Das Elternhaus auflösen: Vom Aufräumen und Abschiednehmen

  • Wenn Eltern sterben oder in ihrem Zuhause nicht mehr allein zurechtkommen, sind die Kinder gefragt.
  • Was geschieht mit dem Elternhaus, der Schrankwand und den Fotoalben?
  • Vielen fällt das Aussortieren schwer – zumal es dabei oft um eine Reise in die eigene Vergangenheit geht.
Alena Hecker
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Für Dorothee Barall kommt der Anruf ihres Bruders überraschend: Dem Vater gehe es nicht gut, die Krankheit sei schneller fortgeschritten, als alle angenommen hätten, viel Zeit bleibe ihm nicht mehr. Zusammen mit ihren Kindern macht sie sich auf den Weg von Berlin nach Süddeutschland. So haben sie alle noch einmal die Möglichkeit, sich zu sehen und zu sprechen, bevor der Vater kurze Zeit später stirbt.

Dann beginnt, was viele trauernde Menschen lieber weit von sich schieben würden: das Organisieren einer Beerdigung, das Klären von finanziellen Fragen, die Kündigung der Mietwohnung. Und vor allem: das Aufräumen. Dorothee Barall und ihre sieben Geschwister wohnen weit verstreut im ganzen Land. Alle haben sich ihr eigenes Leben aufgebaut. Wohin nun mit all dem Kram, der sich bei ihrem Vater allein in den letzten drei Jahren angesammelt hat, seit er in die Wohnung umgezogen ist?

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Das meiste organisiert erst einmal der Bruder, der am nächsten wohnt. Er kümmert sich um laufende Verträge, die gekündigt werden müssen, verschafft sich einen Überblick über die Finanzen. Zusätzlich trifft sich Dorothee Barall mit ihren Geschwistern vor Ort. „Unsere Idee war es, einmal durch die ganze Wohnung zu gehen und Privates auszusortieren, bevor der Sozialdienst oder Ähnliches kommt und Sachen mitnimmt.“

Sortieren ohne Spannungen

Vieles geben die Kinder weiter an Sozialläden und an einen Verein vor Ort, der Wohnungen für Jugendliche ausstattet und dafür manche Möbel gebrauchen kann. Andere Einrichtungsgegenstände stellen sie zum Verkauf ins Internet. „Einmal kam ein Mann mit einem großen Auto, um das Bett abzuholen, der hat dann gleich noch andere Sachen mitgenommen. Es war klar, dass der damit Geld machen wollte. Aber uns war’s egal – wir dachten, Hauptsache, es ist weg.“

Nur wenige Dinge aus dem Nachlass des Vaters sind für Dorothee Barall und ihre Geschwister interessant – selbst gemalte Bilder, Fotos, ein mit Erinnerungen verbundener Wohnzimmertisch. „Erstaunlicherweise gab es keinen Streit darüber. Wir waren immer nur froh, wenn jemand von uns sagte: Ich nehme das.“ Auch sonst kann sich die 40-Jährige nicht an Spannungen erinnern. „Es war klar, dass es nichts zu erben gab.“ Das Auto wurde verkauft, um die Beerdigung zu zahlen, auch die wenigen Schmuckstücke wurden für die Finanzierung in Geld umgesetzt.

Eigenes Leben, altes Leben

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Die Journalistin und Autorin Ursula Ott hat ihre eigenen Erfahrungen zu dem Thema in ihrem Buch „Das Haus meiner Eltern hat viele Räume“ zusammengefasst. Die 55-Jährige gehört zur Generation der Babyboomer. Viele ihrer Bekannten und ehemaligen Schulfreunde befinden sich in einer ähnlichen Lage wie sie – haben sich ein eigenes Leben aufgebaut, sind weggezogen aus der früheren Heimat und stehen nun vor der Frage, wie sie mit dem Elternhaus umgehen, wenn die eigenen Eltern sterben oder nicht mehr allein darin zurechtkommen.

