tür. Könnt ihr Sophia nicht mal hochtragen?“

Aber sahen sie denn nicht, wie es ist mit Einkaufstüten in der Hand und dabei Sophia auf dem Rücken? Wie es ist, wenn du vor Müdigkeit im Gehen einschläfst, weil du Sophia in der Nacht drei Stunden durch deine drei Zimmer getragen hast? Wir antworteten, dass sie Verständnis zeigen müssten, auf ihren Ton achten sollten. Dass es, wenn wir schon beim Thema sind, nicht in Ordnung ist, Sophia mit Eis zu überhäufen. Und wir brauchten niemanden, der, wenn wir weg sind, den alten Lavendel aus unseren Balkonkübeln ausgräbt.

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In einer perfekten Welt allein leben

Wir wussten nicht, dass es normal ist, was da geschieht. Es ist Ausdruck von Nähe, Vertrauen. Anna Machin, Evolutionsanthropologin und Oxford-Professorin, hat es mir erklärt. Sie ist die Frau, die mir sagte, dass wir in einer perfekten Welt allein leben würden. Und im Hirnscan lässt es sich erkennen: Gegenüber Freunden sind wir achtsamer als gegenüber der Familie. „Weil wir genetisch verbunden sind, vertrauen wir mehr in diese Beziehung“, sagt Machin.

Willi kann die steile Treppe nur mit Hilfe bewältigen. © Quelle: Michael Loose

Es ruckelte sich zurecht. Sophia war unser Katalysator. Gerhard Ertl, Nobelpreisträger der Chemie, hatte mir mal erklärt, wie wichtig die Katalyse ist – für alles. Katalysatoren vereinen. Nachdem Sophia mithilfe von Willis Rollator das Laufen gelernt hatte, eroberte sie das Haus. „Oma Susi, vorlesen!“ – „Oma Helga, Trampolin hüpfen!“ – „Opa, Trompete spielen!“ Am Abend waren alle müde, aber belohnt mit 400-mal Kinderlachen am Tag. Erwachsene bringen es auf 15 Lacher täglich. Zweiter Katalysator im Haus ist Willi. Für 95 ist er recht fit, aber: Wie Sophia braucht er uns alle. Es sind die Schwächsten, die eine Gesellschaft zusammenhalten.

Durch unser Zusammenleben lernte ich viel. Durch Willi, dass das Alter ein Räuber ist. Seine Reisen, die geliebte Arbeit im Garten – verloren. Auch wir Jungen machten es ihm manchmal schwer. Einmal, als wir Bilder anschauten, hatte jeder etwas zu sagen, auch Sophia. „Die … die …“, hob sie an – und alle warteten geduldig. Kurz darauf sagte Willi: „Als … als …“ – und schon sprach einer rein. Und er schwieg. Oder als wir im Garten saßen. „Willi, wo hast du denn deine Kreuzworträtsel?“ – „Die kann ich nicht mehr lesen.“ – „Seit wann?“ — „Seit Herbst.“ Ich schäme mich. Weihnachten hatten wir ihm noch Rätsel geschenkt.

Lebten Franziska und ich wie vorher, wüsste ich nichts über das Altern. Ich begann, mich damit zu beschäftigen, sprach mit Altersforschern auf der ganzen Welt. Erstmals in der Geschichte, sagte Harvard-Professor David Sinclair, lasse sich das Altern umkehren. Es gebe Medizin, die im Körper Prozesse auslöse, als treibe man Sport oder faste. Medizin, die Gene aktiviert, die einen gesünder altern lassen. Nur darum geht es: die Gesundheit zu verlängern.

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Der Biologe und Genetikprofessor erzählte von Mitteln, die viele Kolleginnen und Kollegen schlucken, etwa das Molekül NMN. Das Journal „Nature“ kommt in einem langen Text darüber zu dem Schluss: Es biete „einen aufregenden therapeutischen Ansatz, Alterserkrankungen zu behandeln“.

