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Schwanger und infiziert: “Niemand wusste, was Corona mit meinem Baby macht”

  • Hochschwanger infizierte sich Nadine Vilbusch mit dem Coronavirus.
  • Kein Arzt wusste, wie sich die Infektion auf Schwangerschaft und Geburt auswirkt.
  • Im Interview erzählt die junge Mutter von ihrer Erfahrung als erste schwangere Covid-19-Patientin.
Silia Wiebe
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Nadine Vilbusch, 32, steckte sich hochschwanger bei ihrem Mann mit dem Coronavirus an. Nicht mal die Ärzte wussten, wie sich Covid-19 auf das Ungeborene auswirkt. Im Interview erzählt sie, wie sie Schwangerschaft und Geburt nach der Infektion erlebt hat.

Corona schien noch weit entfernt

Sie waren mit Ihrem ersten Kind schwanger und warteten entspannt auf erste Wehen. Alles war gut. Da schwappte die weltweite Pandemie nach Deutschland und Ihr Mann fing plötzlich an, über starke Kopfschmerzen zu klagen.

Nadine Vilbusch: Wenn der Partner Kopfweh hat, bricht normalerweise bei einer Hochschwangeren keine Panik aus. Auch bei uns nicht. Zwar berichteten die Medien immer intensiver über Corona, aber noch waren in Deutschland alle Lokale und Schulen geöffnet. Es war Mitte März. In unserer Kleinstadt gab es fünf Corona-Infizierte, aber keinen in meinem Bekanntenkreis.

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Sie rechneten bestimmt nicht damit, dass Corona ausgerechnet Ihre Schwangerschaft beeinträchtigen würde.

Überhaupt nicht. Mein Mann bekam dann zwar typische Grippesymptome wie Fieber und Schüttelfrost, aber wir dachten beide: Wo bitte soll er sich angesteckt haben? Corona war für uns weit weg. Als es ihm aber immer schlechter ging und er sich völlig erschöpft ins Bett legen musste und keine Kraft mehr hatte aufzustehen, wurden wir unruhig. Vielleicht doch Corona? Mit Blick auf meinen Babybauch, ich war mittlerweile in der 38. Woche, entschieden wir: Er sollte sich testen lassen.

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Corona-Test auf dem Parkplatz

Vier Tage später hatten Sie das Ergebnis: Ihr Mann war Covid-19-positiv. Wie ging‘s weiter?

Jetzt waren wir schon verunsichert, weil niemand so richtig Bescheid wusste über das Virus und was es bei Schwangeren anrichten kann. Ich bekam einen Schnupfen. Ist das jetzt Corona? Noch bis Ende März wurde man ja vor allem bei Husten und Fieber hellhörig. Sicherheitshalber rief ich das Gesundheitsamt an und fragte, was ich tun solle. Man riet mir, zur öffentlichen Corona-Testung in die Stadt zu fahren und mich in dem eigens dafür eingerichteten Container testen zu lassen.

Was sprach dagegen?

Die lange Warteschlange vor der Containertür. Zwar mussten die wartenden Menschen Sicherheitsabstand halten, aber ich dachte: Wenn‘s mich noch nicht erwischt hat, dann spätestens hier. Außerdem hätte ich ja auch andere anstecken können. Ich bat meinen Hausarzt um eine Sonderregelung und durfte dann tatsächlich auf dem Parkplatz vor seiner Praxis einen Test machen. Er war positiv!

Nadine Vilbusch war eine der ersten Frauen, die während der Schwangerschaft positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Ihr Baby Lene kam dennoch gesund zur Welt. © Quelle: privat
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Hebammenbesuch mit Schutzausrüstung zu Hause

Keine große Überraschung, aber für eine werdende Mutter so kurz vor der Geburt schon ein Schock, oder?

Kein Schock, aber eine große Unsicherheit. Normalerweise werden zwei Wochen vor der Geburt noch einige gynäkologische Untersuchungen gemacht, also Eisenwerte geprüft, ein Streptokokkenabstrich abgenommen, und ich hatte Ultraschall- und CTG-Termine.

Mussten Sie alles ausfallen lassen?

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Nein, das war für mich keine Option: Ich wollte sichergehen, dass es meinem Baby gut geht, dass meine Virusinfektion keine schlimmen Auswirkungen hat. Ich telefonierte mir die Finger wund und versuchte herauszufinden, wie ich zu meinen Untersuchungen komme. Ich war die allererste infizierte Hochschwangere weit und breit, und das Gesundheitsamt hatte keine Ahnung, was zu tun ist. Meine Gynäkologin erklärte mir, dass sie jetzt nicht ihre gesamte Praxis coronasicher ausstatten könne. Aber was dann? Gerettet hat mich meine Hebamme. Sie machte dem Gesundheitsamt Druck und sagte, sie würde mich mit professioneller Schutzkleidung und CTG zu Hause zu besuchen. Als sie alle Genehmigungen, Anweisungen und Schutzartikel bekommen hatte, kam sie zu mir. Ich war erleichtert.

