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Das Leben mit Kopftuch: Muslima Menerva Hammad über Rassismus und Sexualität

  • Menerva Hammad ist viel gereist, um ihren Platz zu finden.
  • Denn die österreichische Journalistin und Bloggerin mit ägyptischen Wurzeln wurde oft rassistisch attackiert.
  • Im RND-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen als Muslima – und darüber, was sie sich für ihre Töchter wünscht.
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Mutti mit Migrationsblabla – das sagt Menerva Hammad (31) über sich selbst. Die österreichische Bloggerin und Mutter mit ägyptischen Wurzeln ist viel gereist, um ihren Platz zu finden und den Frauen und Müttern in Österreich und Deutschland etwas mitzugeben: Geschichten, die uns zeigen sollen, wie vielfältig Frauen, Mütter heute sein können. In ihrem Buch “Wir treffen uns in der Mitte der Welt” erzählt sie die Geschichten von 18 ganz verschiedenen Frauen. Von ihrem eigenen Alltag als Muslima und Zweifachmama schreibt sie auf ihrem Blog “Hotel Mama” und in ihrer Kolumne “Servus Alaykum” in dem Lifestylemagazin für Frauen “die Wienerin”.

Frau Hammad, das Leben hat Sie schon an die unterschiedlichsten Punkte dieser Welt geführt. Wo erwische ich Sie gerade?

Gerade sind wir in Abu Dhabi. Mein Mann ist Petroleumingenieur und muss überall auf der Welt arbeiten. Und ich kann von überall arbeiten. Als freie Journalistin brauche ich nur einen Laptop und eine Internetverbindung. Daher reisen wir mit meinem Mann immer mit – ob nun nach Schottland, Texas oder was auch immer. Jetzt sind wir eben hier in Abu Dhabi.

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Welchen Ort nennen Sie denn jetzt Ihre Heimat?

Das ist eine schwere Frage! Ich habe ägyptische Wurzeln und mich zieht es auch psychisch dorthin, ich vermisse es. Aber wenn ich im Ausland bin und an zu Hause denke, dann denke ich an Wien. Dort hab ich meine Kindheit, meine Jugend und meine Studienzeit verbracht. In fast jeder Gasse habe ich eine Erinnerung. Also: Es ist Wien!

Unterscheidet sich Ihr Mamaleben jetzt in Abu Dhabi von Ihrem Leben in Wien?

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Gar nicht! Ich bastel mir meine eigene Blase. Ich verkehre nur mit Menschen, bei denen ich weiß, dass Multikulti willkommen oder auch gar kein Thema ist. Hier in Abu Dhabi leben wir auf einer sehr familienfreundlichen Insel mit vielen Deutschen und Österreichern. Es gibt auch eine Whatsapp-Gruppe für die deutschsprachigen Mütter auf der Insel. Bei den Playdates gibt es dann die eine, die steht in der Caprihose da, die andere mit Kopftuch. Das macht jede, wie sie will. Aber ja, es ist eine Blase. Der Rassismus wird irgendwann eh in das Leben meiner Kinder eintreten. Aber ich versuche, es zu verzögern.

Über sich selbst schreiben Sie: Ich bin eine Mutti mit Migrationsblabla. Ist das einfach ein Teil von Ihnen, den Sie damit beschreiben? Oder ist es eine Zuschreibung, die von anderen kommt?

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Es ist beides. Ich bin ja als Kind ständig rassistisch attackiert worden, ohne dass ich wusste: Das ist Rassismus. Ich habe gedacht, das liegt an mir als Person, wenn die Leute mich ausgegrenzt haben, mich beleidigt haben. Aber irgendwann fällt dir auf, dass du anders behandelt wirst als die mit einem anderen Namen, mit heller Haut. Dann merkst du: Es hat mit deiner Herkunft zu tun. Und dann merkst du, dass es dir zugeschrieben wird. Aber es stimmt ja, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Ich verstehe nur nicht, wo es eine Rolle spielt. Aber klar, bei mir mit Kopftuch, mit dem Gesicht, was ich hab, da sieht man sofort: Die ist von hier!

Wie ist denn das: Kommen die Menschen mittlerweile mit Ihrem Kopftuch klar oder erleben Sie noch mehr Alltagsrassismus als früher?