Mit 60 fühlen sich viele alt

Der Mensch altert nicht, erklärte mir Sinclair mit einem Augenzwinkern, er ist auf einmal alt. Meist ereilt ihn das Alter am 60. Geburtstag. „Wie alt ist Ihre Frau?“ – „Ende dreißig.“ – „In dem Jahrzehnt sehen Sie schon, dass manche schneller altern als andere.“ Aha. „Sie sind?“ – „Ende vierzig.“ – „Die Vierziger. Selbst gesunde Menschen können an sich das Altern sehen: Haarverlust, Falten. Wir neigen dazu, das zu ignorieren. Aber Ihre Falten zeigen an, wie Sie innerlich altern. Wenn Sie in den Körper hineinschauen, stellen Sie fest, dass die Organe nicht mehr in bester Gesundheit sind.“

„Wer wohnt noch im Haus?“, fragte Sinclair. „Susanna, in den Sechzigern“, antworte ich. „Da zeigt sich der Unterschied zwischen denen, die auf sich geachtet haben, und den anderen. Bis in ihre Fünfziger können sie sich noch einbilden, sie lebten ewig. Nun wird vielen bewusst, dass ihre Zukunft kürzer sein wird als ihre Vergangenheit. Es ist eine schwere Zeit, in der viele anfangen, etwas für ihre Gesundheit zu tun“, sagte der Forscher. Ich staunte. Genau das hatte Susanna zu mir gesagt: Mit 60 fühlte sie sich alt.

Helga hatte andere Krisen, mit 50, als sie „in den Wechsel kam“. Und mit 70, als sie sich eine Glatze scheren musste und die nachwachsenden Haare schneeweiß waren. Eigentlich wollte sie die Haare nur entfärben lassen. „Für den Notfall hatte ich in der Tasche eine Perücke, genau meine alte Frisur“, erzählt sie. „Dunkel­braun, wie ich heute“, sagt Susanna. Helga: „Sie haben die Farbe rausgenommen: Die Haare sahen aus wie Asche.“ – Susanna: „Wie Putzwolle.“ – „Wir beide haben dieses Stroh weggemacht.“ –„Mit der Hunde­schere, oben auf dem Balkon.“ – „Unter der Perücke wuchsen sie wieder, schneeweiß. Und Willi wusste nichts.“ – „Das war so lustig.“ – „Und dann das Outing. Wir waren auf dem Campingplatz“, erzählt Helga. „Willi saß in der Abendsonne, hat so aufs Meer geschaut. ‚Willi, ich muss was Ernstes mit dir besprechen‘, sagte ich. Er meinte nur: ‚Wenn du mir so auf der Straße begegnet wärst, ich hätte dich nicht erkannt.‘“ Gelächter.

„Wenn das für dich das Einschneidendste am Altern war …“, bemerkt Susanna. „Na ja. Der 80. Geburtstag hat schon wehgetan. Mit 80 fühlte ich mich auf einmal nicht mehr als Frau. Es geht um das Visuelle. Eigentlich darum, dass man eitel ist.“

Dabei hat Helga noch Glück. „Die Hälfte der Menschen“, sagt Sinclair, „sind in ihrem Alter gestorben. Und die Überlebenden kämpfen mit drei bis fünf Krankheiten.“ Lohnt es sich für sie noch, etwas zu tun, fragte ich. „Wenn Sie mir diese Frage vor fünf Jahren gestellt hätten, hätte ich gesagt: Sie müssen früh anfangen. Die Technologie, die wir damals hatten, war zwar in der Lage, das Altern zu verlangsamen, aber nicht umzukehren.“ Heute, sagt Sinclair, sei das möglich. Wissenschaftler in aller Welt forschen daran, mit NMN und mit dem Diabetesmedikament Metformin, das nach einer Auswertung von 41.000 Patientendaten ergab, dass es vor Gebrechlichkeit, Alzheimer, Herzerkrankungen und vielen Krebsarten schützt. Und auch mit Senolytika, das sind Mittel, die gealterte Zellen sterben lassen und wirksam gegen Entzündungen sind.