Die Ruhe vor dem Sturm

Sie waren in Quarantäne, es durfte niemand außer der Hebamme zu Ihnen, und Sie durften nicht mehr raus. Hatten Sie alle Besorgungen für die erste Zeit nach der Geburt gemacht?

Glücklicherweise hatte ich mich kurz zuvor auf einem Babyflohmarkt mit Stramplern, Jäckchen und Babysocken eingedeckt. Ich konnte mich also entspannen und mir sagen: Nimm die Quarantäne als zwangsverordnete Ruhe vor dem Sturm!

Hatten Sie Angst um Ihr Baby und Angst vor einer Geburt mit Atemmaske und ohne Partner, dem der Zutritt zum Kreißsaal ja in vielen Kliniken verboten ist?

Ja, bis mir meine Gynäkologin die Information vom RKI weiterleitete, dass sich die Viren nicht auf mein Baby im Bauch übertragen können. Ab dem Moment wurde ich ruhiger. Mir ging es trotz der Infektion auch nie wirklich schlecht. Da waren der Schnupfen und leichter Husten, der auf meinen dicken Schwangerschaftsbauch drückte, aber ich bekam anders als mein Mann kein Fieber. Ich saß nur auf Kohlen, dass das Baby erst nach der Quarantänezeit auf die Welt kommt, damit ich die Geburt ohne Atemschutzmaske und den ganzen Hygienewahnsinn erleben kann. Die Geburtsklinik ermutigte mich, nicht schon bei potenziellem Fehlalarm zu kommen, sondern wirklich erst im Ernstfall. Ich sollte mir vor der Fahrt in die Klinik von meiner Hebamme bestätigen lassen, dass die Geburt kurz bevorsteht. Sie hatten ein spezielles Zimmer für mich eingerichtet, aber Sie hofften, dass ich zum Zeitpunkt der Geburt virenfrei bin.

Sicherheitsabstand vor der Geburt

Hat das geklappt?

Ja, Lene ließ auf sich warten, und ich konnte noch vor ihrer Geburt einen zweiten Test machen, der negativ war. Trotzdem hielt das Klinikpersonal am 5. April, dem Tag ihrer Geburt, viel Sicherheitsabstand. „Oh, ich komme gleich wieder“ ist der Satz, den ich seitdem am häufigsten höre, wenn ich erzähle, dass ich Covid-19 überstanden habe. Es bedeutet immer dasselbe: „Hilfe, was mach ich jetzt mit der Frau? Ich muss mich mal schnell erkundigen.“

Wie verlief die Geburt?

Mein Mann durfte mit mir in den Kreißsaal, worüber wir echt froh waren. Das lag nicht an meinem negativen Test, sondern an der Geburtsklinik, die allen Vätern den Zugang zum Kreißsaal erlaubte. Lene kam ungeplanterweise per Kaiserschnitt, aber das nahm ich nach dem ganzen Trubel mit Fassung. Sie ist gesund, alles ist gut. Ich hatte rückblickend großes Glück.

Antikörper durch die Muttermilch auch im Kind

Warum?

Weil sowohl ich als auch meine Tochter Lene jetzt erst mal immun sind gegen Corona. Das RKI sagt, dass ich mit der Muttermilch Antikörper auf sie übertrage. Eigentlich müsste ich jetzt vor den Leuten im Supermarkt fliehen und nicht sie vor mir. Es sprach sich aber bei uns im Ort schnell herum, dass ich infiziert war. Noch immer sehe ich die Panik in den Augen der Leute, die Bescheid wissen und mich oder meinen Mann zufällig treffen.

Sie waren eine der ersten Schwangeren mit Covid-19. Was wird von dieser ungewöhnlichen Zeit bei Ihnen hängen bleiben?

Große Dankbarkeit, dass alles gut ging, und der Forschung war ich vermutlich auch nützlich. Nach der Geburt von Lene fragte meine Hebamme beim RKI, ob es nicht wichtig wäre, dass jemand meine Blutwerte überprüft, um die Folgen für weitere infizierte Schwangere zu erforschen. Das RKI war begeistert und ließ sich von mir eine Blut- und eine Stuhlprobe, Muttermilch und Nabelschnurblut zuschicken. Wäre doch toll, wenn ich damit anderen infizierten Schwangeren geholfen hätte.

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