Zusammen mit ihrer Schwester und der 87-jährigen Mutter überlegt sie, wie die Mutter in Zukunft leben kann – näher an ihren Kindern, damit sie zur Stelle sein können, falls etwas passiert, zentraler in der Stadt, damit sie leicht einkaufen oder zum Arzt gehen kann. Gemeinsam einigen sie sich vorerst auf einen Umzug auf Probe in ein Apartment für betreutes Wohnen. „Wenn es nicht gut gegangen wäre, wäre sie zurück ins Haus gezogen und man hätte sich vielleicht eines Tages über eine Pflegekraft unterhalten müssen.“ Doch es geht gut, die Mutter kommt zurecht in der neuen Umgebung, lebt sich ein. Was bleibt, ist das Elternhaus.

Aufräumen in der Vergangenheit

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Nicht immer ist es leicht in der Vergangenheit aufzuräumen. Dorothee Barall und ihre Geschwister finden Liebesbriefe, gravierte Ringe und andere Dinge, die Beziehungen des Vaters aufdecken, die teilweise parallel liefen und von denen die Kinder keine Ahnung hatten. Auch ein Gerichtsurteil, über das er nie hatte sprechen wollen, können sie nun lesen. Dorothee Barall hat anfangs Angst, die persönlichen Dinge im Arbeitszimmer des Vaters durchzusehen. Aber dann siegt die Neugier: „Es gab so viele Geheimnisse. Ich wollte bestimmte Dinge wissen, offene Fragen klären und mir einen Überblick verschaffen.“ Auf diese Weise sei es gut gewesen, endlich Klarheit zu bekommen.

Frühzeitig mit den Eltern das Gespräch suchen

Ursula Ott nimmt sich mit ihrer Mutter zusammen ein Jahr Zeit zum Auf- und Ausräumen. „Wir hatten den Wunsch, immer einen Menschen zu finden, dem wir das schenken können. Denn dann hatte meine Mutter das gute Gefühl, dass die Dinge noch mal ein neues Leben und ein neues Zuhause haben.“ Ursula Ott rät dazu, frühzeitig das Gespräch mit den Eltern zu suchen: „Die meisten unserer alten Eltern wollen uns mit dieser Aufgabe nicht überlasten und wollen gerne rechtzeitig mit uns darüber reden – was kann man jetzt schon verschenken? Was kann man an eine Kirchengemeinde oder an geflüchtete Menschen geben? Und es ist gut, wenn man das dann auch noch selber machen kann.“

Auch Dorothee Barall ist froh, dass vom Nachlass des Vaters letzten Endes fast nichts weggeworfen werden musste. Nur für die Zimmerpflanzen findet keines der Kinder Verwendung. Zu Hause in Berlin gibt die 40-Jährige viele Dinge im Freundeskreis weiter: Tüten, Teelichte, Radiergummis – das meiste hat ihr Vater in großen Mengen aufgehoben. Nun bereichert es neue Haushalte. Was übrig bleibt, findet notfalls vor der Haustür Platz. Geschenkekisten sind in der Großstadt keine Seltenheit. Und meistens findet sich ein erfreuter Sammler, der genau dieses Buch oder jene Tasse schon immer gut gebrauchen konnte.

Tipps: Bewahren oder weitergeben?

  • Instinktiv auswählen. Wer im Elternhaus aufräumt, kann dabei dem eigenen Gefühl folgen: Woran hängt das eigene Herz? Das wird aufgehoben. Wobei schmerzt der Verlust am wenigsten? Das wird noch einmal angeschaut und kann dann weg.
  • Andere sammeln lassen. Museen wie das Werkbundarchiv – Museum der Dinge in Berlin archivieren Dinge des täglichen Bedarfs. Manchmal haben sie selbst Interesse, ein bestimmtes Teil in die Sammlung aufzunehmen. Aber auch sonst lohnt ein Besuch, wenn die Sehnsucht nach der Vergangenheit groß ist. Was bleibt, ist das gute Gefühl, nicht selbst alles aufbewahren zu müssen.
  • Kreativ werden. Oft fällt es Eltern schwer, sich von lieb gewonnenen Stücken zu trennen, die einmal sehr viel Geld gekostet haben. Aus alten Pelzen lassen sich kuschelige Kissen machen, besondere Schmuckstücke bilden ein tolles Stillleben, Bücher können zum Regal verarbeitet werden. Manchmal ist einfach nur etwas Kreativität gefragt.
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