Es kommt darauf an, wo man ist. Also öffentliche Verkehrsmittel sind eine gefährliche Zone. Deswegen gönne ich mir in Wien lieber ein Taxi. Und da ist dann das Staunen groß, wenn plötzlich der Österreicher die mit dem Kopftuch kutschiert.

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Haben Sie das Gefühl, Sie werden auf das Kopftuch reduziert?

Ja und nein. Ich habe mich auch lange Zeit selber darauf reduziert, weil ich das Gefühl hatte, ich muss das machen, ich muss mich rechtfertigen. Nach Lailas Geburt wurde das anders. Da verschoben sich die Prioritäten und ich hab mir gedacht: Es ist mir jetzt wurscht, ich scheiß was drauf, soll doch jeder machen, was er will! In meinem letzten Job in Festanstellung zum Beispiel war es überhaupt kein Thema. Es wurde nicht nur nicht angesprochen, es war so nebensächlich, dass ich es selber vergessen habe, dass ich überhaupt eines trage. Das ist mir natürlich das Allerliebste. Heute merke ich manchmal noch die Blicke. Aber wenn jemand ganz deppert schaut, winke ich ihm einfach zu. Irgendwann machst du dein Ding und gut ist.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Szene, wie Sie eine Frau im Zug kennengelernt haben, weil Sie stillend dagesessen haben. Barbusig und Kopftuch ist kein Problem?

Na ja, in Ägypten ist das Stillen in der Öffentlichkeit total akzeptiert. Man sieht das überall, am Strand, in den Öffis. Dort ist es das Natürlichste der Welt. Als ich ein Kind bekommen habe, war ich ganz überrascht, dass das hier so ein Topic ist. Hier sind doch überall Brüste, warum ist das komisch, wenn dann ein Kind dranhängt?!

Sie schreiben ja auch gerne über Sexualität.

Weil es natürlich ist! Ich hab das Gefühl gehabt, in der Schule sind die Themen nur überflogen worden. Beim Thema Sex ging es nur um Geschlechtskrankheiten und bitte fangt’s euch kein Aids ein! Das war’s. Aber ich hab noch mehr Fragen gehabt. Auch nach der ersten Schwangerschaft. Die ersten Monate hatte ich gar kein Interesse an Sex. Auch der Körper war nicht gerade der, den ich bestellt hatte. Damit muss man erst mal klarkommen.

Stellen sich arabische Frauen die gleichen Fragen, die ich mir als deutsche Frau aus dem Ruhrgebiet auch stelle?

Absolut. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied! Das habe ich auch bei den Interviews für mein Buch gemerkt: Im Prinzip ist es wurscht, welche Bildung man hat, wie man ausschaut, wo man herkommt. Es gibt Frauenprobleme, die alle betreffen.

Ihr Buch erzählt die Geschichten vieler starker Frauen. Was ist Ihnen wichtig in der Erziehung Ihrer Töchter?

Was ich mir für sie wünsche, ist, dass sie inneren Frieden haben. Weil Menschen, die einen inneren Frieden haben, die richtigen Entscheidungen in ihrem Leben treffen. Dann hat man auch keine Minderwertigkeitskomplexe und einen offeneren Blick und einen weiten Horizont. Ich glaube, dann kommt man mit allem klar.

In Ihrem Buch geht es viel darum, zu sich zu finden. Sich selbst lieben zu lernen. Sind Sie denn an einem Punkt angelangt, an dem Sie sich selbst gefunden haben?

Nicht jeden Tag. Aber an viel mehr Tagen als früher. Meine Mama ist eine Naturblondine. Im Gegensatz zu mir. Ich bin damit aufgewachsen, dass Locken schirch sind, also unschön. Dass dunkle Haut schirch ist. Also habe ich meine Haare immer blondiert und geglättet. Jetzt habe ich aber eine Tochter, und die hat: Locken! Ich will nicht, dass sie mit denselben Selbstzweifeln aufwächst wie ich. Daher habe ich für mich entschieden: Meine Haare färbe und glätte ich nicht mehr!

Jetzt wachsen Ihre Töchter auch in der Mitte der Welt auf. Was glauben Sie, wo trägt Sie das Leben hin?

Ich hoffe, wir bleiben in Abu Dhabi. Hier ist das deutsche Angebot groß, aber auch das arabische und das muslimische. Ich habe hier also auf einem Haufen alles, was ich will. Ja, hier fühle ich mich richtig wohl.

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