Die Wirkung war erstaunlich

Wir testeten in der Familie einige der Mittel, kein wissenschaftlicher Versuch, einfach mal spüren, ob sich was verändert. Und wichtig: nach Gesprächen mit Ärzten. Die Wirkung war erstaunlich, und es ist ein Spaß, mit Helga und Susanna über ihre Erfahrung zu sprechen.

„Ich merke nichts“, sagt Helga.

„Ich schon“, sagt Susanna. „Ich jogge in einer Zeit, die ich seit drei Jahren nicht mehr geschafft habe. Und Gelenkschmerzen habe ich gar nicht mehr.“

„Ich bin aber auch inkonsequent“, gibt Helga zu. „Mal nehme ich sie, mal nicht. Und dann lebe ich nicht gesund.“

„Wieso?“

„Ach, der Kuchen. Seit ich die Mittel nehme, vertrage ich mehr davon.“

„Mama ist maßlos. Dass sie nichts körperlich empfindet, liegt daran, dass sie wegen Corona keine Chance hat, das beim Tanzen auszutesten.“

„Dafür hast du Sophia“, sage ich. „Wie ist das so in einem Haus mit ihr?“

„Das ist Chaos hoch zehn. Und überhaupt das Größte. Die Zeit wird zur Ewigkeit, wenn man mit einem Kind zusammen ist. Es sieht so viel, was wir alles übersehen. Ohne euch würden in diesem Haus, sage ich jetzt mal so, nur zwei Alte wohnen. Ein Altersheim.“

Medizinisch wichtig: Alt und Jung mischen

Wie wichtig es medizinisch ist, Alt und Jung zu mischen, hat Nir Barzilai erklärt. Der Professor der New Yorker Albert-Einstein-Universität ist weltbekannt für seine Studien mit Hundertjährigen. Er erzählte mir auch von einer australischen TV-Serie, ein Altenheim für Vierjährige. Die Idee: Vierjährige besuchen sieben Wochen lang ein Altersheim. Ärzte beobachteten die Heimbewohner, schauen, was diese Besuche mit ihnen machen.

Die Ergebnisse stellten sie in einem Youtube-Film vor. Der Depressionswert in der Gruppe hatte sich halbiert. Die Ärzte zeigten Diagramme: Verdoppelung der Schritte an jedem Tag, Verbesserung des Gleichgewichts­sinns um 50 Prozent, mehr als drei Viertel der Heimbewohner fielen Aufstehen und Setzen leichter.

Und es wirkt in beide Richtungen. Bei den Kindern wächst die Empathie, ihr Körper schüttet sogenannte prosoziale Hormone aus. Das erforscht die Wissenschaft schon seit Langem. Besonders bekannt sind die „Blauen Zonen“. Das sind Gebiete wie das japanische Okinawa oder die italienische Insel Sardinien, in denen Menschen besonders alt werden. Die Menschen dort, schrieb der US-Amerikaner Dan Buettner, der diese Theorie entwickelt hat, behielten Großeltern in der Nähe. „Das senkt auch die Krankheitsrate der Kinder im Haus. Diese Kinder bekommen viel Zeit und Liebe“, so der Bestsellerautor.

Zurück in unser Haus. Was ist da unten los? Eben war es noch ruhig, alle im Haus hatten verschlafen. Neugierig gehe ich runter. Alle sitzen um Sophia herum. Sie hat in der Hand einen Luftballon, wirft ihn Willi zu. „Volleyball“, ruft sie und hüpft und springt. Der Luftballon kommt zurück, und Sophia wirft ihn Helga zu, und so geht es weiter, bis Sophia im Übermut mit dem Kopf gegen den Schrank knallt und Franziska sie in die Arme nimmt. Sophias Augen füllen sich mit Tränen, aber sie macht sich los. „Kein Aua“, sagt sie. Weitermachen. Mit Helga und Willi. Und die beiden haben gerade auch kein Aua.

Lorenz Wagner ist Autor des Buches „Zusammen ist man weniger alt: Ein Mehrgenerationenhaus und die wissenschaftliche Antwort darauf, wie wir gesund und glücklich altern“, Goldmann-Verlag, 384 Seiten, 20 Euro.

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